Inaktives Forschungsgefährt "Opportunity" Wacht der Marsroboter jemals wieder auf?

Seit mehr als einem halben Jahr versuchen Weltraumexperten Kontakt zum verstummten Marsroboter "Opportunity" herzustellen - ohne Erfolg. Teamleiter Bill Nelson will trotzdem nicht aufgeben. Was treibt ihn an?

Science/ Nasa/ JPL

Aus Pasadena berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein bisschen ist es so, sagt Bill Nelson, als hätte man ein Kind. Ein jugendliches Kind. Dieses Kind sei nun zum ersten Mal abends ohne die Eltern unterwegs. Und mittlerweile sei es eben ein bisschen überfällig, die vereinbarte Rückkehrzeit sei überschritten. "Da fängt man dann an, sich ein paar Gedanken zu machen. Man verfällt noch nicht in Panik. Aber man macht sich Gedanken", sagt Nelson.

Nur dass das Kind, von dem hier die Rede ist, nicht in irgendeiner Bar unterwegs war oder in einem Club, sondern in der Tiefebene Meridiani Planum auf dem Mars.

Und dass es sich eben nicht wirklich um ein Kind handelt, sondern um einen Roboter. Genau genommen um ein sechsrädriges Mini-Auto namens "Opportunity". Seit sechs Monaten hat es nichts von sich hören lassen.

Das mit dem Kind, nun ja. Nelson rechtfertigt sich ungefragt für den Vergleich: "Natürlich ist das nur ein Haufen Plastik und Metall, eine Menge Teile. Aber dadurch, dass wir uns damit befassen, wird es zu unserem Kind. Das ist eine sehr menschliche Sache."

Nelson, ein freundlicher, mittlerweile ergrauter Mann, arbeitet seit Jahrzehnten im Auftrag der Nasa. Er war schon dabei, als die "Voyager"-Zwillingssonden zum Rand des Sonnensystems geschickt wurden. Bei "Opportunity" leitet er das Team der Missionsingenieure. Und denen hat das Gefährt in diesem Jahr viele Sorgen bereitet.

Verdunkelte Solarpaneele

Am 10. Juni hat sich der Roboter zum letzte Mal bei der Erde gemeldet. Da zog gerade ein Sandsturm durch die dünne Marsatmosphäre - und verdunkelte die Sonne so stark, dass die Solarzellen des Forschungsroboters in der Folge wohl nicht mehr genug Strom zum Auffüllen der Batterien erzeugten. Am Jet Propulsion Laboratory im kalifornischen Pasadena, wo Nelson arbeitet, lauschen sie seitdem mithilfe der riesigen Antennen des Deep Space Network ins All hinaus, schicken Kommandos an den schlafenden Rover - bisher ohne Erfolg.

Der Sandsturm ist zwar längst vorbei. Womöglich hat er aber so viel Schmutz auf den Solarpaneelen des Rovers abgelagert, dass die Solarzellen weiterhin nicht funktionieren. In diesem Fall könnten Nelson und seine Leute nur darauf hoffen, dass die Körner vom Wind wieder weggeweht werden. "So eine Säuberung würde die Menge an Energie erheblich erhöhen, die uns zur Verfügung steht", sagt Nelson.

Kompliziert wird die Sache dadurch, dass im Fall einer leeren Batterie auch die interne Uhr des Roboters nicht mehr weiß, wie spät es ist. Und das wiederum bereitet Probleme, weil die Maschine nicht weiß, wann es die Erde anfunken soll. Oder weil es versuchen könnte, ausgerechnet jeweils kurz vor Sonnenuntergang alle Bordsysteme hochzufahren. Denn dann würde das Heizelement die verfügbare Energie verpulvern. Für alle anderen Systeme wäre kein Strom mehr da - und "Opportunity" hätte erneut eine ungeplante Sendepause.

Alle Probleme ließen sich lösen. Bis jetzt.

Der Roboter ist ein Überlebenskünstler, das hat er vielfach bewiesen. "Er hat so viel durchgemacht, in so einer unwirtlichen Umgebung", sinniert Nelson. Mal steckte der Rover in einer Sanddüne fest und konnte nur mühevoll befreit werden. Mal schwächelte einer der Antriebe - und die Experten entschieden sich, ihn dadurch zu schonen, dass sie rückwärts weiterfuhren. Mal machte ein altersschwaches Gelenk am Roboter der Nasa zu schaffen, mal ein defekter Speicher - doch alle Probleme ließen sich lösen.

Dass es auch diesmal so sein wird, darauf hoffen Nelson und seine Kollegen.

Eigentlich war die Mission nach der Landung Anfang 2004 nur auf 90 Marstage angesetzt, daraus wurden dann mehr als 5000. Im Jahr 2007 hatte die Sonde auch schon einmal einen schweren Sandsturm überstanden. Während ihre Zwillingssonde "Spirit" im März 2010 nach gut sechs Jahren auf dem Mars den Dienst quittierte, fuhr und fuhr "Opportunity"- insgesamt mehr als 45 Kilometer und damit weiter als jedes andere von Menschen gebaute Gerät außerhalb der Erde.

"Opportunitys" wichtigste Leistung ist der Beweis, dass es auf der Oberfläche des Mars einst große Mengen Wasser gab. Demnach lag die Landestelle vor langer Zeit am Ufer eines Salzsees oder gar Ozeans. Damit hat "Opportunity" Forschern wertvolle Hinweise geliefert, wo bei künftigen Marsmissionen nach Leben zu suchen wäre.

