Raumfahrt SpaceX vor neuem Meilenstein beim Raketen-Recycling

Erstmals startet das US-Unternehmen SpaceX eine benutzte Rakete zum dritten Mal. An Bord sind unter anderem ein künstlicher Stern und die Asche von Toten.

Start einer "Falcon 9" von SpaceX von der Vandenberg Air Force Base (Archivbild)
Gene Blevins / Zuma Wire / dpa

Start einer "Falcon 9" von SpaceX von der Vandenberg Air Force Base (Archivbild)

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Diese Rakete hat die Raumfahrt verändert, so viel lässt sich bereits jetzt sagen. Mehr als 60 Mal ist die "Falcon 9" des US-Unternehmens SpaceX inzwischen gestartet. Und in rund der Hälfte der Fälle ist die erste Stufe des Fluggeräts dabei sanft zur Erde zurückgekehrt. Sie hat dabei entweder auf einem Schiff oder aber auf einem betonierten Landeplatz aufgesetzt.

Mehr als ein Dutzend Mal hat die Firma anschließend solch eine bereits benutzte Rakete wieder ins All geschickt. Denn das ist ihr Versprechen: Durch die Wiederverwendbarkeit der Technik soll der Preis für Flüge in den Weltraum in Zukunft drastisch sinken.

Bei einem zunächst für den Mittwochabend mitteleuropäischer Zeit geplanten Start von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien peilt SpaceX nun einen weiteren Meilenstein an: Zum ersten Mal soll eine bereits zweimal zuvor geflogene Rakete zum Einsatz kommen - dann also für ihren dritten Flug innerhalb eines Jahres. Und zwar ohne, dass größere Reparaturarbeiten an dem Fluggerät vorgenommen wurden. Allerdings war der Start zuletzt um anderthalb Wochen verschoben worden, weil bei einem vorherigen Start einer anderen "Falcon 9" Probleme an einem Triebwerk der ersten Stufe aufgetreten waren.

Eine einzige Rakete soll auf 100 Einsätze kommen

Die für den Start am Mittwoch vorgesehene Rakete trägt die interne Seriennummer B1046 und gehört zur neuesten Version ("Block 5"). Im Mai hat sie einen Kommunikationssatelliten für Bangladesch in den Orbit gebracht, im August dann einen für Indonesien.

Für die Zukunft hat sich SpaceX freilich noch viel ambitioniertere Ziele für die Wiederverwendbarkeit gesetzt: Zehn Mal hintereinander soll eine "Falcon 9"-Stufe einmal fliegen, bevor sie zur Instandsetzung und Reparatur erst einmal wieder in den Hangar kommt. Insgesamt sollen damit sogar 100 Starts pro Rakete möglich werden.

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Das wird jedoch noch eine Weile dauern. Nun steht erst mal der dritte Einsatz in Reihe an. An der Spitze der Rakete sitzt diesmal eine eklektische Mischung von mehr als 60 größeren, vor allem aber kleineren Satelliten aus 17 verschiedenen Ländern von Australien bis Thailand.

Verantwortlich dafür ist das US-Unternehmen Spaceflight Industries aus Seattle. Das hat die "Falcon 9" komplett von SpaceX gekauft und sie anschließend als eine Art Sammeltaxi ins All an Kunden in aller Welt vermarktet, die sich jeweils keine eigene Rakete hätten leisten können. "Smallsat Express" heißt die Mission.

Tomatenzucht im fliegenden Gewächshaus

Weil jeder Nutzer nur einen vergleichsweise kleinen Anteil der Startkosten zahlt, wird das All auf einmal für viele Nutzer erschwinglich. Zahlreiche Universitäten, in Deutschland aus Berlin und München, haben Mini-Satelliten für die Ausbildung ihrer Studenten an Bord.

