Physiker-Streit 80 Jahre alter Brief rehabilitiert Astronom Hubble

Eine Physik-Konstante und ein Weltraumteleskop tragen seinen Namen - doch es sind Zweifel an Edwin Hubble aufgekommen. Ließ er die Arbeit eines Konkurrenten zensieren, um allein den Ruhm zu ernten? Ein neu entdeckter Brief löst das Rätsel um den US-Astronomen und die Expansion des Alls.

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Edwin Hubble brachte es zu bleibendem Ruhm. Nach dem US-Astronomen ist eine kosmologische Größe benannt - die Hubble-Konstante -, und auch das vor 21 Jahren von der Nasa in den Erdorbit gebrachte Weltraumteleskop trägt seinen Namen.

Doch kürzlich wurden Vorwürfe gegen den 1953 verstorbenen Forscher laut. Um die mögliche Zensur eines Kollegen ging es, eine schwerwiegende Beschuldigung. Im Fachmagazin "Nature" berichtet der US-Physiker Mario Livio vom Space Telescope Science Institute jetzt von der Lösung dieses Wissenschaftskrimis.

Verehrt wird Hubble vor allem für seinen Beitrag zur Entwicklung der nach ihm benannten physikalischen Konstante. Diese beschreibt, mit welcher Geschwindigkeit sich das Universum ausdehnt. Aus der Theorie übers expandierende All ließ sich schließen, dass es einen Anfang hatte, den Urknall. Physiker halten die These über die Ausdehnung des Universums für eine der wichtigsten Entdeckungen überhaupt. Hubble stellte die Konstante im März 1929 im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" vor.

Doch ein anderer Forscher veröffentlichte ähnliche Überlegungen bereits zwei Jahre früher, also 1927: Georges Lemaître. Der belgische Priester und Astronom schrieb darüber auf französisch in den "Annales de la Société scientifique de Bruxelles", einem international wenig bekannten Fachmagazin.

1931 aber, ein Jahr nach Hubbles Veröffentlichung, druckte ein renommiertes Wissenschaftsjournal, die "Monthly Notices of the Royal Astronomical Society" Lemaîtres Text nach - auf englisch, damit er ein größeres Publikum erreichen konnte.

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"Hubble"-Teleskop: Faszinierende Fotos zum Jubiläum
In der Übersetzung fehlen wichtige Passagen

Doch der Text hatte sich verändert: Einige wichtige Passagen fehlten. Darunter auch die, in der Lemaître die Hubble-Konstante beschreibt und die Ausdehnungsrate des Universums berechnet. Nur durch die Auslassungen konnte Hubble weiter der größte Anteil an der Entwicklung der Konstante zugesprochen werden.

Die Diskrepanz zwischen Originaltext und englischer Fassung hatten Wissenschaftler schon früher bemerkt, aber vor kurzem entbrannte die Debatte um die fehlenden Textteile erneut. Wer hatte den Artikel übersetzt? Und wer hatte die relevanten Passagen gekürzt? "Unterm Strich sieht es so aus, als ob der Übersetzer die Teile aus Lemaîtres Artikel von 1927 absichtlich gestrichen hat, die sich um die Bestimmung dessen drehen, was heute als Hubble-Konstante bekannt ist", schrieb etwa der kanadische Astronom Sidney van den Berg im "Journal of the Royal Astronomical Society of Canada". Der Grund dafür bleibe ein Rätsel, schloss der Forscher.

David Block von der University of Witwatersrand im südafrikanischen Johannesburg nannte zwei Forscher als mögliche Zensoren, die Hubble und seinen - wie Block es formuliert - "schwierigen Charakter" kannten: William Smart und Arthur Eddington.

Tatsächlich lässt sich ein Brief von Smart, der damals Herausgeber der "Monthly Notices" war, an Lemaître so deuten, dass er den Belgier aufforderte, Teile seines Originalartikels bei der anstehenden Publikation wegzulassen.

