Planetenforschung Mysteriöses Mars-Gesicht in 3D

Vor exakt 30 Jahren fotografierte eine US-Sonde das berühmte Marsgesicht: Felsen, die wie ein menschliches Antlitz aussehen. Jetzt hat die Esa-Sonde "Mars Express" das rätselhafte Gebilde in 3D aufgenommen - und jeglicher Legendenbildung die Grundlage entzogen.

Von


Kaum ein anderes Foto einer Raumsonde hat Ufologen, Verschwörungstheoretiker und Hobby-Astronomen so fasziniert wie die Aufnahme des Marsgesichts. Die US-Sonde "Viking 1" erspähte das menschlich wirkende Antlitz am 25. Juli 1976. In einer wenige Tage später veröffentlichten Pressemitteilung sprachen Nasa-Wissenschaftler von einer Felsformation, die "einem menschlichen Kopf ähnlich" sei. Anders als viele Freizeitforscher gingen die Nasa-Experten von einer optischen Täuschung aus: Dass vermeintlich Augen, Mund und Nase zu sehen sind, liege am Sonnenstand und der Form des Felsen.

Höher aufgelöste Aufnahmen der US-Sonde "Mars Global Surveyor" aus den Jahren 1998 und 2001 bestätigten die These, dass es sich bei dem Marsgesicht um einen stark verwitterten Felsen handelt. Erosion statt außerirdische Gestalt - dies ist nun auch die Erkenntnis der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Sie das rätselhafte Gesicht mit der hochauflösenden Stereokamera HRSC an Bord der Sonde "Mars Express" abgelichtet. Die spektakulär detailreichen 3D-Bilder bestätigen die These, dass "Viking 1" vor 30 Jahren nichts anderes als einen verwitterten Tafelberg entdeckt hat.

Das Gesicht beginnt abzurutschen

Die HRSC-Kamera wurde entwickelt an der Freien Universität Berlin vom Planetenforscher Gerhard Neukum und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Sie erkundet das Mysterium schon seit längerem. "Die Stelle ist nie großräumig aufgenommen worden", sagt Neukum im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir haben mehrfach versucht, das Gesicht abzulichten und dabei immer Pech gehabt." Entweder war die Überflughöhe zu hoch, um Details der Felsen erkennen zu können. Oder Dunst und Staub in der Atmosphäre erschwerten die Sicht.

Am 22. Juli hatte das HRSC-Team endlich Erfolg: Ein großes Gebiet des Hochlands Cydonia auf der Nordhalbkugel des Roten Planeten wurde in bester Auflösung und dreidimensional aufgenommen. Um die Bilder noch zu verbessern, rechnete Neukums Team beim vermeintlichen Gesicht auch noch Bilddaten der US-Sonde "Mars Global Surveyor" in die HRSC-Daten hinein. Sämtliche Farb- und Geländedaten stammen aber ausschließlich von der HRSC-Kamera. Und gerade die 3D-Messungen machen die neuen Daten so besonders: Im Profil hat sich noch keine Forschungsgruppe das mysteriöse Gelände angesehen.

Die Aufnahmen enthüllen die genaue Struktur der Felsformation, die rund drei Kilometer lang und anderthalb Kilometer breit ist. "Auf dem Gesicht sieht man, wie es abzurutschen beginnt", sagt Neukum. Rund um die Formationen seien jedoch kaum abgerutschte Felsteile zu entdecken. "Die Schuttformationen wurden vermutlich von Lava überdeckt oder durch Wind erodiert."

Auch die Pyramiden sind entzaubert

Cydonia, die Region, in der das Felsgesicht liegt, gehört zur Übergangszone zwischen südlichen Mars-Hochländern und nördlichen Mars-Tiefländern. Typisch dafür sind Neukum zufolge Einzelberge unterschiedlicher Größe und Form - und breite, schuttgefüllte Täler. Das Marsgesicht sei einer der charakteristischen Tafelberge. Die westliche Wand sei als zusammenhängende Masse hangabwärts gerutscht und die Abbruchzone deutlich als große von Norden nach Süden verlaufende Abrisskante erkennbar.

Rund um die nahen Felsformationen, die auf Fotos wie eine Pyramidenstadt aussehen, seien Schutthalden zu erkennen, die beim Gesicht fehlen. Vor allem auch diese Pyramiden hatten nach ihrer Entdeckung durch "Viking 1" zu wilden Spekulationen geführt. Sie seien ebenso wie die altägyptischen Pyramiden astronomisch ausgerichtet, behaupteten selbsternannte Experten. Es handle sich um eine zerfallene Stadt. Sogar von einer "heiligen Geometrie" war die Rede.

Die neuen Aufnahmen von "Mars Express" belegen aber, dass es sich keinesfalls um Pyramiden handeln kann. Der Eindruck symmetrischer Außenkanten entstand in erster Linie durch das Zusammenspiel von Sonnenstand und Schattenwurf.

Alien-Fans werden sich davon allerdings kaum beeindrucken lassen. Die Mars-Region ist längst ein Mythos - verewigt in Computerspielen und im Science-Fiction-Film "Mission to Mars".



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.