Moskau - Schwebten sie in einem Raumschiff - und säßen nicht in der Nähe der russischen Hauptstadt auf der Erde - dann hätten die sechs Teilnehmer des internationalen Experiments "Mars 500" gerade Geschichte geschrieben. Nach Angaben des Moskauer Instituts für Medizinisch-Biologische Probleme (IMBP) sind die Männer nämlich seit 438 Tagen in ihrem recht beengten Container eingeschlossen. Damit hätten sie den Langzeitflugrekord des Kosmonauten Walerij Poljakow überboten, wie ein Institutssprecher der Nachrichtenagentur Interfax sagte.
Hätten. Denn die "Mars 500"-Probanden aus Russland, Italien, Frankreich und China fliegen ja nicht wirklich. Deswegen ist ihr Rekord auch nur virtuell. Poljakow hatte dagegen vom Januar 1994 bis März 1995 in der Raumstation "Mir" gearbeitet, also knapp 15 Monate. Der Arzt war damit so lange im All wie kein Mensch vor oder nach ihm. Und der Rekord wird einstweilen wohl auch weiter Bestand haben.
Bis die "Mars 500"-Crew wieder die Luft der Freiheit schnuppern kann, wird noch einige Zeit vergehen. Die weitestgehend realistische Simulation eines Mars-Flugs soll erst am 5. November enden. Derzeit läuft der gespielte Rückflug vom Roten Planeten. Während dieser Phase müssen die virtuellen Raumfahrer vor allem mit einem klarkommen: der Langeweile.
Im Februar und März hatten drei der Probanden - der Italiener Diego Urbina, der Russe Alexander Smolejewski und der Chinese Wang Yue - in einem angrenzenden, 40 Quadratmeter großen Mars-Sandkasten einen Monat lang den Ausstieg auf die Mars-Oberfläche nachgestellt. Ihre drei Kollegen waren dagegen im Raumschiffnachbau zurückgeblieben. Beobachter hatten anschließend erklärt, es sei eine schwierige Aufgabe, die simulierte Landung als Teamleistung darzustellen.
"Das Abenteuer ihres Lebens bestehen"
"Obwohl drei Teilnehmer vom Mutterschiff aus zusehen mussten, soll der Erfolg dem ganzen Team zugeordnet werden", sagte Peter Gräf vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Da müssen die Psychologen, die das Experiment von außen überwachen, hellhörig sein, dass kein großer Streit aufkommt."
Begonnen hatte das Experiment am 3. Juni 2010. Es soll dabei helfen, Erfahrungen für eine bemannte Mars-Mission zu sammeln. Kritiker argumentieren allerdings, dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse nur sehr eingeschränkt ist - schließlich herrscht während des Experiments im Gegensatz zu einem tatsächlichen Flug keine Schwerelosigkeit. In jedem Fall wird eine echte Reise zum Mars wohl noch längere Zeit auf sich warten lassen.
Der deutsch-amerikanische Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch hat außerdem mit dem Vorschlag für Aufsehen gesorgt, über Mars-Missionen nachzudenken, von denen die Astronauten nicht mehr zurückkehren. Astronauten um die 60, so sagte er dem SPIEGEL, sollten den Trip ohne Wiederkehr unternehmen. Wegen der erhöhten Strahlenbelastung auf dem Mars würden diese "wahrscheinlich nicht 80, sondern nur 75 Jahre alt". Doch für den Forscher gäbe es trotzdem gute Gründe: "Das wären immerhin auch noch 15 aufregende Jahre, in denen sie das Abenteuer ihres Lebens bestehen."
chs/dapd
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