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"Progress M-27M" außer Kontrolle: Russischer Raumfrachter stürzt am Freitag ab

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"Progress M-27M": Tödlicher Agonie, feuriges Finale Fotos
DPA / Roscosmos

Warum, wissen selbst Experten nicht - doch der russische Raumfrachter "Progress M-27M" ist unrettbar verloren. Wahrscheinlich am Freitagmorgen werden die Trümmer auf der Erde einschlagen - womöglich sogar an Land.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Auf einmal war alles still. Eben noch hatte die russische Missionskontrolle den Raumtransporter "Progress M-27M" auf seinem Weg zur Internationalen Raumstation (ISS) verfolgt. 2,3 Tonnen Versorgungsgüter, Treibstoff und Wasser eingeschlossen, hatte das Gefährt an Bord. Am 28. April war das - und der Start vom Weltraumbahnhof Baikonur lag erst wenige Minuten zurück. Doch dann riss der Funkkontakt überraschend ab. Seitdem taumelt der Frachter durchs All, alle Versuche zur Kontaktaufnahme blieben erfolglos.

Dass die ISS-Besatzung keine neuen Versorgungsgüter bekommen hat, ist nicht schlimm. Die Vorratslager sind für Monate im Voraus gefüllt. Voraussichtlich am Freitagmorgen werden die Überbleibsel des Raumschiffs nun aber wieder auf die Erde stürzen. Im deutschen Weltraumlagezentrum in Uedem geht man davon aus, dass es rechnerisch um 3.17 Uhr MESZ so weit sein dürfte - wobei selbst die jüngste Prognose mit einer Unsicherheit von rund sechs Stunden daherkommt.

Vor allem Teile aus Titan oder Edelstahl dürften den feurigen Ritt durch die Atmosphäre wohl überstehen - der Andockmechanismus für die Raumstation, Triebwerksdüsen und Tanks zum Beispiel. Die größten verbleibenden Teile des Drucktanks könnten zwischen 0,8 und 1,2 Meter groß sein, schätzen Experten.

Wo genau der Schrott von "Progress M-27M" niedergehen wird, lässt sich derzeit allerdings noch nicht sagen. Fest steht allein, dass dies irgendwo zwischen 51 Grad Nord und 51 Grad Süd geschieht. Laut der aktuellsten Vorhersage vom Donnerstagnachmittag könnte, so heißt es beim Weltraumlagezentrum, das Gebiet des südafrikanischen Staates Sambia getroffen werden. Holger Krag von der Europäischen Weltraumorganisation Esa sagt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass Europa oder Nordamerika betroffen sein könnten, sind rapide gesunken."

Genaue Vorhersagen zu Ort und Zeit des Einschlags sind überraschend schwierig. Das liegt zum einen daran, dass der Frachter die Erde so schnell umkreist: In einer Minute bewegt er sich um 450 Kilometer. Zum anderen bestimmen die Eigenschaften der Erdatmosphäre über das Ende der Raumfähre mit - und die ändern sich beständig. Unter anderem von der Sonnenaktivität hängt es ab, wie weit die äußersten Schichten der Gashülle unseres Planeten ins All hinaus reichen. In 80 Kilometern Höhe wird der todgeweihte Raumtransporter so abgebremst, dass er zerbricht.

Experten nutzen gern die Daumenregel, dass bei solch einem Crash 10 bis 40 Prozent der Trockenmasse des Raumschiffs zur Erde zurückkehren. Insgesamt geht es also um ein paar hundert Kilogramm Schrott. Esa-Mann Krag geht von "einer bis zwei Händen voll Trümmerteilen" aus. Diese würden in einer 800 bis 1000 Kilometer langen Zone niedergehen: "Es gibt keine Punktlandung."

"Das Ding rotiert sehr schnell"

Welche technische Malaise den unbemannten "Progress"-Frachter nach seinem Start ereilt hat, wissen Experten bis heute nicht. Klar ist aber: Alle 1,7 Sekunden dreht sich der Raumtransporter mittlerweile um die eigenen Achse. "Das Ding rotiert sehr schnell. Und eigenartigerweise ist die Rotationsrate sogar gestiegen", sagt Ludger Leushacke vom Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik in Wachtberg.