Mario Livio will nun einen Schlussstrich unter diese Debatte ziehen. Er hat gute Argumente, denn er konnte einen Brief von Lemaître an William Smart ausgraben. Der stellt nicht nur klar, dass der Belgier seinen Text selbst übersetzt hat, sondern dass Lemaître auch für die Kürzung verantwortlich ist. Der Astronom schreibt, dass er es nicht sinnvoll fand, die fraglichen Passagen erneut zu drucken, da sie inzwischen nicht mehr von Interesse seien.

Stiglers Gesetz greift erneut

Der Brief gebe einen Einblick in die Haltung einiger Forscher der zwanziger Jahre, meint Livio. "Lemaître war nicht davon besessen klarzustellen, dass es ursprünglich seine Entdeckung war. Nachdem Hubbles Ergebnisse 1929 veröffentlicht worden waren, sah er keinen Sinn mehr darin, seine eigenen vorläufigen Ergebnisse erneut zu publizieren."

Umso mehr gebührt dem anscheinend bescheidenen Belgier etwas von dem Ruhm, den größtenteils Hubble einheimste. Dies gilt allerdings ebenso für andere Astronomen, auf deren Erkenntnisse Hubbles und Lemaîtres Theorien fußen. "Große Entdeckungen werden nie vollkommen allein gemacht", schreiben die Forscher Harry Nussbaumer und Lydia Bieri in ihrem Buch "Discovering the Expanding Universe" zu dem Fall.

Immerhin belegt die Hubble-Konstante in ihrer heutigen Form eine weitere These: Stiglers Gesetz. Demnach ist keine wissenschaftliche Entdeckung nach ihrem Entdecker benannt.

Vielleicht wird Lemaître posthum noch dieselbe Ehre zuteil wie Hubble: Mehrere Astronomen haben bereits vorgeschlagen, ein künftiges Teleskop nach ihm zu benennen.

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insgesamt 26 Beiträge
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kupidon, 10.11.2011
1. Das Leben ist nicht immer gerecht.
Auch Wenn Hubble den Ruhm nur für sich hatte, ist es richtig und erfreulich, dass die Leistung von Georges Lemaître annerkannt und gewürdigt wurde. Es gibt viele Menschen mit beispielhafter Selbstlosigkeit nur kennt man leider zu wenige. Erfreulich auch dass Hubble nichts damit zu tun hatte.
sackpfeife 10.11.2011
2. ...
Und wer hat eigentlich Stigler's Law entdeckt?
Nonvaio01 10.11.2011
3. Unwichtig
Meiner meinung nach ist es unwichtig wer was erfunden hat, es ist die erfindung oder die kenntniss die gewonnen wurde was Zaehlt. Nicht das ich einem nichts goenne, aber es ist teilweise so das leute nicht ernstgenommen wurden nur weil diese keinen NAMEN haben. Was auch nervt ist das man meist gefragt wird wer das denn gesagt oder erfunden hat, obwohl das eigentlich egal ist wenn man das ergebnis kennt. Anyway, ich hoffe das Hubble teleskop wird noch lange einen guten dienst fuer uns erledigen.
peterbruells 10.11.2011
4. Stigler's Law
Zitat von sackpfeifeUnd wer hat eigentlich Stigler's Law entdeckt?
Laut Stigler Robert K. Merton. http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Stigler%27s_law_of_eponymy&oldid=459708387
sample-d 10.11.2011
5. ||||||||||||||
Zitat von Nonvaio01Meiner meinung nach ist es unwichtig wer was erfunden hat, es ist die erfindung oder die kenntniss die gewonnen wurde was Zaehlt. Nicht das ich einem nichts goenne, aber es ist teilweise so das leute nicht ernstgenommen wurden nur weil diese keinen NAMEN haben. Was auch nervt ist das man meist gefragt wird wer das denn gesagt oder erfunden hat, obwohl das eigentlich egal ist wenn man das ergebnis kennt. Anyway, ich hoffe das Hubble teleskop wird noch lange einen guten dienst fuer uns erledigen.
Ich denke wenn es niemanden interessiert wer etwas entdeckt hat schwindet auch die Motivation für Forscher etwas zu entdecken.. Zum Glück werden ja grosse Entdeckungen nach Ihren Entdeckern benannt. Das Hubble Teleskop wurde übrigens nicht von Hubble entwickelt ;)
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