Paralleluniversen Man lebt nur x-mal

Frühes Universum nach dem Urknall (Zeichnung): Vielleicht nur die halbe Wahrheit
Schaller / NASA / MSFC

Frühes Universum nach dem Urknall (Zeichnung): Vielleicht nur die halbe Wahrheit

Von Tobias Hürter und Max Rauner

2. Teil: Warum ist die Welt so, wie sie ist?


Leonard Susskind, Jahrgang 1940, Physikprofessor an der Stanford University in Kalifornien, ist einer von denen, die diesen Traum wahrmachen wollten. Susskind zog aus, eine allumfassende Theorie zu finden - die Weltformel. In den Achtzigerjahren glaubte er, den Schlüssel gefunden zu haben: die Stringtheorie, die Elementarteilchen als winzige vibrierende Saiten (Strings) beschreibt.

Dann jedoch zeigte sich, dass die Stringtheorie nicht eine einzige Weltformel liefert, sondern unüberschaubar viele. Vor einigen Jahren dämmerte Susskind, dass es sich vielleicht genau so gehört: Es kann keine eindeutige Weltformel geben, weil es nicht nur eine Welt gibt. Jede Lösung der Stringtheorie beschreibt womöglich ein reales Universum - mit eigenen Naturgesetzen und Naturkonstanten, einer eigenen Geschichte und einer eigenen Zukunft. In einigen Universen ist die Gravitationskraft so stark, dass diese Welten innerhalb kurzer Zeit wieder in sich zusammenstürzen, andere existieren ewig, bleiben aber leer, wieder andere bringen Sterne hervor, aber keine Planeten wie die Erde. Und unser eigenes Universum hatte genau die richtigen Naturgesetze, um 14 Milliarden Jahre nach dem Urknall intelligente Menschen hervorzubringen, die sich über den Ursprung des Universums den Kopf zerbrechen.

Die uralte Grundfrage - Warum ist die Welt so, wie sie ist? - erhält im Multiversum eine ganz einfache Antwort: Unsere Welt ist nur eine von unzählig vielen anderen Welten, die zum Teil ganz anders beschaffen sind, zum Teil unserer ähneln. Unser Universum ist statistische Normalität. So normal wie ein Sechser im Lotto, wenn nur genug Leute mitspielen. Susskinds Szenario ähnelte auffallend dem Blasen-Multiversum von Alexander Vilenkin. Statt an die Weltformel glaubt Susskind nun an das Multiversum. "In hundert Jahren", prophezeit er, "werden Philosophen und Physiker wehmütig auf die Gegenwart zurückblicken und sich an ein Goldenes Zeitalter erinnern, in dem die kleinbürgerlich enge Vorstellung vom Universum des 20. Jahrhunderts einem größeren und besseren Megaversum mit einer Landschaft von Schwindel erregenden Ausmaßen Platz machte."

Susskind und Vilenkin kommen aus unterschiedlichen Teilgebieten der Physik, beide sind beim Multiversum gelandet. Die Wege kreuzen sich - das ist ein Grund, warum die Theorie derzeit so heftig diskutiert wird. Der zweite Grund: Die Theorie vom Multiversum grenzt an Science-Fiction. "Ich halte den Ansatz für gefährlich", sagt Paul Steinhardt von der Princeton University. Die Theorie sei zu spekulativ, "die Wissenschaft käme zu einem deprimierenden Ende". Wer das Multiversum akzeptiert, opfere hehre Ideale der Wissenschaft, vor allem die Forderung nach Überprüfbarkeit in Experimenten.

Sehnsucht nach fremden Welten

Denn die Paralleluniversen sind unzugänglich für direkte Beobachtungen. Lichtstrahlen können nicht von einem Universum ins andere gelangen. Darf ein Naturwissenschaftler trotzdem über sie reden? Die Frage entzweit die Physiker.

Das Multiversum wird sich nicht leichter durchsetzen als einst das kopernikanische Weltbild. Bisher ist die These, dass es da draußen andere Universen gibt, lediglich ein sich verdichtender Verdacht. Nur wenn er wenigstens in einigen Punkten empirischen Tests standhält, werden wir die Fortsetzung der kopernikanischen Revolution erleben. Aber schon jetzt zeichnet sich eine Parallele zur Situation vor 500 Jahren ab: Kopernikus hat das heliozentrische Weltbild nicht erfunden, sondern ihm nur zu seinem Recht verholfen. Andere hatten es vor ihm gedacht. Ähnlich ist es mit dem Multiversum.

