Raumfahrt: China schießt "Himmelspalast" ins All

Von Thorsten Dambeck

Die neue Supermacht erobert den Weltraum: An diesem Donnerstag schickt China erstmals ein Bauteil für eine bemannte Raumstation in den Orbit. Gleichzeitig erkunden Sonden den Mond - in wenigen Jahren soll ein Taikonaut den Erdtrabanten betreten.

REUTERS/ Jiuquan Satellite Launch Centre

Wer nach dem Aus für das amerikanische Space-Shuttle-Programm das Ende der bemannten Raumfahrt erwartet, hat seine Rechnung ohne die Chinesen gemacht. China verfolgt ambitionierte Pläne: Sechs Taikonauten, so heißen die chinesischen Raumfahrer, sind seit 2003 ins All aufgebrochen. Alle kamen sicher zurück. Nun steht der nächste Meilenstein an: der Bau einer bemannten Raumstation im Erdorbit.

Der Startschuss dazu fällt an diesem Donnerstag auf dem Weltraumbahnhof in Jiuquan in Nordwesten des Riesenreiches. Wenn ab 15.16 Uhr deutscher Zeit die Trägerrakete vom Typ "Langer Marsch 2F" in den Himmel donnert, wird an ihrer Spitze das Testmodul "Tiangong-1" ("Himmelspalast") ins All geschossen. Doch das ist nur der erste Schritt.

Mit dem 8,5-Tonnen-Modul wollen die Chinesen Andockmanöver im Orbit testen. Im kommenden November soll dazu die unbemannte Raumkapsel "Shenzhou 8" starten, um an den "Himmelspalast" anzukoppeln. Während der zweijährigen Betriebszeit von "Tiangong-1" sind weitere unbemannte Flüge geplant, später auch bemannte Missionen, bei denen dann Taikonauten für kurze Zeit in das Himmelsmodul einziehen sollen. Die Experimente sollen ab 2020 in den Bau einer eigenständigen Raumstation münden.

Auf der ISS unerwünscht

Die Chinesen forcieren auch deshalb ihre Pläne, weil sie als Partner bei der Internationalen Raumstation (ISS) unerwünscht sind. Das haben ihnen die USA klargemacht, die befürchten, dass die Rivalen aus Fernost sich ansonsten sensible, auch militärisch nutzbare Technologien aneignen könnten. Die technischen Probleme für ein Ankoppeln chinesischer Kapseln an die ISS wären wohl leicht lösbar, meint Karl Bergquist, China-Experte in der Esa-Zentrale in Paris; die politischen Hürden sind ungleich höher.

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Raummodul "Tiangong": Chinas "Himmelspalast"
Die Chinesen wissen offenbar genau, wohin sie wollen. Bereits zwei unbemannte Sonden sind in die Umlaufbahn des Mondes eingeschwenkt, die jüngste im vergangenen Oktober. Aus dem Orbit werden mögliche Landestellen erkundet, denn eine erste Mondlandung soll in wenigen Jahren folgen. Dabei geht es um ein automatisches Mondauto, sozusagen die lunare Version der amerikanischen Marsmobile "Spirit" und "Opportunity". Laut Karl Bergquist steht danach der Transport von Mondgestein zur Erde auf der Agenda, und zwar ebenfalls mit unbemannten Sonden. Ähnliche Missionen hatte die Sowjetunion in den Siebzigern durchgeführt.

Sollen auch Taikonauten ihre Stiefel in den grauen Mondsand drücken? Zwar werde vielfach über solche Missionen spekuliert, doch Bergquist bleibt skeptisch. "Ich habe bislang keine Bestätigung von offizieller chinesischer Seite für ein solches Ziel gehört." Die angebliche Zielsetzung bemannter chinesischer Mondflüge hält er für "weit hergeholt".

Doch zumindest rhetorisch reichen die chinesischen Ambitionen bis zum Erdtrabanten: Laut Ye Peijian, dem Leiter des robotischen Mondprogramms, könnte sein Heimatland bis zum Jahr 2025 eine erste bemannte Landung durchführen. Ob das bloß die persönliche Einschätzung eines Wissenschaftlers ist oder sich in dem Zitat die offizielle Politik widerspiegelt, bleibt im Moment offen.

"Tritt in den Hintern"

Chinas Ehrgeiz setzt den Westen unter Zugzwang: Beschlossene Sache ist, dass die ISS bis zum Jahr 2020 betrieben wird, darauf haben sich die 16 beteiligten Nationen geeinigt. Das bedeute jedoch nicht, dass in dem Hundert-Milliarden-Euro-Projekt danach die Lichter ausgehen: "Zunächst ist nicht damit zu rechnen, dass die ISS ab 2020 nicht mehr nutzbar ist", sagt Thomas Reiter, Direktor für die bemannte Raumfahrt bei der Europäischen Weltraumbehörde Esa. "Neben wissenschaftlicher Forschung eignet sich die Station, um Technologien für die weitere Erkundung des Weltraums zu entwickeln." Schon heute analysieren Experten der Weltraumagenturen, unter welchen Bedingungen die ISS bis 2025 oder darüber hinaus betrieben werden kann.

