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29. November 2001, 20:10 Uhr

Rätselhaft

Schwarzes Loch hat Übergewicht

Ein Schwarzes Loch am anderen Ende der Milchstraße bereitet Astrophysikern Kopfzerbrechen: Es ist, wie Forscher jetzt herausfanden, zu massiv für bisherige Theorien.

Kosmischer Vielfraß: Spektralaufnahme eines Schwarzen Lochs
DPA

Kosmischer Vielfraß: Spektralaufnahme eines Schwarzen Lochs

Verborgen hinter galaktischen Staubmassen liegt eines der merkwürdigsten Objekte der Milchstraße: das Schwarze Loch im Sternsystem GRS1915+105. Ein Team vom Astrophysikalischen Institut Potsdam hat den fast 40.000 Lichtjahre entfernten kosmischen Vielfraß nun gewogen - und festgestellt, dass seine ungewöhnlich hohe Masse bisherige Theorien in Frage stellt.

GRS1915+105 besteht aus einem Stern und einem Schwarzen Loch, die einander umkreisen. Im sichtbaren Licht lässt sich das ungleiche Paar zwar nicht beobachten, allerdings macht es sich im Röntgen- und Radiobereich durch heftige Ausbrüche bemerkbar, bei denen Gas und Staub fast mit Lichtgeschwindigkeit ins All geschleudert werden. Wegen dieser Aktivität bezeichnen Astronomen das seltsame Doppel auch als Mikroquasar.

Die Forscher um Jochen Greiner untersuchten GRS1915+105 mit dem neuen 8,2-Meter-Teleskop des European Southern Observatory in Chile. Durch Studien im infraroten Wellenbereich konnten sie die Masse und den Orbit des stellaren Begleiters bestimmen - und daraus das Gewicht seines gefräßigen Partners ableiten.

Wie die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" berichten, besitzt das Schwarze Loch etwa die 14fache Sonnenmasse. Zwar vermuten Astronomen im Zentrum von Galaxien ungemein massivere Objekte, in der Gewichtsklasse der Schwarzen Löcher in Sternsystemen stellt der von den Forschern ermittelte Wert jedoch einen galaktischen Rekord dar.

Die Entstehung eines derart massiven Schwarzen Lochs dieser Art kann man mit den bisherigen Modellen kaum erklären. Doch damit nicht genug: Die Resultate lassen sich auch nicht in Einklang bringen mit den seltsamen, fast periodischen Intensitätsschwankungen im Röntgenlicht von GRS1915+105, die man bislang auf eine mögliche Rotation des Schwarzen Lochs zurückführte.

Schnell werden die Forscher den Fall GRS1915+105 wohl kaum lösen können: Es sei fast sicher, dass die neuen Erkenntnisse "in den kommenden Jahren mehrere hundert neue Studien nach sich ziehen werden", kommentiert Charles Bailyn von der amerikanischen Yale University in einem "Nature"-Begleitartikel.

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