Schon im ersten Jahrhundert vor Christus prophezeite der römische Dichter Lukrez, dass "Himmel, Erde und Meer, auch Sonne und Mond in Unzahl vorhanden sind". Im 13. Jahrhundert debattierten Kleriker und Gelehrte die Frage, ob ein christlicher Gott unendlich viele Welten geschaffen haben könne. Immanuel Kant sinnierte ganz selbstverständlich über Welteninseln weit draußen im Kosmos. Ideen von Multiversen finden sich heute in den Werken berühmter Schriftsteller wie Vladimir Nabokov und Jorge Luis Borges. Seit jeher denken Menschen mit Schaudern und Sehnsucht an fremde Welten. Unsere Zeit könnte die sein, in der sich die Phantasie als Wirklichkeit erweist.

(Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die verrückte Welt der Paralleluniversen", das vor kurzem im Piper-Verlag erschienen ist)

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insgesamt 248 Beiträge
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Seite 1
Zodiac23, 25.12.2009
1. Das Unwissen der Physiker
Solange nichts unter der Plank Länge gemessen/nachgewiesen werden kann, ist die StringTheorie eben nur das : eine Theorie, die bisher nicht besonders viel erbracht hat.(Das haben aber Konkurrenz Theorien wie Quanten-Loop Gravity auch nicht). Die Wahrheit ist, das die theoretische Physik seit Jahrzehnten feststeckt ohne irgendwie weiter zu kommen. Man hofft immer auf den nächsten Teilchenbeschleuniger, aber auch das führt zu nichts. Im übrigen ist unser Universum wahrscheinlich kein 'echtes' sondern nur eine Simulation. http://www.simulation-argument.com/
Zyklotron, 25.12.2009
2. Den Glauben in der Kirche lassen.
Zitat von sysopUnser Universum ist eines von vielen, und jeder Mensch hat Doppelgänger in anderen Welten: Diese Idee trieb lange nur philosophisch inspirierte Außenseiter um. Jetzt gewinnt sie in der Elite der Theoretischen Physik mehr und mehr Verfechter. Wird die Kosmologie zur Glaubenssache? http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,666555,00.html
Eine unsinnige Frage. Physik, also Wissenschaft allgemein, ist keine Glaubensfrage, sondern die Erwägung einer Wahrscheinlichkeit.
Realo, 25.12.2009
3. Wow !
Diese Erkenntnis hatte ich schon als 8 jähriger, als ich begonnen habe in großer Menge Bücher zu lesen. Man ist das lange her......
profdoc, 25.12.2009
4. leider nein ..
Zitat von Zodiac23Solange nichts unter der Plank Länge gemessen/nachgewiesen werden kann, ist die StringTheorie eben nur das : eine Theorie, die bisher nicht besonders viel erbracht hat.(Das haben aber Konkurrenz Theorien wie Quanten-Loop Gravity auch nicht). Die Wahrheit ist, das die theoretische Physik seit Jahrzehnten feststeckt ohne irgendwie weiter zu kommen. Man hofft immer auf den nächsten Teilchenbeschleuniger, aber auch das führt zu nichts. Im übrigen ist unser Universum wahrscheinlich kein 'echtes' sondern nur eine Simulation. http://www.simulation-argument.com/
Nein, ist es nicht. Ich habe vor kurzem mit einem der Simulatoren gesprochen. Sie haben es versucht, aber herausgekommen ist nichts anderes als die Stringtheorie. Und die kennen wir bereits ....hilft also alles nichts; wir müssen weitermachen bis irgendwann ...
aweil 25.12.2009
5. absurd
Die Physik flüchtet sich in die Religion und andere nicht zu beweisende Phantasiegebilde, seitdem sie eingesehen hat, daß die Menschheit zu dumm ist, um zu verstehen. Physik ist somit unnötig wie ein Kropf und weiß das. Sie hat sich selber ad absurdum geführt.
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