Mit der 34 Meter großen Antenne ihres Tira-Radars haben die Wissenschaftler das Pannenschiff zuletzt regelmäßig beobachtet, bei ein bis zwei Überflügen am Tag. Das Institut hat einen Vertrag mit der Europäischen Weltraumorganisation (Esa), bei der die Daten ausgewertet werden. Den "Progress"-Frachter auf seiner Bahn zu verfolgen, ist mit der Radaranlage kein Problem. Doch sich ein genaues Bild von ihm zu machen, das schaffen die Forscher nicht - weil sich das kaputte Gerät zu schnell dreht.

Es deutet einiges daraufhin, dass eine Explosion in der dritten Raketenstufe schuld an den Problemen ist - und dass die Treibstofftanks des "Progress"-Frachters dabei beschädigt wurden. Aus ihnen scheint nun Hydrazin-Treibstoff zu entweichen - dies könnte die Drehbewegung verstärkt haben. Der Impuls zur Rotation stammt wahrscheinlich von der Explosion.

Die Verantwortlichen in der russischen Raumfahrt wollen bis zum 13. Mai einen Bericht zu dem Vorfall präsentieren. Die Untersuchung ist wichtig, um mögliche Gefahren für zukünftige Starts, auch von bemannten Raumflügen, abzuschätzen. In weiten Teilen nutzen die "Progress"-Transporter die Technologie, die auch für den Transport von Astronauten zum Einsatz kommt. Aktuell sieht es so aus, als ob der Start der nächsten ISS-Besatzung sich um bis zu zwei Monate verschieben könnte. Die für kommende Woche geplante Rückkehr dreier Raumfahrer, darunter Esa-Astronautin Samantha Cristoforetti, könnte sich um einen Monat verzögern.

Friedhof der Raumschiffe

Angst haben muss wegen des bevorstehenden "Progress"-Absturzes wohl niemand. Dass Weltraumschrott zurück zur Erde stürzt, ist nichts Ungewöhnliches. Zuletzt war das zum Beispiel beim Nasa-Satelliten "UARS", dem deutschen Röntgenobservatorium "Rosat", der russischen Marssonde "Phobos Grunt" oder dem Esa-Erdbeobachter "Goce" der Fall. Die Bilanz in allen Fällen: rein gar nichts passiert.

Holger Krag von der Esa rechnet vor, dass jedes Jahr etwa hundert Tonnen Weltraumschrott aus dem All wieder zur Erde zurückstürzen. Und zwar ohne Probleme.

Im Grunde genommen erfüllt sich mit dem feurigen Ende von "Progress M-27M" ja das Schicksal des Raumtransporters - nur eben früher als geplant. In einem halben Jahr hätte es, beladen mit Müll von der Raumstation, seine letzte Reise antreten sollen. Dann wäre die Kapsel allerdings gezielt von der russischen Flugkontrolle zum Absturz gebracht worden, in den menschenleeren Weiten des Südpazifiks. Zwischen Australien und Hawaii liegt der sogenannte Friedhof der Raumschiffe. Hier ging einst auch die Raumstation "Mir" nieder.

So lange wie möglich werden die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts das Raumschiff beobachten - auch damit die Experten ihre Prognosen im letzten Moment noch einmal anpassen können. Wenn möglich, werde man auch am Freitagmorgen noch einmal mit dem Radar nach dem "Progress"-Frachter suchen, sagt Ludger Leushacke. "Wir sind wahrscheinlich die Letzten, die ihn vor dem Absturz sehen werden."


Zusammengefasst: Der unbemannte russische Raumtransporter "Progress M-27M" taumelt derzeit unkontrolliert durchs All. Am Freitagmorgen stürzen seine Trümmer nach Prognosen von Experten auf die Erde zurück. Es geht um mehrere hundert Kilogramm Weltraumschrott, die unter Umständen im afrikanischen Staat Sambia landen könnten. Genaue Prognosen sind aber schwierig und hängen unter anderem von der Sonnenaktivität ab.

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