Mini-Labor mit Energiemangel "Philae" geht der Strom aus

Die spektakuläre Landemission auf dem Kometen Tschuri könnte schon am Wochenende zu Ende gehen: "Philaes" Solarzellen produzieren zu wenig Strom. Die Hauptbatterie leert sich, Forscher sprechen von den letzten Zuckungen.

ESA/ Rosetta/ Philae/ CIVA

Zuerst die gute Nachricht: Nach einem Funkloch in der Nacht schickte das Mini-Labor "Philae" auch am Freitag wieder Daten vom Kometen Tschuri. Die Verbindung sei stabil, sagte ein Sprecher der Europäischen Weltraumorganisation Esa in Darmstadt. Mittlerweile sei auch ein Thermometer eingeschaltet worden und sammle Daten.

Doch es gibt auch eine schlechte Nachricht: Der schattige Landeplatz auf dem Kometen erschwert das Aufladen der Batterien. Statt sechs Stunden pro Tag bekommt "Philae" wohl nur 1,5 Stunden lang Sonne ab, wie DLR-Forscher Koen Geurts berichtete. Die Solarzellen liefern somit viel weniger Strom als erhofft.

Die Hauptbatterie kann den Lander nur bis zu 60 Stunden nach der Landung versorgen. Diese Zeitspanne endet am Samstag. "Es wäre unerwartet, wenn Samstag noch genügend Energie da ist", sagte Flugdirektor Andrea Accomazzo am Freitag im Kontrollzentrum der Esa in Darmstadt.

"Er hat nur noch einige Stunden Lebensdauer mit seiner Batterie", sagte Projektleiter Philippe Gaudon von der französischen Raumfahrtbehörde CNES am Freitag. "Danach sollen eigentlich die Solarbatterien übernehmen, aber der Roboter ist im Schatten."

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Lander "Philae": Blackout auf Kometen

Die Esa und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln rechnen damit, dass am Freitagabend etwa um 21.00 Uhr sehr wahrscheinlich die letzte Möglichkeit bestehen wird, mit dem Lander zu kommunizieren. "Das sind die letzten Zuckungen von "Philae", sagte Projektleiter Stephan Ulamec vom DLR. Das Team stelle sich zwar noch auf neue Daten ein: "Aber der Samstag ist unrealistisch."

Ein langer Schlaf soll "Philae" retten

Ganz aufgegeben haben die Wissenschaftler und Ingenieure ihren Lander aber noch lange nicht. Sie hoffen, dass sich Tschuri durch seine eigene Rotation so zur Sonne dreht, dass "Philae" mehr Licht bekommt. Allerdings wissen sie bislang nicht einmal, wo genau der Apparat letztlich gelandet ist. Er war am Mittwoch nach der Bodenberührung vom Kometen wieder abgeprallt und dürfte etwa einen Kilometer vom geplanten Landepunkt weggeschwebt sein.

Laut DLR wird "Philae" nun in den Schlaf versetzt. Möglicherweise könne das Labor wieder Energie tanken, wenn es auf "Tschuri" Richtung Sonne geht. "Das wird aber wahrscheinlich nicht in den nächsten zwei Monaten sein", sagte DLR-Mann Geurts. Und irgendwann droht der Hitzetod.

Landebereiche auf Tschuri: In der Region J, genannt Agilkia, sollte "Philae" zum Stehen kommen. Dort berührte sie auch den Kometen, prallte aber wieder ab. Die Forscher vermuten den Landeapparat nun in der Region B.
ESA/ Rosetta/ MPS for OSIRIS Team/ UPD/ LAM/ IAA/ SSO/ INTA/ UPM/ DASP/ IDA

Landebereiche auf Tschuri: In der Region J, genannt Agilkia, sollte "Philae" zum Stehen kommen. Dort berührte sie auch den Kometen, prallte aber wieder ab. Die Forscher vermuten den Landeapparat nun in der Region B.

