Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Raumstation: Zukunft der ISS wegen russischer Verspätung ungewiss

Sorge um die Internationale Raumstation: Das russische Segment kann aus Geldmangel frühestens 2015 fertiggestellt werden - fünf Jahre später als geplant. Doch im selben Jahr endet die eigentliche Nutzungsdauer der Station. Lohnt sich die Erweiterung überhaupt noch?

Die Internationale Raumstation ist einmal mehr das Sorgenkind der Weltraumforschung. Nachdem die Amerikaner den Sinn und die Fertigstellung der ISS bereits in Frage gestellt hatten, melden nun die Russen Probleme: Wegen akuter Finanznot soll das Segment der Russen erst 2015 fertig werden - fünf Jahre später als geplant.

Internationale Raumstation und Raumfähre "Discovery" (Dezember 2006): Neue Probleme mit der ISS
DPA

Internationale Raumstation und Raumfähre "Discovery" (Dezember 2006): Neue Probleme mit der ISS

Derzeit stehen nur gut ein Drittel der ursprünglich geplanten Finanzmittel zur Verfügung. Da aber 2015 auch die von den ISS-Partnern vereinbarte Nutzungsdauer der Station ausläuft, sind die Russen bemüht, die Amerikaner für deren Verlängerung bis zum Jahr 2020 zu gewinnen. Das käme übrigens auch den Europäern und Japanern entgegen, die ihre Wissenschaftsmodule "Columbus" und "Kibo" gern über 2015 hinaus betreiben würden.

Doch selbst eine verlängerte Nutzungsdauer der ISS würde die Probleme der Russen nicht wirklich lösen. Denn ihre Module "Sarja", "Swesda" und "Pirs", die zwischen 1998 und 2001 auf die Umlaufbahn gebracht wurden, überschreiten schon bald ihre Garantiezeit. Deshalb stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch lohnt, neue Module zu bauen und ins All zu schicken. Das gilt ebenfalls für das kurz vor der Vollendung stehende Multifunktionale Labormodul (MLM), mit dem die Forschungsmöglichkeiten der ISS erweitert werden sollen. Allerdings fehlt hier auch noch das Geld für die wissenschaftliche Ausstattung.

20 Prozent der geplanten Projekte verwirklicht

Nach Angaben von Nikolai Anfimow, dem Vorsitzenden des für die bemannte Raumfahrtforschung zuständigen Wissenschaftlich-Technischen Koordinierungsrates (KNTS), hat Russland in der Station bisher nur 20 Prozent der geplanten Projekte verwirklicht. Schuld daran sei, dass "weniger als ein Prozent" aller für die bemannte Raumfahrt bestimmten Mittel dafür eingesetzt würden.

Zudem ist bei den Russen die Energiefrage nicht gelöst. Schon heute müssen sie für teures Geld in der ISS von den Amerikanern Strom kaufen, da sie nur bis zu fünf Kilowatt Leistung selbst erzeugen können, aber das Zehnfache bräuchten. "2009 verfügt das amerikanische Segment über 100 Kilowatt Leistung, während wir bis 2011 lediglich eine Erhöhung auf sieben Kilowatt planen", klagte Witali Lopota, Chef des Raumfahrtkonzerns "Energija". Eine grundlegende Wende sei nur durch den Start von zwei wissenschaftlich-energetischen Modulen nach dem MLM möglich.

Ende der Shuttles wirft Probleme auf

Nicht weniger Kopfzerbrechen bereitet der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos auch das Logistikproblem nach Einstellung der Space-Shuttle-Flüge zur ISS im Jahr 2010. Damit müssen die Russen mindestens bis 2015 den gesamten Personenverkehr allein abwickeln. Erst dann soll das neue US-Raumschiff "Orion" fertig sein. Um schon ab 2009 die Zahl der ISS-Besatzungsmitglieder von derzeit drei Astronauten zu verdoppeln, müssen die Russen also erheblich mehr "Sojus"-Raumschiffe bauen, insbesondere auch für die Amerikaner. Bisher liegt aber nur bis 2011 die dafür erforderliche Erlaubnis der US-Regierung vor. In Kürze soll über den Zeitraum bis 2013 verhandelt werden.

Zudem befürchtet Russland, dass sich die Amerikaner abwenden könnten. Nasa-Direktor Michael Griffin sei darüber verärgert, dass er den Russen rund zwei Milliarden Dollar für ihre Transportleistungen zahlen müsse, sagte der Raumfahrtexperte Juri Saizew vom Moskauer Institut für Kosmosforschung (IKI). "Er würde das Geld natürlich lieber Europa geben, zumal die Europäische Weltraumorganisation Esa nicht verhehlt, dass sie zu einer solchen Zusammenarbeit und damit zu einer amerikanisch-europäischen Dominanz in der ISS bereit ist", sagte Saizew mit Blick auf das neue europäische Transportraumschiff ATV (Automated Transfer Vehicle). Denn vom ATV könnte es in Zukunft auch eine bemannte Version geben.

Gerhard Kowalski, ddp

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: