Rätsel um Steinzeitgrab Sternegucken neben Toten

Die Erkundung eines Steinzeitgrabs in Portugal brachte eine Überraschung: Nachts werden im Innern unverhofft Sterne sichtbar. Offenbar suchten Sternegucker die Nähe der Toten.

Grab der sieben Steine in Portugal
F. Silva

Grab der sieben Steine in Portugal


Auf einem Hügel in Zentralportugal, gesäumt von Wildblumen und gelbem Ginster, liegen sieben Steine. Am oberen Ende der Steinschlange thront über einer Höhle eine Steinplatte mit einem Loch in der Mitte. Das 6000 Jahre alte Steinzeitgrab könnte ein Geheimnis der Forschung bergen.

Wissenschaftler, die das Grab erkundet haben, stellten fest, dass sich im Innern ein überraschender Blick nach oben bot: Nachts werden Sterne sichtbar, die zur selben Zeit im Freien stehend nicht erkennbar sind - die Dunkelheit der Höhle macht auch schwächeres Funkeln am Himmel sichtbar.

Das Grab der sieben Steine habe wahrscheinlich als astronomisches Observatorium gedient, meinen die Forscher der Nottingham Trent University, der University of Wales und der britischen Royal Society.

Auch die Orientierung der Steine spreche für die Vermutung: Sie lägen auf einer Linie mit Aldebaran, dem hellsten Stern im Sternbild Stier. Die Fokussierung erlaube es, den Stern bereits bei Dämmerung zu entdecken.

Kontakt mit Toten

Das Erscheinen von Aldebaran zu einer bestimmten Jahreszeit könnte den Steinzeitbewohnern quasi als Kalendereintrag gedient haben, der womöglich Ernte, Saat oder Jagd geregelt habe, berichten die Forscher auf dem National Astronomy Meeting in Nottingham.

Sternenbeobachtung im Grab ihrer verstorbenen Vorfahren könnte den Menschen zudem eine Art Geheimwissen suggeriert haben, das durch den Kontakt mit den Bestatteten möglich wurde, spekulieren die Gelehrten. In Abwesenheit der Verstorbenen draußen über dem Grab seien viele Sterne schließlich unsichtbar.

Dass Menschen früh mit der Beobachtung des Nachthimmels begonnen haben, zeigen zahlreiche archäologische Funde. Am berühmtesten sind wohl die Steinzeitstätte Stonehenge in England, deren Steine nach dem Sonnenstand ausgerichtet wurden und die Himmelsscheibe von Nebra.

Auch die Flanken ägyptischer Pyramiden stehen sonderbar exakt auf Linie mit hellen Sternen. Als ältestes bekanntes Sonnenobservatorium der Welt gilt die Kreisgrabenanlage von Goseck bei Weißenfels in Sachsen-Anhalt.

Das erste Teleskop freilich, mit dem sich auch lichtschwache Sterne betrachten ließen, wurde erst vor rund 400 Jahren konstruiert.

Berühmter Steinkreis

boj

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