Raumfahrtgeschichte Amerikas Atomwaffenplan für den Mond

Schon in den Kindertagen der Raumfahrt haben die USA und die Sowjetunion Pläne zur Militarisierung des Weltraums geschmiedet. Die US-Armee wollte gar eine bewaffnete Basis auf dem Mond errichten - um nukleare Waffen außerhalb der Reichweite des Feindes in Stellung zu bringen.


Unübersichtliche Zeiten herrschten damals, Ende der fünfziger Jahre, vor Gründung der Nasa. Das Weltall harrte jungfräulich seiner Eroberung, und auf dem blauen Planeten kämpften die Erdlinge um das Vorrecht, wer zuerst den Astronautenhelm überziehen durfte. Nicht nur die Supermächte stritten damals um die Führungsposition in der Eroberung des Weltraums. Auch im US-Militär war Streit ausgebrochen: Welche Waffengattung sollte die Weiten des Weltraums als erste besetzen? Wer würde den Mond befehligen?

Mondstation (Nasa-Zeichnung von 1959): Militärische Pläne für den Trabanten
NASA Glenn Research Center

Mondstation (Nasa-Zeichnung von 1959): Militärische Pläne für den Trabanten

Die amerikanische Armee sah sich gegenüber den Kameraden der Marine und den Piloten der Air Force in der besten Ausgangsposition. "Auf dem Mond gibt es kein Wasser und keine Atmosphäre - daher hat die Navy dort keine Rolle, und auch die Luftwaffe hatte nur schwache Argumente", erinnert sich Hermann Kölle an die damalige Debatte. Kölle, der zu dieser Zeit für die US Army in Huntsville (US-Bundesstaat Alabama) Zukunftsstudien erarbeitete, gehörte dort Mitte der fünfziger Jahre zum Team des Raketenpioniers Wernher von Braun.

"Zu diesem Zeitpunkt war völlig offen, wer welche Rolle in der Raumfahrt übernehmen sollte", so der heute pensionierte Professor für Raumfahrttechnik. "Die US Army konnte aber bereits auf Erfahrungen mit Stationen im Eis des Nord- und Südpols verweisen." Diese Tradition sollte im grauen Mondstaub fortgesetzt werden. Kölle: "Die Army hatte damals die Hoffnung, sich eine gehörige Scheibe vom Kuchen abschneiden zu können." Ein gigantisches Projekt nahm in den Köpfen eines 30 Mann starken Expertenteams unter Kölles Leitung Gestalt an: Die permanent bemannte Mondstation, Arbeitstitel: "Project Horizon".

Sowjets wollten zum Mond

Ein Jahr zuvor hatten die Amerikaner ihren ersten Satelliten "Explorer 1" in den Orbit bugsiert - und waren hinter den Sowjets und ihrem "Sputnik" nur zweite Sieger. Pessimisten sahen bereits die nächste Schlappe heraufziehen. Vollmundig hatte die Sowjetunion verkündet, ihre Kosmonauten könnten die Feier zum fünfzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution an einem besonderen Ort begehen: auf der Mondoberfläche.

Der Festtag stand für das Jahr 1967 ins Haus - für die Amerikaner war also eine gewisse Eile geboten. Die erste Mondlandung sah Kölles Konzept deshalb schon im Frühjahr 1965 vor. Und bereits Ende 1966 sollte eine mit zwölf Mann besetzte Mondstation volle Einsatzfähigkeit melden.

Als problematisch erwies es sich allerdings, die militärische Rolle des Erdbegleiters plausibel zu machen. Eine "besondere Bedeutung für die Abschreckung" ergebe sich aus der Schwierigkeit für die Sowjetunion, dort stationierte Vergeltungswaffen zu eliminieren - meinte die Armee erkannt zu haben. Aus heutiger Sicht ein eher bizarrer Gedanke.

Als astronautisches Arbeitspferd hatte Zukunftsplaner Kölle die Saturn I und II vorgesehen, die damals noch auf ihren Jungfernflug warteten. Die Raketen waren Vorläufer der Saturn V, mit der 1969 Armstrong und Kollegen zum Mond aufbrachen.

Volltanken im Orbit

Das Horizon-Szenario unterschied sich jedoch beträchtlich vom späteren Apollo-Projekt. Den ehrgeizigen Plänen zufolge sollte zunächst eine bemannte Raumstation in der Erdumlaufbahn errichtet werden. Die dortige Besatzung unterhält, so die Studie, eine orbitale Tankstelle, wo die Mondraketen zum Volltanken anlegen, bevor sie ihre Reise fortsetzten. Das Konzept der Raketentankstelle hatte einen entscheidenden Vorteil: Erheblich mehr Fracht hätte pro Flug auf dem Mond abgeliefert werden können.

Über 200 Flüge von Saturn-Raketen sind nach Kölles Studie nötig, um die 245 Tonnen Ausrüstung für den Aufbau des Außenpostens herbeizuschaffen. Gegen die harschen lunaren Umweltbedingungen wollten die Militärs eine erprobte Taktik einsetzen: Eingegraben unter der Oberfläche wäre die Crew nicht nur vor den extremen Temperaturwechseln zwischen Tag und Nacht, sondern auch vor der gefährlichen kosmischen Strahlung geschützt. Kernreaktoren sollten Licht ins Dunkel der Mondnacht bringen.

Für die ausgebrannten Treibstofftanks der Mondschiffe wartete am Ziel eine weitere Aufgabe. Umfunktioniert zu Druckkammern wären sie zu Behausungen und Arbeitsräumen für die Horizon-Astronauten umfunktioniert worden - eine Idee, die 1973 mit "Skylab", der ersten amerikanischen Raumstation in der Erdumlaufbahn, benutzt wurde.

Goldene Zeiten

Doch in Sachen Mond kam alles anders. "Präsident Eisenhower hatte eine kritische Einstellung gegenüber dem, was er den militärisch-industriellen Komplex nannte", erinnert sich Kölle. "Raumfahrt war für ihn eher ein wissenschaftliches Projekt". Die Eroberung des Alls wurde folglich in die Hände von Zivilisten gelegt. Kölle wechselte mit dem Team um Wernher von Braun zur Nasa, und auch die Entwicklung der Saturn-Raketen wurde der neuen Weltraumbehörde überstellt. Goldene Zeiten brachen an: "Die Arbeitsbedingungen entwickelten sich jetzt sehr positiv, das Braun-Team wurde von 2000 auf 8000 Mitarbeiter aufgestockt", sagt Kölle. "Und es gab einen kurzen Draht zum Nasa-Chef, der nur dem Präsidenten unterstand."

Das Mammut-Projekt Mondstation verschwand zwar zunächst in der Versenkung. Doch als die UdSSR mit Jurij Gagarin den ersten Menschen in den Orbit schickte, suchte John F. Kennedy, Eisenhowers Nachfolger im Weißen Haus, nach einer politischen Antwort. Wernher von Braun votierte für die bemannte Mondlandung - konzeptionelle Vorarbeiten lägen bei der Army bereits vor. Das Projekt Horizon wurde zu Apollo.

Kölle orientierte sich bald zurück nach Deutschland. Er folgte 1965 auf den Lehrstuhl, der nach dem Tod Eugen Sängers an der Berliner TU frei geworden war. Heute hofft der emeritierte Professor auf eine Rückkehr von Astronauten zum Mond.



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