Internationale Raumstation Russland will ISS-Etat deutlich kürzen

400 Millionen Dollar sollen eingespart werden: Russland will seinen Etat für die Internationale Raumstation ISS drastisch kürzen. Das Projekt eines eigenen Außenpostens im All hat man trotz knapper Kassen offenbar noch nicht aufgegeben.

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Der Rubel schwächelt, der Ölpreis ist im Keller. Hinzu kommen die Sanktionen westlicher Länder gegen Russland. Das alles hat auch Folgen für die russische Raumfahrt. Laut einem Bericht der Zeitung "Iswestija" plant der Staatskonzern GK Roskosmos drastische Einschnitte. Betroffen ist auch die Internationale Raumstation ISS. Laut den Plänen sollen die Mittel dafür bis 2025 um knapp 400 Millionen Dollar gekürzt werden.

Das Blatt beruft sich dabei auf den Entwurf des neuen Föderalen Raumfahrtprogramms (FKP) für die Jahre 2016 bis 2025, den die Regierung in diesen Tagen beschließen soll.

Grund sei die Forderung des Finanzministeriums, die Mittel für das Programm wegen der wirtschaftlichen Probleme und des Kursverfalls des Rubels generell um ein Viertel zusammenzustreichen. Der ISS-Etat kommt dabei noch vergleichsweise glimpflich weg - er würde laut den Plänen um etwa zehn Prozent schrumpfen.

Betrieb bis mindestens 2024

Die Internationale Raumstation ISS wird gemeinsam von Russland und den USA betrieben. Jeder hat ein eigenes Segment, das aus mehreren Modulen besteht. Beide Länder stemmen auch den Großteil der Finanzierung und betreiben die beiden Kontrollzentren in Koroljow bei Moskau und Houston (Texas).

Hinzu kommen Beiträge der Raumfahrtagenturen Esa (Europa), Jaxa (Japan) und CSA (Kanada), die etwa eigene Technik einbringen wie die Forschungsmodule Columbus und Kibo und als Gegenleistung die Station mit nutzen dürfen. Schätzungen zufolge liegen die Kosten der ISS bei insgesamt etwa 100 Milliarden Euro. Vertraglich ist der Betrieb bis zum Jahr 2024 gesichert.

Der Aufbau der ISS begann 1998, seit dem Jahr 2000 ist die Station dauerhaft bewohnt. Laut den nun bekannt gewordenen Plänen könnte Russland auf eine Reihe von Projekten für die ISS verzichten, darunter auf den Bau eines Stromversorgungsmoduls.

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Die Arbeit an den bereits begonnenen Modulen werde hingegen fortgesetzt, schreibt das Blatt. Dabei gehe es um das Mehrzweck-Labormodul (MLM), das 2017 gestartet werden soll, um das Verbindungsmodul (UM), dessen Start für 2018 vorgesehen ist, und um das Wissenschaftlich-Energetische Modul (NEM), das für 2019 geplant ist.

Außerdem würden einige Experimente im russischen Segment der ISS gestrichen. Der Betrieb der ISS insgesamt dürfte trotz der russischen Sparpläne jedoch nicht gefährdet sein. Die Energieversorgung beispielsweise übernehmen nahezu komplett die Amerikaner.

Neuer russischer Außenposten?

Das Projekt einer eigenen Raumstation hat man in Moskau trotz knapper Kassen offenbar noch nicht aufgegeben. Denn die Entwicklung "perspektivischer Elemente einer bemannten kosmischen Infrastruktur" ist ausdrücklich Teil des neuen Raumfahrtprogramms, wie die "Iswestija" berichtet.

Dabei geht es offensichtlich um eine künftige Raumstation, die Russland gemeinsam mit Brasilien, Indien, China und Südafrika betreiben könnte. Denkbar ist beispielsweise, dass Russland sein ISS-Segment 2024 vom Rest der Station trennt und als Basis des neuen Außenpostens im All nutzt.

Kürzungen soll es den Planungen zufolge aber nicht nur bei der ISS, sondern offenbar auch beim ambitionierten russischen Mondprogramm geben. Gestrichen worden seien der Landekomplex, die Orbitale Mondstation, die Mondbasis, den Mondraumanzug und das Mondrobotersystem, heißt es.

Geschäfte mit Touristen

Zusätzliche Einnahmen erhofft sich Russlands Raumfahrtkonzern RKK Energija von Weltraumtouristen. Regelmäßige Flüge zur ISS sollen in den kommenden Jahren Dutzende Millionen Dollar einbringen.

Wie die endgültigen Zahlen des neuen Föderalen Weltraumprogramms aussehen, steht allerdings erst fest, wenn die Regierung es abgesegnet hat. Roskosmos-Chef Igor Komarow sprach noch im November von Investitionen in Höhe von umgerechnet 21,7 Milliarden Euro. Ausgehend von der heutigen wirtschaftlichen Lage habe man das Programm "optimiert" und die Finanzierung der "Schlüsselprojekte" und deren wissenschaftlich-technischer Basis gesichert, sagte er. Bis 2021 stünden erst einmal 20 Milliarden Euro zur Verfügung, über den Rest werde danach in Übereinstimmung mit der Haushaltslage entschieden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand in einer Zwischenüberschrift, der Betrieb sei bis zum Jahr 2014 gesichert, richtig ist 2024. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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