Raketenbauer Sergej Koroljow Der geheimnisvolle "Sputnik"-Vater

Von Simone Schlindwein, Moskau

2. Teil: Chruschtschow sprach endlos über Koroljow


Der Stalin-Nachfolger Nikita Chruschtschow verliebte sich regelrecht in den Chefkonstrukteur, als er ihn erstmals in der geheimen Raketenschmiede bei Moskau besuchte. Koroljow erklärte ihm geduldig die Raketentechnik. Chruschtschows Sohn Sergej, später selbst Raketeningenieur, erzählt: "Mein Vater konnte endlos über ihn sprechen."

Koroljow bekam sein eigenes rotes Telefon mit einer Direktleitung in den Kreml. Das ermöglichte ihm, die langsamen offiziellen Dienstwege zu umgehen, indem er Chruschtschow anrief und die Entscheidungen von höchster Stelle absegnen ließ.

Über seinen Einfluss auf den Generalsekretär hievte er im Frühjahr 1957 den "Sputnik" in die Rakete. Die Langstreckenrakete mit dem Codenamen R-7 musste in diesem Jahr eine Serie an Starttests bestehen, bevor die Ingenieure den Sprengkopf mit der Wasserstoffbombe darin einbauen konnten. Doch die Versuche schlugen fehl, die Rakete stürzte immer wieder ab, oder die Bombenattrappe löste sich nicht aus der obersten Stufe. "Daraufhin haben die Entwickler der Wasserstoffbombe gesagt, dass sie uns ihre Waffe nicht anvertrauen können", erinnert sich Tschertok. Die Ingenieure mussten einen neuen Gefechtskopf bauen, und das brauchte Zeit.

Doch zwei Raketen waren noch übrig, und das war für Koroljow die Gelegenheit, seinen Traum von einem Flug ins Weltall im Herbst 1957 endlich wahr zu machen. Als Chruschtschow das nächste Mal im Forschungsinstitut die Raketen besichtigte, ließ sich Koroljow von ihm die Erlaubnis geben, mit den zwei übrig gebliebenen Raketen Satelliten in die Erdumlaufbahn zu schießen: den ersten "Sputnik" mit einem eingebauten Radiotransmitter und "Sputnik 2" mit der Hündin Laika an Bord.

"Machen wir es so, wie ich es sage"

Für diesen Coup, den der spätere Raketeningenieur Sergej Chruschtschow als bloßes "Entertainment" bezeichnete, erhielt Koroljow den Leninpreis und eine Villa in Moskau, in der er bis zu seinem Tod 1966 lebte. Sein größter Erfolg war jedoch der erste bemannte Raumflug von Jurij Gagarin 1961, der ihm zum zweiten Mal den sowjetischen Verdienstorden "Held der sozialistischen Arbeit" bescherte. Die ambitionierten russischen Pläne für bemannte Flüge zum Mond scheiterten nach Koroljows Tod im Jahre 1966 - vor allem wegen großer Probleme mit der Triebwerkstechnik, die seine Nachfolger nicht in den Griff bekamen.

"Da hat sich der Herrgott etwas einfallen lassen und uns mit Koroljow einen Mann geschickt, der genau die Eigenschaften besaß, mit denen man den Vorstoß in den Weltraum schaffen konnte", sagt der Freund und ehemalige Kollege Tschertok noch heute voller Bewunderung.

Doch der jähzornige und eigensinnige Manager des Raketenprogramms war auch ein gefürchteter Machtmensch. Keinem aus seinem Team habe er je das "Du" angeboten, erinnert sich Tschertok. Das schnellste Auto auf dem Parkplatz vor dem Forschungsinstitut war sein deutscher, roter Audi-Sportwagen, für den ihn alle bewunderten. "Doch keinem seiner Freunde erlaubte er je, damit zu fahren."

Der damalige Doktorand unter Koroljow, Eugene Demin, erinnert sich an den typischen Satz, wie Koroljow langwierige Diskussionen vom Tisch fegte: "Finden wir eine Kompromisslösung – machen wir es so, wie ich es sage."

Kalter Krieg im Orbit: Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wie mit dem "Sputnik"-Start der Aufbruch ins All begann.

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