Nasa-Chef Bolden: "Die USA müssen nicht immer der Anführer sein"

Von Christoph Seidler

Nasa-Chef Bolden in Berlin: "Ich erwarte eine ISS 2, ISS 3 oder ISS 4." Zur Großansicht
dapd

Nasa-Chef Bolden in Berlin: "Ich erwarte eine ISS 2, ISS 3 oder ISS 4."

Die Nasa will Menschen zu einem Asteroiden und zum Mars schicken - doch ihr fehlen dafür die Mittel. Behördenchef Charlie Bolden baut jetzt auf Hilfe von Außen: Bei einem Besuch in Deutschland wirbt er um das Engagement von Unternehmern und internationalen Partnern.

Berlin - Charlie Bolden kennt die Faszination des Alls aus erster Hand. Auf insgesamt vier Einsätze als Space-Shuttle-Astronaut kann der charismatische Chef der US-Weltraumbehörde Nasa zurückblicken. Insgesamt hat der frühere Marineflieger mehr als 28 Tage in der Schwerelosigkeit verbracht. Er hat mitgeholfen, das "Hubble"-Weltraumteleskop auszusetzen. Und er war dabei, als mit Sergej Krikaljow erstmals ein russischer Kosmonaut in einem US-Raumschiff abhob.

Doch die wilden Tage im All liegen schon einige Zeit zurück. Krikaljow leitet heute die russische Kosmonautenausbildung, und Boldens Job besteht vor allem darin, andere für die Raumfahrt zu begeistern. Das ist gerade in Washington nicht immer einfach. Die Nasa muss mit weniger Geld auskommen, als dem Behördenchef lieb sein kann. Die Rückkehr auf den Mond ist abgeblasen. Reisen zu einem Asteroiden werden wohl erst um 2025 und zum Mars sogar erst irgendwann in den 2030er Jahren stattfinden.

Kurz: Unter Bolden musste die Nasa ihren früheren Anspruch auf All-Macht aufgeben. Stattdessen ist Demut angesagt. So ist wohl auch der aktuelle Deutschlandbesuch des Behördenchefs zu verstehen: Mal wirbt er vor mehr als 1000 Gästen an der TU Berlin für die Raumfahrt, mal sucht er Politiker von einem stärkeren europäischen Engagement zu überzeugen. Mal plaudert er mit Journalisten, mal preist er vor Besuchern eines Fachkongresses in Berlin die Vorzüge der Internationalen Raumstation an.

Vor 2017 wird kein US-Astronautentransporter zur ISS fliegen

Die Nasa braucht Partner für das All. Das fängt beim Transport an. Boldens einstiges Arbeitsgerät, der Space Shuttle, ist inzwischen ein Museumsstück. US-Astronauten werden auf Jahre zahlende Gäste in russischen Weltraumtaxis sein - für mehr als 50 Millionen Dollar pro Ticket. "Realistisch betrachtet gehen wir nicht davon aus, dass wir vor 2017 eine geprüfte nationale Möglichkeit haben, unsere Astronauten in den Weltraum zu bringen", gesteht Bolden ein.

Der Nasa-Chef ist ein Obama-Mann. Sollte der US-Präsident nach der nächsten Wahl gehen müssen, kann auch Bolden seine Sachen packen. Deswegen ist er sich auch nicht zu schade, offene Wahlkampfhilfe für seinen obersten Dienstherrn zu machen: "Ich bin sehr hoffnungsfroh, dass er wiedergewählt wird." Außerdem schätze er den Kurs, den die Behörde unter Obama eingeschlagen habe.

Im Kern geht es dabei vor allem darum, privaten Unternehmen den Vorstoß in den erdnahen Weltraum schmackhaft zu machen. Bei der Nasa hofft man so auf dringend benötigte Kosteneinsparungen. Ob das klappt, wird sich zeigen: Die unbemannte Frachtkapsel "Dragon" steht vor einem Testflug zur ISS - auch wenn der Start immer wieder verschoben werden musste. Die Konkurrenz von Orbital Sciences will die "Cygnus"-Kapsel im Sommer ausprobieren.