Leben, das längst vergangen ist - oder gar Leben, das bis heute existiert.

Das wären dann vermutlich bestenfalls ein paar vergleichsweise simple Mikroben. Und dennoch würde solch eine Entdeckung unser Verständnis vom Kosmos - und der Rolle unserer Erde und ihrer Bewohner - vollkommen revolutionieren.

Vorerst bis Ende Januar Zeit

"Opportunitys" Verdienste um die Forschung sind also unbestritten - schon allein deswegen wäre zu hoffen, dass der Roboter noch mehr Daten sammeln und Fotos machen kann. Mitte November hatte es für kurze Zeit so ausgesehen, als hätte sich der Roboter zu Hause gemeldet. Doch die vermeintlichen Signale, so stellte sich nach einer Analyse heraus, stammten gar nicht vom Mars.

Nun haben Nelson und seine Kollegen von der Nasa vorerst bis Ende Januar Zeit bekommen, doch noch einen Kontakt herzustellen. "Wenn das nicht klappt, fängt die Sache wirklich an, schlecht auszusehen", seufzt der Wissenschaftler.


Zusammengefasst: Seit mehr als einem halben Jahr hat die Nasa keinen Kontakt mehr zu ihrem Mars-Roboter "Opportunity". Der hatte seinen Betrieb eingestellt, weil die Solarzellen wegen eines Sandsturms keinen Strom mehr lieferten. Der Sturm ist inzwischen vorbei, "Opportunity" hat sich allerdings trotzdem nicht gemeldet. Bei der Nasa hofft man, dass Winde eventuell auf den Solarzellen liegenden Staub entfernen - und sich das Marsauto doch noch meldet. Im Januar wird ansonsten darüber entscheiden, ob die Mission offiziell eingestellt werden soll.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
swandue 26.12.2018
1.
Kann man denn die Solarpaneele nicht so bauen, dass sie bei einem Sandsturm hochkant gestellt werden können? Und dann Energie sparen, bis die Sonne wieder scheint.
zeichenkette 26.12.2018
2. Irgendwann ist halt Schluss
Die Dinger halten nunmal nicht ewig, und wenn der Strom knapp wird und es auch für das minimalste Temperaturmanagement nicht mehr reicht, ist die Gefahr groß, dass die Akkus kaputtgehen oder irgendein Bauteil aufgrund der thermischen Lastwechsel den Geist aufgibt. Und dann ist das halt nur noch ein toter Haufen Technik, der nie mehr wach werden wird. Dass die NASA dann irgendwann einen Schlussstrich zieht, ist nur vernünftig. Schon die ursprüngliche Lebenszeit von Opportunity hatte weniger damit zu tun, dass das Ding nicht länger halten würde, sondern mit dem Budget, das man für längere Betriebszeit hätte einplanen müssen. Um das Projekt überhaupt durchzubekommen, hat man erstmal nur 90 Tage Lebensdauer (und damit Missionssupport) vorgesehen, auch wenn allen klar war, dass man das Ding so gebaut hat, dass es so lange hält wie möglich und das ist viel länger -- denn jedem war klar, dass die NASA dann nicht einfach den Geldhahn zudrehen wird, wenn die 90 Tage rum sind und das Ding immer noch funktioniert. Aber die vergangenen 6 Monate haben dauerhaft Geld gekostet, ohne jedes Ergebnis. Dass die beteiligten Techniker und Wissenschaftler noch lange nicht aufgeben wollen, ist verständlich, aber dass die NASA nicht ewig weiterzahlen wird, auf den Verdacht hin, dass das Ding sich doch nochmal meldet, ist auch klar. Bei jeder Mission muss man irgendwann sagen "es war toll und nützlich und hat sich gelohnt, aber jetzt ist Schluss, wir brauchen unser Budget und unsere Leute und die Empfangskapazitäten unseres Deep Space Networks für andere Missionen, die tatsächlich Daten liefern". Von daher: Lasst den armen Rover einfach in Ruhe. Er hat es sich redlich verdient.
mit66jahren 27.12.2018
3. Bill Nelson sollte es gut sein lassen
14 Jahre hat der Opportunity-Akku gehalten. Es ist eine lange Zeit für einen Akku. Der letzte Sandsturm könnte der Auslöser gewesen sein, dass er nun seinen Geist aufgegeben hat und ein "Aufwecken" aussichtslos ist. Aber dennoch war die Opportunity-Mission eine tolle Erfolgsstory.
GrüneLeuchte 27.12.2018
4.
Weiß einer was für ein Akku der Rover hat. 14 Jahre ist eine stolze Zahl und es wäre wünschenswert wenn die Akkus der Mobiltelefone wenigsten halb so lange halten würden.
rudolfsikorsky 27.12.2018
5. swandue
Die Verwendung von Solarzellen bei den Marsrovern Spirit und Oportunity muss man als Test betrachten. Die Eroberung des Mars hat gerade erst begonnen. Der aktuelle Rover Couriosty wird von einer Plutonium Radionuklid Batterie angetrieben. Couriosty besitzt keine Solarzellen mehr und ist damit unabhängig von den jahreszeitlich wiederkehrenden globalen Staubwind ( Sturm ist das falsche Wort , Stürme wie zb im Film Der Marsianer gibt es auf dem Mars mit seiner dünnen schleierartigen Restatmospherenatürlich nicht ) der die früheren Rover immer in die Winterpause gezwungen haben.
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