Raumfahrtgeschichte Gagarin fälschte seine Biografie

Jurij Gagarin, der erste Mensch im All, log beim Ausfüllen wichtiger Fragebögen - um seine Karriere nicht zu gefährden. Dies belegen bisher unbekannte Erinnerungen seiner Mutter. Wäre die Sache aufgeflogen, hätte er wohl nie zu seinem historischen Flug aufbrechen dürfen.

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Der Diktator war paranoid. Deswegen galten zu Lebzeiten von Josef Stalin alle Sowjetbürger als potentielle Verräter, wenn sie im Zweiten Weltkrieg in von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten gelebt hatten - oder aus der Gefangenschaft geflohen waren.

In Fragebögen, die jeder ausfüllen musste, der eine Arbeit aufnehmen oder studieren wollte, gab es die Rubrik Okkupation. Darin wurde gefragt, ob man selbst oder die nächsten Angehörigen in den besetzten Gebieten gelebt hatten. Und wer mit Ja antwortete, hatte gewöhnlich keine Chance auf eine gute Arbeit, einen Studienplatz oder eine Stelle im Staatsdienst.

Das wusste auch Jurij Gagarin - und fälschte deshalb seine Biografie. Das belegen 80 Jahre nach seiner Geburt wenig bekannte Schilderungen seiner Mutter, die eine Ghostwriterin veröffentlicht hat. Wäre der Betrug aufgedeckt worden, hätte der Aufstieg des Bauernsohns zum ersten Menschen im All wohl nie stattgefunden.

Zwangsrekrutiert für die Rote Armee

Als die deutschen Truppen im Sommer 1941 die Sowjetunion überfallen, lebt Gagarins Familie im Dörfchen Kluschino im Smolensker Gebiet. Am 12. Oktober 1941 vertreiben die Soldaten auf dem Vormarsch nach Moskau die Familie aus ihrer Holzhütte. Für die Eltern Anna und Alexej sowie die Kinder Walentin, Soja, Jurij und Boris beginnt das Leben in der "okkupazija", der Besatzung.

Besonders schwierig wird es für zwei von Gagarins Geschwistern: Am 18. Februar 1943 werden der 18-jährige Walentin und fünf Tage später die 15-jährige Soja zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen gelingt beiden später die Flucht. Doch sie dürfen nicht zu ihrer Familie zurück, sondern werden für die Rote Armee zwangsrekrutiert. Walentin dient bei den Panzern, Soja wird Veterinärgehilfin in einer Kavallerieabteilung.

Nach dem Krieg bringt den beiden Gagarin-Kindern ihre Vergangenheit Probleme: Vor allem Soja bekommt das zu spüren. Sie bewirbt sich 1946 in Gshatsk, dem heutigen Gagarin, um eine Stelle als Krankenschwester. Wahrheitsgemäß füllt sie im Fragebogen der Klinik die Rubrik "Waren Sie in der Okkupation? Waren Sie in Gefangenschaft?" aus. Die ernüchternde Antwort aus der Kaderabteilung: "Wir haben weder im Krankenhaus noch in der Poliklinik noch in der Kinderabteilung einen Platz für Sie!"

Für ihren jüngeren Bruder Jurij ist Sojas Schicksal eine Warnung. So jedenfalls beschreibt es seine Mutter Anna Gagarina. Der aufgeweckte Junge verschwindet im Jahr 1949 aus Gshatsk - und sucht sich im Moskauer Vorort Ljuberzy eine Lehrstelle. Hier kennt ihn niemand, also kann ihn auch niemand denunzieren. Da Gagarin die 7. Klasse zum Mittelschulabschluss fehlt, bleibt ihm der Weg in seinen Lieblingsberuf Dreher verwehrt. Stattdessen bekommt er eine Lehrstelle in einer Gießerei.

Vater zum Kriegsinvaliden gemacht

Nach zwei Jahren beendet Gagarin die Lehre mit Bestnoten. An der Abendschule hat er auch die 7. Klasse nachgeholt und bewirbt sich im August 1951 um einen Studienplatz am Industrie-Technikum in Saratow an der Wolga. Doch wegen der schlechten Erfahrungen seiner Schwester greift er beim Ausfüllen des Fragebogens zu einer Notlüge. In seinem Lebenslauf macht er seinen Vater, der wegen eines angeborenen Gehfehlers vom Wehrdienst freigestellt ist, zu einem "Kriegsinvaliden" und verschweigt Walentin und Soja.

Der künftige Kosmonaut geht dabei ein enormes Risiko ein. Denn die Fälschung hätte sehr wohl spätestens am Ende des Studiums im Sommer 1955 auffliegen können. Viele Absolventen des Technikums wurden damals auf Geheimobjekte in der Industrie verteilt. Deshalb wurden vorher die Personalunterklagen noch einmal vom Geheimdienst NKWD überprüft. Möglicherweise hatte Gagarin schlicht und einfach Glück - weil Diktator Stalin zu diesem Zeitpunkt schon seit zwei Jahren tot war.

Eigentlich wollte Gagarins Mutter dieses bislang unbekannte Kapitel ihrer Familiengeschichte schon in ihrem Buch "Pamjatj serdza" ("Erinnerung des Herzens") schildern, das kurz nach ihrem Tod im Jahre 1984 erschienen ist. Doch das wurde ihr durch die Zensur verwehrt. So gab sie damals ihre Gedanken ihrer Ghostwriterin, der Journalistin Tatjana Kopylowa, mit der ausdrücklichen Erlaubnis zu Protokoll, diese später zu veröffentlichen.

Die Journalistin wertet die "korrigierte Biografie" Gagarins als "stummen Protest" gegen das stalinistische System. Das ist vielleicht etwas hochgegriffen. Doch im Laufe seiner Karriere hat sich Gagarin immer wieder einmal mit der Obrigkeit angelegt. Die Wurzeln dieses aufmüpfigen Verhaltens könnten durchaus in jenem ersten Husarenstück gelegen haben.

insgesamt 34 Beiträge
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taxiralle59 10.02.2014
1. Gagarin
ist mit Sicherheit nicht der einzige Kosmonaut/Astronaut, der Dinge anders dargestellt hat als sie in Wirklichkeit waren. Im kalten Krieg (und auch heute noch) waren Lug und Trug an der Tagesordnung.
Dario 10.02.2014
2. Einnert mich...
...an den Film Gattaca. Lügen beim Vorstellungsgespräch? Warum nicht... :-D
Teile1977 10.02.2014
3. Nsa
"Der Diktator war paranoid. Deswegen galten zu Lebzeiten von Josef Stalin alle Sowjetbürger als potentielle Verräter, wenn sie im Zweiten Weltkrieg in von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten gelebt hatten - oder aus der Gefangenschaft geflohen waren." Heute würde man sagen: "Die USA ist Parannoid. Deshalb gelten alle Weltbürger als potentielle Feinde, Ausnahmslos!
againstusa 10.02.2014
4. optional
Oooh, was für eine gravierende Lüge. Das ist doch Konderk.. gegen derzeit laufende Lügengebilde, im Westen.
renee gelduin 10.02.2014
5.
Vielleicht meint er mit "man" jeden Menschen auf der Welt, der die weltweite NSA-Spionage mitbekommen hat...
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