Hamburg - Seit rund 440 Tagen stecken sechs Freiwillige in einem Containerlabyrinth bei Moskau, sie simulieren einen Flug zum Mars. Die Testfahrer hatten gerade einen Rekord aufgestellt: Noch nie haben Menschen sich so lange in einem isolierten Raumfahrtexperiment aufgehalten. Doch nun scheinen die Versuchsteilnehmer an die Grenze ihrer Belastbarkeit zu stoßen: Knapp zwei Monate vor Abschluss ihres Experiments Mars 500 im Moskauer Institut für Medizinisch-Biologische Probleme (IMBP) seien die Männer aus Russland, Italien, Frankreich und China "psychisch erschöpft", teilte der technische Direktor Jewgeni Djomin am Samstag der Nachrichtenagentur Interfax mit. Die Männer wollten den virtuellen Flug zum Roten Planeten aber nicht abbrechen.
Begonnen hatte das Experiment am 3. Juni 2010. Es soll dabei helfen, Erfahrungen für eine bemannte Mars-Mission zu sammeln. Kritiker argumentieren allerdings, dass sich die Ergebnisse nicht unbedingt auf einen realen Flug überragen ließen - schließlich herrscht während des Experiments im Gegensatz zu einem tatsächlichen Flug keine Schwerelosigkeit.
Das Sextett leide nun unter dem eintönigen Leben in der Abgeschiedenheit, heißt es. Die Beziehungen untereinander seien jedoch gut. Die Monotonie mache sich nach 464 von 520 Tagen natürlich bemerkbar, betonte Djomin. Die Isolation von der Außenwelt, die tägliche Routine und die sich ständig wiederholenden Forschungsaufgaben förderten nicht gerade die Stimmung. Doch die Männer hätten gewusst, worauf sie sich einlassen. Allen sei klar gewesen, dass es zum Ende des Experiments zu so einer Erschöpfung kommen musste.
Ein Trip ohne Wiederkehr?
Allerdings handele es sich um eine "rein psychische Müdigkeit", die sich keineswegs auf den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Männer auswirke. Die bislang realistischste Simulation eines Mars-Fluges endet am 5. November.
Derzeit läuft der gespielte Rückflug vom Roten Planeten. Während dieser Phase müssen die virtuellen Raumfahrer vor allem mit einem klarkommen: der Langeweile.
Im Februar und März hatten drei der Probanden - der Italiener Diego Urbina, der Russe Alexander Smolejewski und der Chinese Wang Yue - in einem angrenzenden, 40 Quadratmeter großen Mars-Sandkasten einen Monat lang den Ausstieg auf die Mars-Oberfläche nachgestellt. Ihre drei Kollegen waren dagegen im Raumschiffnachbau zurückgeblieben. Beobachter hatten anschließend erklärt, es sei eine schwierige Aufgabe, die simulierte Landung als Teamleistung darzustellen.
"Obwohl drei Teilnehmer vom Mutterschiff aus zusehen mussten, soll der Erfolg dem ganzen Team zugeordnet werden", sagte Peter Gräf vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Da müssen die Psychologen, die das Experiment von außen überwachen, hellhörig sein, dass kein großer Streit aufkommt."
Mitte August hatten die "Marsonauten" zumindest virtuell einen neuen Langzeitflugrekord aufgestellt. Sie überboten in der Versuchsanlage die bisherige Höchstleistung des Russen Waleri Poljakow von 438 Tagen. Der russische Arzt hatte vom Januar 1994 bis März 1995 knapp 15 Monate in der Raumstation "Mir" gearbeitet. Der Rekord hat noch heute Bestand.
Den langwierigen Rückflug vom Mars könnten sich Astronauten womöglich ersparen. Der deutsch-amerikanische Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch hat nämlich vorgeschlagen, über Mars-Missionen nachzudenken, von denen die Astronauten nicht mehr zurückkehren. Astronauten um die 60, so sagte er dem SPIEGEL, sollten den Trip ohne Wiederkehr unternehmen. Wegen der erhöhten Strahlenbelastung auf dem Mars würden diese "wahrscheinlich nicht 80, sondern nur 75 Jahre alt". Doch für den Forscher gäbe es trotzdem gute Gründe: "Das wären immerhin auch noch 15 aufregende Jahre, in denen sie das Abenteuer ihres Lebens bestehen."
boj/dapd
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