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Rätselhafte Entdeckung: Mysteriöse Strahlung erfüllt das All

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Sternenhimmel mit der Milchstrasse (Schweiz, Juli 2006): Mysteriöses Radiosignal gefunden Zur Großansicht
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Sternenhimmel mit der Milchstrasse (Schweiz, Juli 2006): Mysteriöses Radiosignal gefunden

Es sollte ein Routineexperiment werden - und endete mit einer faustdicken Überraschung: Eine bislang unbekannte Radiostrahlung erfüllt das All. Sie strahlt sechsmal stärker als alle bekannten astronomischen Quellen in diesem Frequenzbereich zusammen.

Ruhig war der riesige Ballon in den Himmel über Texas gestiegen, bis auf knapp 37 Kilometer Höhe. Im Sommer 2006 schickten Nasa-Forscher auf der Columbia Scientific Balloon Facility im Örtchen Palestine die fliegende Klarsichthülle bis an den Rand unserer Atmosphäre. Das heliumgefüllte Fluggerät mit dem Namen Arcade (Absolute Radiometer for Cosmology, Astrophysics, and Diffuse Emission) transportierte sieben Präzisionsradiometer, die nach der Hinterlassenschaft der ersten Sterne im Universum fahnden sollten.

Eigentlich wollten die Forscher kleine Veränderungen in der kosmischen Hintergrundstrahlung entdecken, dem Mikrowellenecho des Urknalls. Doch stattdessen kamen sie etwas noch Spannenderem auf die Spur: Eine mysteriöse Radiostrahlung scheint das Universum zu erfüllen, deren Herkunft völlig unklar ist.

Bekannte Radioquellen in der Milchstraße und anderen Galaxien hatten die Forscher bei der Interpretation ihrer Daten herausgerechnet. Und trotzdem blieb die Strahlung, die sechsmal stärker ist als alle bekannten astronomischen Quellen in diesem Frequenzbereich zusammen. Ein Jahr lang prüften die Wissenschaftler ihre Daten, und doch: Die mysteriöse Strahlung blieb.

Also freundeten sich die Astronomen mit dem Gedanken an, etwas Neues entdeckt zu haben: Das Signal sei bisher noch nicht gefunden worden, weil erdbasierte Teleskope nicht sensibel genug seien, erklärten die beteiligten Nasa-Forscher dem Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Ihre Erkenntnisse stellten sie auf dem Treffen der American Astronomical Society im kalifornischen Long Beach vor.

Die mit flüssigem Helium auf minus 270 Grad gekühlten Instrumente des Arcade-Ballons hatten einen ringförmigen Bereich abgesucht, der etwa sieben Prozent des Himmels ausmacht. Die Messgeräte wurden gekühlt, um genau bei der Temperatur der kosmischen Hintergrundstrahlung von 2,7 Grad über dem absoluten Nullpunkt operieren zu können. Dadurch konnten die Maschinen ihre Messungen nicht durch die von ihnen selbst produzierte Hitze verfälschen.

"Etwas Neues und Interessantes"

"Es ist ein aufregender Beleg dafür, dass etwas Neues und Interessantes im Universum passiert", erklärten die Wissenschaftler um Alan Kogut vom Goddard Space Flight Center der Nasa. Nun rätselt die Fachwelt über die Herkunft des Signals.

Ist es ein letztes Zeichen der frühen Sterne im Universum? Sie waren deutlich massereicher als unsere Sonne - und beendeten ihre Existenz schon eine Milliarde Jahre nach dem Urknall. Von ihnen, so eine Interpretation, blieb nichts übrig außer schwarzen Löchern und einer Zahl von geladenen Partikeln, die nun Radiostrahlung produzierten.

Doch das ist längst nicht erwiesen. Simon White vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching hält diese Interpretation im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE für "nicht wahrscheinlich." Bereits im Jahr 2005 hatten Forscher berichtet, sie hätten mit dem Weltraumteleskop "Spitzer" eine schwache Infrarotstrahlung aufgefangen und diese als Überbleibsel des Urknalls interpretiert. Andere Wissenschaftler widersprachen dieser Deutung jedoch.

Deswegen prüfen die Forscher auch andere Möglichkeiten, woher das mysteriöse Radiosignal stammen könnte. Unter anderem diskutieren sie die Variante, dass es aus weit entfernten Galaxien kommt: In deren Inneren könnten supermassive Schwarze Löcher besonders schnelle Teilchenströme produzieren, deren Strahlung nun erstmals nachgewiesen worden wäre. Doch auch diese Hypothese lässt sich kaum belegen - vor allem, weil solche Galaxien eigentlich auch zusätzliche Infrarotstrahlung produzieren müssten. Diese konnte bisher aber noch nicht nachgewiesen werden.

White kann sich vorstellen, dass die nun beobachtete Strahlung durch "eine neue Art aktiver galaktischer Kerne" entsteht. Das bedeutet, dass bei der Sternentstehung unter bestimmten Umständen mehr Radiostrahlung entstehen könnte als bisher bekannt. Aber auch das ist nur eine Vermutung. Und so rätseln die Fachleute weiter - und gehen voller Enthusiasmus an die Arbeit.

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Radiostrahlung: Beobachtung aus dem Ballon


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