Planetenverteidigung: Raumschiff soll Asteroiden abschleppen

Auf der Suche nach Schutzmaßnahmen vor einem katastrophalen Asteroiden-Einschlag sind Experten auf eine gewagte Idee verfallen: Ein Raumschiff soll gefährliche kosmische Brocken abschleppen - allein mit Hilfe seiner Schwerkraft.

Edward Lu ist ein Mann mit einer Mission. Ein bisschen so wie Bruce Willis im Hollywoodfilm "Armageddon" - nur dass Lu, ein Nasa-Astronaut, wohl nicht vorhat, sich am Ende für die Menschheit zu opfern. Wie Filmheld Willis will auch Lu die Erde vor der Bedrohung durch Asteroiden beschützen. "Die möglichen Konsequenzen sind schlimmer als die von normalen Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis oder Hurrikane", sagt Lu. "So schlimm die auch sein können - das hier würde sie in den Schatten stellen."

Asteroiden-Schleppschiff (Zeichnung): "Schlimmer als alle Naturkatastrophen"
Dan Durda-FIAAA/B612 Foundation

Asteroiden-Schleppschiff (Zeichnung): "Schlimmer als alle Naturkatastrophen"

Mit "das hier" meint der Astronaut den Einschlag eines großen Asteroiden auf der Erde. Schon der Treffer eines Brockens von 200 Metern Durchmesser könnte eine Stadt wie New York auslöschen und zusätzlich globale Auswirkungen haben. Noch größere Asteroiden könnten die Erde unbewohnbar machen. Jetzt hat Lu einen Plan, wie man dieses Unheil abwenden könnte: mit einem Raumschiff, das als Asteroidenschlepper dienen soll.

Er und Stanley Love, ein weiterer Astronaut, glauben, dass ein Asteroid auf Kollisionskurs mit der Erde allein mit Hilfe der Schwerkraft eines Raumschiffs von seiner Bahn abgelenkt werden kann. Im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 438, S. 177) beschreiben die beiden ihren Plan zur Rettung der Erde im Ernstfall.

Schwerkraft als Schleppseil

Demnach könnte ein Raumfahrzeug im Schwebeflug über einem herannahenden Asteroiden die Schwerkraft gewissermaßen als Abschleppseil nutzen und den Himmelskörper damit von seiner Bahn ablenken. Die Düsen des Raumschiffes müssten so ausgerichtet sein, dass der Strahl nicht die Oberfläche des Asteroiden trifft. Auf diese Weise könnte beispielsweise ein 20 Tonnen schweres Raumschiff einen 200 Meter großen Asteroiden von seinem Kurs abbringen, indem es ihn etwa ein Jahr lang an der Gravitationsleine führt, rechnen die beiden vor. Voraussetzung für den Erfolg einer solchen Mission sei eine rechtzeitige Vorwarnung, denn die Vorbereitungen würden rund 20 Jahre in Anspruch nehmen, schätzen die Astronauten.

Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass ein Raumschiff auf dem herannahenden Asteroiden landen müsse, um ihn von seiner gefährlichen Bahn abbringen zu können. Eine solche Aktion wäre aber mit vielen Schwierigkeiten verbunden: Die Oberfläche von Asteroiden ist rau und häufig nicht sehr stabil. Zudem rotieren Asteroiden meistens, was das stabile Andocken eines Raumschiffes zusätzlich erschweren würde.

Der Plan für den kosmischen Schleppkahn ist nicht Lus erster Versuch, eine Lösung für das Problem durch potentielle Planetenkiller aus dem All zu finden. Gemeinsam mit mehreren anderen Astronauten und einigen Wissenschaftlern hat er eine Organisation gegründet, deren Ziel es ist, Asteroiden von ihrer Bahn abzulenken - sozusagen eine Lobbygruppe für die Planetenverteidigung.

"Bis 2015", so die Selbstbeschreibung der "B612 Foundation", will man den Orbit eines Asteroiden "in bedeutsamem Maße verändern". Einen Kandidaten dafür hat man auch schon ausgemacht: Der Asteroid 99942 Apophis, der bisherigen Berechnungen zufolge im Jahr 2029 in einer vergleichsweise bescheidenen Entfernung von gut 30.000 Kilometern an der Erde vorbeirasen wird. Beim nächsten Vorbeiflug im Jahr 2036 wird der Abstand vermutlich noch geringer sein.