Die Geldnot in der US-Raumfahrt ist jedoch real. Kaum im Amt, hatte Präsident Obama das unterfinanzierte Mondprogramm seines Vorgängers gestrichen. Auch andere wichtige Großprojekte, etwa das James-Webb-Weltraumteleskop, sind finanziell aus dem Ruder gelaufen. Momentan verfügt die Nasa über kein eigenes Transportsystem für bemannte Flüge, zur ISS geht es in "Taxi-Flügen" an Bord russischer Sojus-Kapseln; Kostenpunkt: über 50 Millionen Dollar pro Sitzplatz.

Diese missliche Lage soll bald durch kommerzielle Raumfahrtunternehmen entschärft werden sowie durch eigene Flug-Hardware. Dazu stellte die Nasa kürzlich das "Space Launch System" vor, ihr Projekt neuer Schwerlastraketen. Astronauten könnten damit Trips weit über die Erdumlaufbahn hinaus unternehmen.

Nasa-Chef Charles Bolden, der im vergangenen Oktober China besuchte, sieht im orbitalen Muskelspiel Chinas deshalb auch Vorteile. US-Medien zitieren ihn mit dem Satz, er unterstütze die chinesischen Raumfahrtbemühungen. Dahinter steht das Kalkül, die lahme politische Unterstützung im eigenen Land könnte wieder in Schwung kommen. In die gleiche Richtung, wenngleich drastischer, argumentiert Ex-Astronautin Wendy Lawrence: "Vielleicht ist es genau der Tritt in den Hintern, den wir brauchen."

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Nicht mehr können
ratxi 29.09.2011
Zitat von sysopDie neue Supermacht*erobert den*Weltraum: Am Donnerstag*schießt China erstmals*ein*Bauteil*für eine bemannte Raumstation in den Orbit. Gleichzeitig erkunden Sonden Landestellen auf dem Mond - in wenigen*Jahren*soll*ein Taikonaut den*Erdtrabanaten betreten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,789012,00.html
Sollte China das Mondprogramm tatsächlich weiter forcieren, dann dürften die USA vollkommen in Panik ausbrechen, merken sie dann doch, dass sie nicht mehr können, wie sie wollen.
2. Livestream im Internet
vostei 29.09.2011
http://english.cntv.cn/program/china24/20110928/115099.shtml Die Page: http://english.cntv.cn/special/tiangong1/homepage/index.shtml Das Wetter ist gut, Startzeit müsste für heute den 29.9.11 theoretisch ab 15:16 Uhr MESZ sein.
3. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
xRGBx 29.09.2011
---Zitat--- Laut Ye Peijian, dem Leiter des robotischen Mondprogramms, könnte sein Heimatland bis zum Jahr 2025 eine erste bemannte Landung durchführen. ---Zitatende--- Warum auch nicht? Die USA haben weniger Zeit geraucht und waren damals technisch nicht so weit wie China heute, alles eine Frage des Geldes (und somit des politischen Willens).
4. Nasa und Geldprobleme?
Edoe 29.09.2011
Das Budget der NASA wurde zuletzt wieder etwas erhöht, auf 19 Mrd. Dollar p.a. Damit werden zahlreiche Projekte betrieben, die alle möglichen guten Zwecke erfüllen, Technologie- und Eliteförderung, High-Tech-Jobs möglichst fair auf die Bundesstaaten verteilt, Wissenschaft, Entwicklung von Militär-Technologie. Das Problem ist also nicht "Geldnot in der US-Raumfahrt", sondern die mangelnde Fokussierung auf Projekte, die tatsächlich die Grenzen der Menschheit erweitern.
5. Herzlichen Glückwunsch
felisconcolor 29.09.2011
Man muss die Leistung der Chinesen auf diesem Gebiet schon anerkennen. Wirklich schade ist, das in der Weltraumforschung immer noch viele ein eigenes Süppchen kochen. Mit Russland Amerika und Europa haben sich ja schon weitreichende Verbindungen etabliert. Es wäre schön wenn Japan Indien und China in diesen Kreis mit einsteigen würden. Ich denke es geht viel Geld verloren weil manches doppelt und dreifach entwickelt wird. Und ich stehe zu der Überzeugung das eine Zukunft für die Menschen im Weltraum liegt.
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