So kommt es aber eben auch, dass neben Forschungsmissionen wie dem von deutschen Wissenschaftlern entwickelten fliegenden Gewächshaus "Eu:Cropis", in dem Tomaten bei reduzierter Gravitation wachsen sollen, auch Mini-Flugkörper wie "Elysium Star 2" an Bord der Rakete sind. Das ist ein kleiner Würfel, der Teile der Asche von mehr als 100 Verstorbenen enthält. Nach rund zwei Jahren im Orbit soll er in der Atmosphäre verglühen - und die Hinterbliebenen als Sternschnuppe erfreuen.

Oder der Satellit "Enoch", den das Los Angeles County Museum of Art ins All schickt. Er enthalte, so sagt jedenfalls der für das Projekt verantwortliche Künstler Tavares Strachan, die "Seele" des ersten afroamerikanischen Astronautenanwärters Robert Henry Lawrence Jr. Dieser war im Jahr 1967 bei einem Flugunfall ums Leben gekommen - bevor er ins All starten konnte.

Künstler Strachan will seiner nun mit einer sogenannten Kanope gedenken. So nannte man im alten Ägypten die Gefäße, in denen die inneren Organe von Mumifizierten beigesetzt wurden. Das vergoldete Gefäß, das nun zur Erinnerung an Lawrence in den Weltraum geschickt wird, enthält zwar keine seiner Überreste. Es zeigt aber immerhin eine kleine Büste von ihm - und wurde in einem Shint-Schrein in Japan offiziell zum "Behälter der Seele" des Verstorbenen erklärt.

Diskussionen um fliegenden Reflektor

Einigermaßen kurios ist auch der "Orbital Reflector", den ein weiterer Künstler namens Trevor Paglen mit der Rakete mitschicken will. Dieser Satellit soll nichts weiter tun, als möglichst viel Sonnenlicht zu reflektieren - und nervt manche Astronomen genau deswegen gewaltig. Sie fürchten, wie schon im Fall des früher in diesem Jahr vom neuseeländischen Raumfahrtmanager Peter Beck geschossenen "Humanity Star", einer Art fliegender Discokugel, um die Genauigkeit ihrer Messungen.

Dass die "Falcon 9" einen fliegenden Gemischtwarenladen ins All bringt, dürfte übrigens eher eine Ausnahme bleiben. Das hat Spaceflight-Industries-Chef Curt Blake kurz vor dem Start klargestellt. Es sei einfach zu kompliziert und anstrengend, die Erbauer von 60 Satelliten gleichzeitig dazu zu bekommen, Technik und Papierkram rechtzeitig fertig zu bekommen.

Deswegen sei es nicht unwahrscheinlich, dass die Firma für ihr Geschäft in Zukunft auf kleinere Raketen setze. Bei SpaceX wiederum interessiert man sich tendenziell eher für größere Vehikel für den Flug ins All. Lieber früher als später möchte man die extrem kraftvolle "BFR" in Dienst stellen - die dann sogar Flüge zum Mars möglich machen soll. Dort will Firmenchef Elon Musk am liebsten eine menschliche Kolonie gründen.

Vorher muss das Arbeitstier "Falcon 9" aber noch zahlreiche Missionen absolvieren - und so gutes Geld verdienen. Fürs kommende Jahr sind bereits jetzt mehr als 20 Starts geplant, zusätzlich will die Firma auch, sobald alle Sicherheitstest absolviert sind, Astronauten zur Internationalen Raumstation bringen.

Die Rakete vom Mittwoch soll übrigens nach absolviertem Flug auf einem ferngesteuerten Schiff vor der kalifornischen Küste landen. Und dann schon bald fertig für ihren nächsten Einsatz sein.


Anmerkung der Redaktion: Der Raketenstart wurde kurzfristig wegen schlechten Wetters verschoben. Ein neuer Termin soll im Laufe der Woche bekannt gegeben werden.



