Revolution im Sonnensystem Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere 110 Planeten

Seit 2006 ist Pluto offiziell kein Planet mehr. Nun schlagen US-Astronomen eine neue Definition vor. Neben Pluto gäbe es dann mehr als 100 Planeten im Sonnensystem.

NASA/ JHUAPL/ SwRI

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Vor zwölf Jahren war unser Sonnensystem noch in Ordnung. Es gab neun Planeten - und jedes Kind wusste, wie sie heißen, dank eines simplen Merkspruchs: "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten". Die Anfangsbuchstaben der Wörter standen für die ersten Buchstaben der Planeten: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto.

Doch im August 2006 war es damit vorbei. Die International Astronomical Union (IAU) erkannte Pluto den Planetenstatus ab, indem sie eine neue Definition beschloss. Hier erfüllt Pluto nicht alle Kriterien. Er hat zwar eine kreisnahe Bahn um die Sonne und eine annähernd kugelförmige Gestalt - doch seine Umlaufbahn hat er nicht von anderem kosmischen Material freigeräumt. Hunderte Astronomen rebellierten, doch ihr Protest blieb vergebens. Der einstige Planet war plötzlich nur noch eine Nummer.

Bald 110 Planeten?

Aufgeben wollen die Pluto-Freunde jedoch auch elf Jahre später noch nicht. Ein Team um Kirby Runyon von der Johns Hopkins University schlägt nun eine neue Planetendefinition vor. Statt auf äußere Faktoren wie Umlaufbahn und andere Objekte in der unmittelbaren Umgebung zielt sie quasi auf innere Werte.

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Dunstige Eislandschaft: Spektakuläre Pluto-Fotos

Ein Planet ist demnach ein Körper, in dem keine Kernfusion stattgefunden hat (im Unterschied zu Sternen wie der Sonne) und dessen eigene Schwerkraft ihn zu einer annähernd kugelförmigen Gestalt geformt hat. Pluto habe "alles, was man mit einem Planeten assoziiert", sagt Runyon. "An ihm gibt es nichts, was nicht-planetar ist."

Die neue Definition würde Sterne, Schwarze Löcher, Asteroiden und Meteoriten ausdrücklich ausschließen, aber alle übrigen Objekte um einen Stern herum nicht. Bei Anwendung der neuen Definition gäbe es in unserem Sonnensystem nicht nur acht, sondern auf einen Schlag etwa 110 Planeten, berichteten die US-Forscher jüngst auf der Lunar and Planetary Science Conference in The Woodlands (Texas).

Bei einigen Planetenforschern sorgt der Vorschlag aus den USA für Kopfschütteln. Hat die Pluto-Versessenheit womöglich damit zu tun, dass Pluto der einzige von Amerikanern entdeckte "Planet" ist und diesen Status deshalb wiedererlangen sollte?

Frustrierte Forscher?

Ulrich Christensen vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen hat noch einen anderen Verdacht: Die Forscher der Mission "New Horizons" könnten es als Makel sehen, dass ihre Sonde beim Start noch den letzten nicht von einer Raumsonde erforschten Planeten als Ziel hatte. "Dann plötzlich sollte es nur noch zu einem Zwergplaneten gehen", sagt Christensen.

"New Horizons" war im Januar 2006 mit dem Ziel Pluto gestartet. Sieben Monate später war das Ziel kein Planet mehr, sondern nur noch ein Zwergplanet. Im Juli 2015, nach fast zehnjährigem Flug, erreichte die Sonde den fernen Himmelskörper und funkte spektakuläre Fotos zur Erde. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, wie es auf der Pluto-Oberfläche aussieht.

Der Vorschlag einer neuen Planetendefinition mag tatsächlich eigennützig sein - alle Wissenschaftler dahinter sind Teil der Mission "New Horizons". Aber er ist auch nicht vollkommen abwegig, denn hundertprozentig wasserdicht ist selbst die offizielle, seit 2006 gültige IAU-Planetendefinition nicht.

Transneptun statt Planet

Max-Planck-Forscher Christensen bezeichnet sie als "für Laien etwas schwer verständlich und vielleicht auch nicht ganz sauber". Beispielsweise laufen die sogenannten Trojaner auf der gleichen Bahn um die Sonne wie Jupiter. Der Planet hat diese einstigen Asteroiden mit seiner Gravitationskraft eingefangen - nun sind sie in seinem Orbit unterwegs. "Heißt das nun, Jupiter wäre kein Planet?", fragt Christensen.

Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass die IAU Pluto wieder zum neunten Planeten erklärt. Noch nicht einmal ein entsprechender Antrag wurde bislang gestellt. Viel eher müssten die Astronomen über die Kategorie Zwergplanet diskutieren, zu der auch Pluto gehört. Sie wurde 2006 vor allem deshalb neu eingeführt, um Pluto nach der Degradierung wieder etwas aufzuwerten. Doch zur Klasse der Zwergplaneten zählte plötzlich auch Ceres, den Astronomen aber für einen Asteroiden halten.

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Neue Pluto-Fotos: Wie gemalt

Auch die deutsche Esa-Forscherin Rita Schulz will bei den Planeten am liebsten alles so lassen, wie es ist. Die Diskussion um Jupiters Trojaner hält sie für nebensächlich. Pluto als Planeten zu zählen, sei schlicht ein Fehler gewesen. "Als Pluto 1930 entdeckt wurde, wusste man kaum etwas über ihn", sagt die Astronomin, die bei der IAU über die Namensgebung von astronomischen Objekten mitentscheidet.

Auf Plutos Spur sei man wegen einer Bahnstörungen bei Neptun gekommen. Doch 1992 habe man mit QB1 den ersten sogenannten Transneptun nach Pluto und dessen Mond Charon gefunden. Transneptun, so nennt man Objekte, deren mittlere Umlaufbahn außerhalb der Bahn des Planeten Neptun liegt.

"Da merkten die Astronomen, dass Pluto eher in diese Kategorie gehört als in die der Planeten", sagt Schulz. Schnell seien weitere Transneptun-Objekte entdeckt worden, heute kenne man Tausende, einige seien größer als Pluto. "Es wurde immer klarer, dass Pluto kein Planet ist, so wie wir sie kennen."

Schließlich hätte die IAU keine andere Wahl gehabt, als Pluto zu degradieren. "Wenn man Wissenschaft macht, muss man präzise sein und gemachte Fehler korrigieren, auch wenn einen das traurig macht", meint Schulz.

Es gibt aber weiterhin Hoffnung für die Freunde eines neunten Planeten im Sonnensystem. Diesen könnte es tatsächlich geben, allerdings viel weiter draußen im Sonnensystem als Pluto. Er könnte die Sonne alle 10.000 bis 20.000 Jahre einmal umrunden - im Schnitt etwa 20-mal so weit von unserem Zentralgestirn entfernt wie Neptun, der äußerste Planet. Direkt beobachtet wurde "Planet Neun" allerdings bislang nicht - die Forscher schließen allein aus den Bahndaten anderer Objekte auf seine mögliche Existenz.

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