Doch bis zu einem bemannten privaten Raumtransporter, gar bis zu einer privaten Raumstation ist es noch ein weiter Weg. Dabei sollen nach Ansicht von Bolden gerade die Unternehmer die menschliche Präsenz im erdnahen Orbit in Form von Raumstationen übernehmen. "Um die kommerzielle Raumfahrt überlebensfähig zu machen, braucht es mehrere Flugziele", so der Nasa-Chef. "Ich erwarte eine ISS 2, ISS 3 oder ISS 4." Viele solcher Außenposten würden ohne Regierungsbeteiligung auskommen. Doch ob die Privatwirtschaft tatsächlich ein derart massives Engagement refinanzieren kann, ist völlig offen.

"Das ist ein Paradigmenwechsel, und wir sind froh darüber"

Die Nasa will derweil mit ihrer "Orion"-Kapsel lieber Astronauten zu einem Asteroiden oder zum Mars fliegen - nachdem das Fluggerät voraussichtlich 2020 oder 2021 seinen Jungfernflug hatte. Und für Ausflüge in die Tiefen des Alls wünscht sich Bolden nun auch Technik aus Europa, zum Beispiel für ein sogenanntes Servicemodul. Das beheimatet unter anderem die Tanks, Steuerdüsen und Lebenserhaltungssysteme eines Raumschiffs.

"Das ist ein Paradigmenwechsel, und wir sind sehr froh darüber", kommentiert Johann-Dietrich Wörner, der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Es sei "eine Revolution", dass sich die Nasa nun auch vorstellen könne, auf Schlüsselelemente aus anderen Staaten zurückzugreifen. Für die Europäer ist das freilich nur sinnvoll, wenn sie nicht nur Konstruktionspläne abliefern dürfen. Sie wollen auch möglichst viel Technik daheim bauen - und so Jobs sichern.

Was die Europäer der Nasa allerdings genau anbieten wollen, müssen sie sich erst noch überlegen. Auch für sie ist eine erfolgreiche Kooperation wichtig, was wiederum mit der Finanzierung der Internationalen Raumstation zu tun hat. Das riesige Labor soll mindestens bis 2020 fliegen. Doch bei der Esa weiß man nicht so recht, wie man nach dem Jahr 2017 die Betriebskostenrechung bei den Amerikanern begleichen soll. Bis dahin reicht der Beitrag durch den Bau von insgesamt fünf ATV-Frachttransportern.

China bleibt weiterhin außen vor

Doch weil klar ist, dass es danach keine weiteren Exemplare dieser kosmischen Lastesel geben wird, braucht die Esa danach Alternativen. Denn Bargeld will sie möglichst nicht an die Amerikaner überweisen - denn das ist auch in Europa knapp. Bis zum kommenden Jahr hätte Nasa-Chef Bolden gern die Vorschläge der Europäer zu ihrem zukünftigen Beitrag.

Eine intensivere Partnerschaft ist nicht ohne Risiken für die Europäer. Das liegt auch am Wankelmut der Finanzpolitiker in Washington. Die Nasa hat den Europäern zuletzt mehrere gemeinsame Projekte aufgekündigt, um Geld zu sparen. Mit der Marsmission "Curiosity" und dem immer teurer werdenden "James Webb"-Weltraumteleskop haben die Amerikaner nach ihrer Ansicht mehr als genug zu tun. Doch zukünftige Gemeinschaftsunternehmen brauchen auch Planungssicherheit.

Mit einem potentiellen Partner, das machte Bolden bei seinem Besuch klar, werden die Amerikaner übrigens auch in Zukunft nicht reden: mit den Chinesen. Während sich zum Beispiel die Europäer klar dafür aussprechen, Raumfahrer aus dem Roten Riesenreich auch an Bord der Raumstation zu begrüßen, lehnen die USA weiter jegliche Kooperation mit Peking ab - "weil es ein gesetzliches Verbot gibt", wie der Nasa-Chef sagt. Und er gehe auch nicht davon aus, dass sich die Sache kurzfristig ändere.