Ab welcher Kollisionswahrscheinlichkeit eingreifen?

Dass "Apophis" die Erde tatsächlich trifft, ist äußerst unwahrscheinlich - aber Lu und seine Mitstreiter wollen kein Risiko eingehen. Auch der Ex-Astronaut Rusty Schweickart glaubt, dass es aufgrund der augenblicklich errechneten Kollisionswahrscheinlichkeit Geldverschwendung wäre, für Hunderte von Millionen Dollar eine Ablenkmission zu "Apophis" zu schicken. Aber: "Die Frage ist, stimme ich einer Mission zu, wenn die Wahrscheinlichkeit 1:100 ist, wenn sie 1:50 ist, oder wenn sie 1:20 ist? Bei welcher Wahrscheinlichkeit fängt man an, Millionen oder Milliarden von Dollar auszugeben, um etwas zu unternehmen?"

Die "B612 Foundation" - die nach einem Asteroiden in Antoine St. Exupérys "Der Kleine Prinz" benannt ist - versteht sich als eine Art Lobbyorganisation für eine bessere Überwachung des Alls um die Erde. Sie fordert eine Behörde, die dafür zuständig ist, die sogenannten Near Earth Objects (NEOs) im Auge zu behalten. Derzeit wird das Thema bei der Nasa noch ziemlich stiefmütterlich behandelt. Bei einer SPIEGEL-ONLINE-Anfrage im vergangenen Jahr wusste man bei der US-Raumfahrtagentur nicht einmal, wer eigentlich für diese Frage zuständig ist. Die "B612 Foundation" fordert zudem, mit einer Raummission einen Sender auf "Apophis" zu installieren, so dass Forscher seine Bahn permanent verfolgen können und nicht auf die seltenen Radarkontakte angewiesen sind.

Nie getestete Abwehr-Varianten

Neben der neuen Idee für einen Asteroiden-Schlepper sind bislang vor allem vier andere Möglichkeiten der Abwehr solcher Brocken aus dem All diskutiert, aber nie getestet worden. Eine Variante wäre etwa der Beschuss mit Atomraketen. Das Problem dabei ist, dass eine solche Explosion im All unabsehbare Folgen hätte. Möglicherweise würde der Brocken nur in viele kleinere zerbröseln, die dann auf der Erde verteilt fürchterliche Schäden anrichten könnten.

Eine sanftere Variante wäre ein "Impaktor", gewissermaßen eine Bombe ohne Sprengsatz, die nur durch die Wucht des Aufpralls die Bahn eines Asteroiden ändert. Das würde ähnlich funktionieren wie die "Deep Impact"-Mission der Nasa. Die allerdings änderte die Bahn ihres Zieles, des Kometen "Tempel 1", praktisch gar nicht - was sie aber auch nicht sollte. Ein Impaktor, der das erreichen könnte, müsste eine gewaltige Masse haben.

Denkbar wäre auch, einen Raketenmotor zum Asteroiden fliegen zu lassen, ihn dort zu landen, zu verankern und im geeigneten Moment zu zünden, um den Weltraumbrocken umzulenken. Doch auch hier stellt sich das Problem der großen Masse: Um ein Objekt mit einem Kilometer Durchmesser oder mehr zu bewegen, bräuchte man Hunderte Tonnen Treibstoff, mithin 25 oder 50 Ariane-Raketen voll Sprit.

Eine vierte Möglichkeit wäre, große Sonnenspiegel zum Kollisionskandidaten zu schicken. Die könnten dann gezielt an einer Seite Licht auf die Oberfläche bündeln und damit Materie verdampfen. Dadurch hätte der Asteroid gewissermaßen seinen eigenen Antrieb, die Verdampfung würde Schub erzeugen und damit die Bahn des Objekts verändern - wenn auch sehr viel langsamer als ein Raketenmotor. Das Problem bei dieser Variante: Die Spiegel müssten längere Zeit in einem stabilen Orbit um den Asteroiden gehalten werden, und sie dürften nicht verschmutzen oder auf andere Art blind werden.

Im Vergleich zu all diesen Varianten erscheint die von Lu und Love erdachte Schlepper-Methode deutlich einfacher und realistischer. Ob sich die Nasa eines Tages auf ein solches Experiment einlässt, bleibt aber abzuwarten. Der "B612 Foundation" steht wohl noch einiges an Lobbyarbeit bevor.

Christian Stöcker

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