Raumsonde "Messenger" schickt spektakuläre Bilder vom Merkur

Die Raumsonde "Messenger" hat mehr als 1000 beeindruckende Bilder von der Oberfläche des Merkur geschossen - die nicht nur großen ästhetischen Wert haben: Forscher stießen bei der Auswertung der Fotos auf eine Überraschung.


Verglichen mit Jupiter oder Saturn liegt Merkur quasi um die Ecke. Allerdings nicht nur von der Erde aus gesehen, sondern auch von der Sonne - und deren Anziehungskraft macht Merkur zu einem schwierigen Ziel für Raumsonden.

Entsprechend stiefmütterlich wurde er bisher behandelt. Während Jupiter, Saturn und erst recht der Mars tausendfach aus der Nähe fotografiert wurden, hatte Merkur zuletzt vor mehr als 30 Jahren Besuch von der Erde. Die US-Sonde "Mariner 10" hat 1974 und 1975 die bisher einzigen Nahaufnahmen des Merkur geschossen, und das auch nur von einer Seite des Planeten. 55 Prozent der Merkur-Oberfläche blieben damals Terra incognita.

Doch diese Lücke ist jetzt geschlossen.

Die US-Sonde "Messenger" ist vor zwei Wochen auf Tuchfühlung mit Merkur gegangen. In zeitweise nur 200 Kilometern Entfernung raste das Raumschiff über die Oberfläche des Planeten und funkte massenweise Daten seiner sieben Messinstrumente zur Erde, darunter 1213 Bilder. Jetzt hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa die mit Spannung erwarteten Fotos veröffentlicht.

"Überraschende Ergebnisse"

Sie sehen nicht nur schön aus, sondern beweisen auch, dass der Merkur dem irdischen Mond weit weniger ähnelt als bisher angenommen. Das schließen die an der Mission beteiligten Forscher, darunter Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), nach der ersten Auswertung der Fotos. "Wir können schon jetzt einige überraschende Ergebnisse präsentieren", sagte Jürgen Oberst vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin. "Vieles am Merkur scheint doch ein wenig anders zu sein, als wir angenommen haben."

Ähnlich äußerte sich sein Kollege Jörn Helbert, der im Missionszentrum in den USA an den ersten Auswertungen beteiligt war. "Es ist faszinierend zu sehen, wie Tag für Tag neue Daten ankamen - und fast jedes Mal änderte sich unsere Vorstellung über Merkur ein wenig." Helbert konzentriert sich auf die Auswertung von Spektrometer-Messungen, die Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Oberfläche des Merkur versprechen.

Die Fotos des "Mercury Dual Imaging System" (MDIS) an Bord von "Messenger" lassen zahlreiche Einschlagskrater erkennen. Sie ähneln denen auf dem Mond nur auf dem ersten Blick: Wegen der größeren Anziehungskraft auf dem Merkur hat das bei den Treffern ausgeworfene Material andere Muster gebildet. Das erschwert nach Angaben des DLR die Bestimmung des Alters der Planetenoberfläche, die üblicherweise anhand der Zählung der Krater erfolgt. Mit Sicherheit lasse sich nur sagen, dass die meisten Strukturen auf dem Merkur mehr als drei Milliarden Jahre alt sind. Damit wären sie nur etwa 1,5 Milliarden Jahre jünger als die Planeten im Sonnensystem - und könnten so einiges über dessen Geschichte verraten.

Hunderte Kilometer lange Klippen

Die "Messenger"-Fotos zeigen auch, dass der Merkur, anders als der Mond, riesige Klippen besitzt. Über Hunderte von Kilometern ziehen sie sich über die Oberfläche des Planeten. Nach Angaben des DLR könnten sie entstanden sein, als der Merkur abkühlte und dabei Runzeln bildete - ähnlich wie eine Weintraube, die in der Sonne zur Rosine trocknet.

Das DLR wird die "Messenger"-Daten vor allem zur Kartierung der Oberfläche und zur Vermessung von Gestalt und Rotationsachse des Merkur benutzen. Bisher nämlich behandelten Forscher den Planeten der Einfachheit halber als perfekte Kugel mit einer Rotationsachse, die senkrecht zu seiner Bahnebene steht. "Nun können wir die genaue Größe des Planeten, sowie die Lage seiner Rotationsachse im Raum verifizieren", erklärte DLR-Forscher Oberst.

Die Auswertung der "Messenger"-Daten dient auch der Vorbereitung der europäischen Merkur-Mission "BepiColombo", die 2013 starten soll. Der erste Merkur-Vorbeiflug von "Messenger" sei ein "voller Erfolg" gewesen, sagte Sean Solomon von der Carnegie Institution in Washington, der wissenschaftliche Leiter der Mission. "Der anvisierte Punkt des Überflugs wurde genau getroffen, so dass sich die Sonde nun auf einer perfekten Bahn um die Sonne befindet und dann der geplante zweite Vorbeiflug im Oktober dieses Jahres erfolgen kann."

Nach einem dritten Nahvorbeiflug im September 2009 wird "Messenger" (kurz für "Mercury Surface, Space Environment, Geochemistry and Ranging") ab 2011 nahezu auf der gleichen Bahn wie der Merkur um die Sonne kreisen und nach insgesamt fast acht Milliarden Flugkilometern in eine Umlaufbahn um den Merkur einschwenken.

mbe



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