Die Forscher könnten auch versuchen, die Lage des in felsigem Gebiet stehenden Landers zu verändern. Eine andere Ausrichtung der Solarzellen könnte die Stromerzeugung deutlich verbessern. Zur Lageänderung eignen sich im Prinzip alle beweglichen Teile des Apparats, etwa der Bohrer.

Um die womöglich nur noch wenigen verbleibenden Stunden oder Tage zur Datengewinnung zu nutzen, haben die Wissenschaftler am Freitag den Befehl zum Einsatz des Bohrers gegeben. Dieser soll Bodenproben gewinnen, die anschließend im Innern des Landers analysiert werden. Die Aktion ist nicht frei von Risiken, denn sie könnte den Lander destabilisieren.

Weil "Philae" nicht wie geplant mit Schrauben und Harpunen im Boden verankert ist, droht nach dem Einschalten des Bohrers sogar ein erneutes Abheben des Apparats. Die Anziehungskraft des Kometen ist sehr gering. Aber auch ohne die Bohrung könnten "70 bis 80 Prozent der erwarteten wissenschaftlichen Daten für die erste Lebensphase" des Roboters erhoben werden, wie CNES-Projektleiter Gaudon sagte.

Das kühlschrankgroße Mini-Labor "Philae" war am Mittwochnachmittag auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, genannt Tschuri, gelandet, rund 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Die spektakuläre Mission ist einzigartig in der Raumfahrtgeschichte. Das Mutterschiff von "Philae" mit dem Namen "Rosetta" umkreist derweil weiter den Kometen. Es hält die Funkverbindung zum Lander und leitet die Daten weiter zur Erde.

"Rosetta" legte in den vergangenen zehn Jahren rund 6,5 Milliarden Kilometer im All zurück. Die Sonde war mit "Philae" an Bord am 2. März 2004 mit einer Ariane-5-Rakete von der Weltraumstation Kourou in Französisch-Guayana in Südamerika gestartet. Die Mission soll bis Ende 2015 dauern. Auch wenn es den Forschern gelingt, das Energieproblem zu lösen, wird "Philae" seine Arbeit trotzdem spätestens im März einstellen. Dann kommt der Komet der Sonne so nah, dass die Elektronik wegen der hohen Temperaturen ausfällt.

3D-Modell der Raumsonde

hda/AFP/dpa/Reuters/AP

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insgesamt 209 Beiträge
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Seite 1
Monsterwelle 14.11.2014
1. Zeit zum Umdenken ...
Solarzellen haben eben die Tücke, dass sie Sonne brauchen, was uns aber nicht davon abhält, in unseren hohen Breiten auch im Winter weiter von der Energiewende auch mit Hilfe von Solarenergie zu träumen, gell? Zeit zum Umdenken ist damit sicher nicht oder? Ist ja bloß eine Sonde, die schief am falschen Platz gelandet ist ;)~
syracusa 14.11.2014
2. erneutes Abheben des Landers
Das erneute Abheben des Landers beim Versuch einer Lageänderung wäre ja auch nicht unbedingt das schlechteste, sondern sollte als letzte Möglichkeit unbedingt offen gehalten werden. Der Lander wird danach schon wieder auf den Kometen niedergehen, und wer weiß, vielleicht in einer besseren Lage als jetzt.
reuanmuc 14.11.2014
3.
Möglicherweise wird der Bohrer heute noch in Gang gesetzt. Vielleicht ändert Philae dadurch seine Lage. Es gibt nichts mehr zu verlieren.
protagon 14.11.2014
4. Genau, Monsterwelle,
... eine Sonde liegt hunderte Millionen Kilometer entfernt schräg auf einem Satelliten, deshalb wird das nichts mit der Energiewende.
Hans_Mustafa_Schimanski 14.11.2014
5. Frarge zur Entfernung
Es heißt immer wieder, die Sonde harbe eine Entfernung von circer 6,7 Milliarden Killometern zurückgelegt? Anderswo hieß es jedoch auch, der Komät sei 550 Millionen KM entfernt. Wie passt dies zusammen und wie ist dies genau zu erklären? Bitte um Aufklärung.
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