Die Aussicht, dass demnächst ein Chinese den Mond betreten könnte, macht Bolden nach eigenem Bekunden wenig Sorgen. Auch andere Nationen könnten gern Missionen zum Erdtrabanten auf die Beine stellen, der für sein Haus eben gerade "keine Top-Priorität" genieße: "Die USA müssen nicht immer der Anführer sein." Und außerdem sei man auf dem Mond schon erfolgreich gelandet. "Wir haben es schon mal gemacht. Aber seither ist viel Zeit vergangen."

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Die NASA!
gl1945 04.05.2012
Oh Mann...was für hochfliegende Pläne...MOND Mars...aber nicht genügend Kohle um die iSS in der Umlaufbahn zu halten! Die NASA heute: Eine amerikanischen Lachnummer!
2. Wie...
Layer_8 04.05.2012
Zitat von sysopDie Nasa will Menschen zu einem Asteroiden und zum Mars schicken - doch ihr fehlen dafür die Mittel. Behördenchef Charlie Bolden baut jetzt auf Hilfe von Außen: Bei einem Besuch in Deutschland wirbt er um das Engagement von Unternehmern und internationalen Partnern. Raumfahrt: Nasa-Chef Bolden sucht neue Partner auch in Europa - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,831423,00.html)
...bitteschön sind Visionen mit der Privatwirtschaft vereinbar? Können wir dann auch die Philosophie privatisieren? Wegen den Kosten? O Amerika, du hattest es mal besser. Du hattest mal Werte. Statt dessen nur noch Bankenrettung und sozialer Abstieg eines großen Teils der Bevölkerung. Hier in Europa gehts auch so los. Billionen sind vorhanden für die Kapitalistenrettungen. China kommt gerade mit seinen Visionen. O wie schön wars im Westen vor dem Mauerfall!
3. Ja, ja, die Amerikaner können alles verkaufen
kabian 04.05.2012
Das andrehen von Schrottimmobilienpapieren hat ja wunderbar geklappt. Warum sollen den die Europäer dann nicht in Luftschlösser, äh Pardon, Luftleere Schlösser investieren? Nur zur Erinnerung: Bei der Plannung der ISS wurde mit Investoren, die in der ISS produzieren sollten, geworben. Und urplötzlich, nach der Entscheidung, die ISS zu realisieren, hörte man davon nichts mehr.
4. Techno-Spinner
umegubbe 04.05.2012
"Ich erwarte eine ISS 2, ISS 3 oder ISS 4." Aha! Die ISS hat nur 100 Milliarden gekostet, da kann man nachlegen, weil andere Probleme haben wir ja nicht. Bemannte Raumfahrt ist noch unnützer als ein Kropf. Und mit Wissenschaft hat das gar nix zu tun, ein reines Vehikel um der unproduktiven Raumfahrtindustrie Milliarden zuzuschanzen.
5. Wenn alle so denken würden wie Sie...
Metalhead 04.05.2012
Zitat von umegubbe"Ich erwarte eine ISS 2, ISS 3 oder ISS 4." Aha! Die ISS hat nur 100 Milliarden gekostet, da kann man nachlegen, weil andere Probleme haben wir ja nicht. Bemannte Raumfahrt ist noch unnützer als ein Kropf. Und mit Wissenschaft hat das gar nix zu tun, ein reines Vehikel um der unproduktiven Raumfahrtindustrie Milliarden zuzuschanzen.
Würden wir immer noch in der afrikanischen Steppe sitzen und uns mit Faustkeilen rumärgern. Kurz- bis mittelfristig ist klar das bemannte Raumfahrt nicht das leisten kann was unbemannte Sonden zu leisten in der Lage fähig sind. Nur sollten wir uns mal Gedanken machen ob wir für immer nur auf diesem Planeten rumkrebseln wollen, oder auch mal die Tür in unser Sonnensystem aufstoßen. Wäre doch ne verdammte Platzverschwendung da oben ohne uns...
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