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Rasantes Wachstum: Unheimlicher Komet schon doppelt so groß wie die Sonne

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Wie groß wird er noch? Der Komet 17P/Holmes rast durch unser Planetensystem und wächst mit enormer Geschwindigkeit: Der Durchmesser der Koma ist schon doppelt so groß wie die Sonne. Bald könnte er am Nachthimmel riesiger aussehen als der Mond.

Was Astronomen derzeit weltweit beobachten, dürfte einmalig sein: Erst erhöht der Komet 17P/Holmes seine Helligkeit um den Faktor 500.000, so dass er sogar mit bloßem Auge beobachtet werden kann. Dann dehnt sich seine Koma aus, die durch Sonnenwärme erzeugte Gas- und Staubwolke um ihn herum. Schon vor einigen Tagen überschritt ihr Durchmesser den der Sonne. Seitdem gilt der Komet als größtes Objekt in unserem Planetensystem - und die Expansion geht ununterbrochen weiter: "Es sieht so aus, dass der Durchmesser der Staubkoma jetzt schon 2,7 Millionen Kilometer beträgt", sagte Gunnar Glitscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Glitscher leitet die Darmstädter Arbeitsgemeinsschaft Astronomie und Weltraumtechnik. "Offenbar handelt es sich um ein explosionsartiges Ereignis", sagt er, "die Sache ist sehr rätselhaft."

Die große Frage: Wie riesig wird 17P/Holmes noch? Klar ist, dass von dem Himmelskörper kein Risiko für die Erde ausgeht. Ein Komet kann nur dann gefährlich werden, wenn sich seine Umlaufbahnen mit jener der Erde kreuzt. Das ist bei 17P/Holmes nicht der Fall, er umkreist die Sonne stets in sicherem Abstand zur Erde. Außerdem nimmt seine Entfernung zur Erde seit dem 7. November wieder zu, wie ein Orbit-Diagramm der US-Raumfahrtbehörde Nasa zeigt.

Glitscher stützt seine neue Kalkulation über die Größe der Kometen-Koma auf eigene Messungen des Komadurchmessers. Dieser liege derzeit bei 38 Bogenminuten. Eine Zahl, die auch andere Astronomen bestätigen. Weil 17P/Holmes zurzeit etwa 1,65 Astronomische Einheiten (AE) von der Erde entfernt sei, betrage der Durchmesser etwa 2,7 Millionen Kilometer. Damit ist die Koma fast doppelt so groß wie der Sonnendurchmesser von 1,39 Millionen Kilometern. Die Sonne ist im Mittel eine Astronomische Einheit von der Erde entfernt.

Die Faszination für den rätselhaften Kometen kennt keine Grenzen. Auf Webseiten wie www.spaceweather.com veröffentlichen Hobbyastronomen aus der ganzen Welt ihre Schnappschüsse, die teils sogar allein mit dem Teleobjektiv einer Kamera entstanden sind.

"Ich war zunächst skeptisch, als ich das erste Mal von dem Kometen hörte", sagt Anthony Arrigo SPIEGEL ONLINE. Er lebt in Park City im US-Bundesstaat Utah und betreibt unter www.adventuresinastrophotography.com eine eigene Astro-Internetseite. Als er 17P/Holmes zum ersten Mal gesehen habe, sei er tief beeindruckt gewesen: "Der Komet sah aus wie ein Nebel."

Erster Ausbruch 1892 beobachtet

"Dieser Komet ist einzigartig", sagt Mila Zinkova aus San Francisco, die den Schweifstern (der nur einen winzigen Schweif hat) ebenfalls intensiv beobachtet. Sie habe schon viele teils einzigartige Fotos von Kometen geschossen. Aber Holmes fasziniere sie am meisten.

Die Astronomen rätseln, was hinter den Helligkeitsausbrüchen des Kometen und der rasanten Komaexpansion steckt. "Wir haben das noch nicht ganz verstanden", sagt Ulrich Christensen, Leiter der Abteilung Kometen und Planeten am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau. "Eine riesige Koma ist an sich nichts Besonderes" - aber ein Durchmesser größer als die Sonne sei schon ungewöhnlich.

17P/Holmes wurde 1892 von dem britischen Sternforscher Edwin Holmes entdeckt, weil er schon damals eine Zeitlang mit bloßem Auge sichtbar war. Damals dürfte es sich um einen ähnlichen Helligkeitsausbruch gehandelt haben wie jener, der vor knapp einem Monat am 24. Oktober beobachtet wurde. Ein zweiter, schwächerer Ausbruch folgte einige Monate später, im Januar 1893. Der aus Eis bestehende Kometenkern ist nicht mal vier Kilometer groß. Ein Umlauf um die Sonne dauert knapp sieben Jahre.

Dreimal größer als der Mond?

Für Frank Brenker, Kometenforscher an der Universität Frankfurt, kommen zwei Theorien in Frage: Entweder sei 17P/Holmes mit einen anderen Objekt kollidiert. Oder es handle sich um einen Ausbruch, wie man ihn schon öfters bei Kometen beobachtet hat, wenn sie durch die Sonne aufgeheizt würden. Gegen die zweite These spreche jedoch die derzeit große Entfernung zur Sonne. "Die Impact-Theorie klingt am plausibelsten", sagt Brenker SPIEGEL ONLINE. Allerdings sei eine solche Kollision mathematisch gesehen sehr unwahrscheinlich.

Der Darmstädter Hobbyastronom Glitscher vermutet, dass eine Explosion die Komaexpansion ausgelöst hat. Sie könnte von einem großen Teil der Kernoberfläche oder der Schicht direkt darunter ausgegangen sein. Dies würde auch die Kugelschalenform der Koma erklären. "Eventuell liegen nicht nur physikalische Vorgänge zu Grunde, sondern auch chemische", sagt Glitscher - zum Beispiel die Bildung und Zündung energiereicher Substanzen. "Die kommenden Wochen sind sehr spannend, und es ist keineswegs ausgeschlossen, dass sich der Vorgang wiederholt."

Wenn man annimmt, dass sich die Koma mit unverminderter Geschwindigkeit weiter ausdehnt, wird 17P/Holmes nach Glitschers Schätzung am Jahresende etwa dreimal größer als der Vollmond erscheinen. Der Komet werde von dunklen Beobachtungsorten aus immer noch mit bloßem Auge als geisterhafte Nebelscheibe erkennbar sein. "Kein heute lebender Mensch dürfte Derartiges schon mal gesehen haben."

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