insgesamt 13 Beiträge
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MyQ 28.11.2018
1. Weltraumschrott-Problematik?
Es ist ja schön, dass Raketenstarts immer günstiger werden, aber wir haben heute bereits ein erhebliches Problem mit Weltraumschrott, wofür es noch keine realisistische Lösung gibt. Und wir haben nichts besseres zu tun, als durch sinkende Startkosten unnötiges Zeug wie Spiegel, Tesla Roadster & Diskokugeln ins All zu schießen? Ja, es bleibt angeblich ein Einzelfall, aber wenn es wirtschaftlich attraktiv ist, wird das vermehrt auftreten: hier muss dringend eine multinationale Regelung her, um dem einen Riegel vorzusetzen. Diese Projekte & Starts sollten ausschließlich einen nachweisbaren Nutzen haben.
GaliX622 28.11.2018
2. Wir müssen auch Umdenken.
Leider verliert in Deutschland in immer mehr High Tech Bereichen den Anschluss: Es gibt so gut wie keine nennenswerte IT-Industrie in Deutschland (wenn man das veraltet SAP Geschwür raus nimmt). Keine Handy, Fernsehe oder gar Prozessor/Speichertechnik Hersteller. Künstliche Intelligenzen ist in Deutschland auch ein Fremdwort und weite Zukunftsmusik von der Keiner einen Dunst hat. Es müssen neue Bereiche erschlossen werden um weiter unseren Wohlstand zu Sichern. Die Raumfahrtindustrie / Künstliche Intelligenzen sind hier riesige potentiale die man jedoch nicht plötzlich umsetzen werden können wenn man mal wieder merkt, man hat das Thema verschlafen. Elon Musk steht dafür was ein intelligenter Mensch erreichen kann wenn die Umgebung stimmt. In Deutschland wäre keines seiner Unternehmen möglich, angefangen bei Paypal. Die Bürokratie und der Neid der Gesellschaft hätte einem sofort zum Sturz gebracht.
touri 28.11.2018
3.
Zitat von MyQEs ist ja schön, dass Raketenstarts immer günstiger werden, aber wir haben heute bereits ein erhebliches Problem mit Weltraumschrott, wofür es noch keine realisistische Lösung gibt. Und wir haben nichts besseres zu tun, als durch sinkende Startkosten unnötiges Zeug wie Spiegel, Tesla Roadster & Diskokugeln ins All zu schießen? Ja, es bleibt angeblich ein Einzelfall, aber wenn es wirtschaftlich attraktiv ist, wird das vermehrt auftreten: hier muss dringend eine multinationale Regelung her, um dem einen Riegel vorzusetzen. Diese Projekte & Starts sollten ausschließlich einen nachweisbaren Nutzen haben.
Der Tesla Roadster war nicht unnötig, da er als Testmasse für einen Probeflug verwendet wurde. Andernfalls wärs halt ein Betonklotz gewesen. Und der ist im übrigen auf einer Umlaufbahn unterwegs, die in naher wie ferner Zukunft niemanden stören wird. Viele Menschen haben leider keine Vorstellung darüber wie unglaublich groß und leer der Weltraum ist. Problematisch sind nur Satelliten die in den Erorbit geschossen werden. Da bahnt sich tatsächlich ein Problem an, das man eher früher als später angehen muss. Ich könnte mir z.B. für alle neuen Sateliten eine Verpflichtung vorstellen, dass diese über die Möglichkeit verfügen einen kontrollierten Absturz in die Atmossphäre einzuleiten.
winterwoods 28.11.2018
4. Weltraumschrott, den keiner braucht
Und wieder zeigt sich, wie dringend eine international verbindliche Gesetzgebung benötigt wird, die unnötigen Weltraumschrott verhindern helfen muss.
noethlich 28.11.2018
5. Wünsche Elon Musk viel Erfolg
Bei allen Exzentrizitäten und Kuriositäten, die der Mann so an den Tag legt, hat er das Potenzial, als Visionär der Größenordnung von Steve Jobs in die Geschichte einzugehen. Ich wünsche ihm Erfolg und würde mich freuen, wenn die permanente Besiedlung des Mars (und langfristig auch anderer Gestirne) gelänge. Was sich heute noch wie SciFi anhört könnte Realität werden und eine Aufbruchstimmung der Menschheit begründen. Man denke nur an die Ressourcen, die im Weltall und auf anderen Planeten auf uns warten. Es kann aber auch alles ganz anders kommen, deshalb drücke ich die Daumen, dass alles klappt.
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