Risiko-Forschung Lotterie mit Killer-Asteroiden

Asteroiden und Kometen bedrohen die Erde stärker, als wir es wahrhaben wollen. Das haben Forscher herausgefunden, die sich mit Verdrängung von Risiken beschäftigen - sie warnen vor fatalen Folgen.

Aus San Francisco berichtet


Der Weltuntergang ist derzeit en vogue unter Wissenschaftlern. Auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS), die derzeit in San Francisco stattfindet, ist das gut zu beobachten - schließlich ist das Thema des weltgrößten Forschertreffens in diesem Jahr, wie es die Menschen in die Zukunft schaffen, ohne sich selbst in die Luft zu sprengen, zu verhungern oder eine Klimakatastrophe zu provozieren. Und wo es um den Weltuntergang geht, darf neben Atomwaffen, Klimawandel und Welternährung ein Thema nicht fehlen: Der Menschheit könnte eines Tages der Himmel auf den Kopf fallen.

Ein verheerender Asteroiden-Einschlag auf der Erde mag, statistisch gesehen, in absehbarer Zeit unwahrscheinlich sein. Doch dieses Gefühl von Sicherheit trügt, und kaum jemand weiß das besser als Paul Slovic von der University of Oregon.

Slovic ist einer der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet der Risikowahrnehmung. In San Francisco sitzt er nun in einem Symposium über Asteroiden-Einschläge, gemeinsam mit drei Männern von der US-Raumfahrtbehörde Nasa.

Mit dieser Thematik habe er sich zwar in rund 40 Jahren Arbeit bisher kaum beschäftigt, sagt Slovic. Doch dann habe er erkannt, dass die Brocken aus dem All nahezu ideale Studienobjekte für Risikowahrnehmungs-Forscher sind. Schließlich sei ein Asteroiden-Einschlag die "ultimative Naturkatastrophe" für Leute, die nach Ereignissen mit möglichst winziger Wahrscheinlichkeit und möglichst verheerenden Folgen suchen.

Auch sonst bringe die Gefahr aus dem All so ziemlich alle Voraussetzungen mit, um von Menschen maßlos unterschätzt zu werden:

  • Zwischen der Entdeckung der Gefahr und dem potentiellen Einschlag vergeht viel Zeit, was dazu verleitet, sich in Sicherheit zu wiegen - nach dem Motto: Es bleibt noch ausreichend Zeit für Gegenmaßnahmen.
  • Nach der Entdeckung gibt es zunächst keine sichere Vorhersage, ob es überhaupt zu einem Einschlag kommt - Wissenschaftler müssen mit abstrakten Wahrscheinlichkeiten operieren, was das Gefühl der Bedrohung reduziert.
  • Seit es Menschen gibt, ist es zu keinem Asteroidentreffer mit globalen Verwüstungen gekommen - und Menschen neigen dazu, Gefahren zu unterschätzen, die sich außerhalb ihres Erfahrungshorizontes befinden.

In der Erdgeschichte kam es allerdings immer wieder zu verheerenden Asteroidentreffern. Die Gefahr ist also durchaus real. "Menschen nehmen die Realität grundsätzlich auf zwei unterschiedliche Arten wahr", erklärt Slovic. "Auf eine emotional-intuitive und eine rational-analytische." Letztere greift bei Gefahren, die Homo sapiens nicht mit eigenen Erfahrungen und Gefühlen in Verbindung bringen kann oder aber im Reich des Unkontrollierbaren verortet - und deshalb meist unterschätzt. "Menschen sorgen sich viel weniger über das, was die Natur anrichten kann, als über das, was ihnen andere Menschen antun könnten", sagt Slovic.

Als Beispiel nennt er den Krieg der US-Regierung gegen den internationalen Terrorismus. "Die rund 3000 Todesopfer der Anschläge vom 11. September 2001 hatten bedeutende politische Folgen", sagt Slovic. "Im gleichen Monat sind in den USA etwa 3000 bei Verkehrsunfällen gestorben. Sie wurden von der Öffentlichkeit praktisch nicht registriert." Der gleiche Mechanismus führe dazu, dass ansonsten mitleidsvolle Menschen ohne jede Regung Berichte über Völkermorde verfolgen oder keinerlei Angst vor den Folgen des Klimawandels verspüren - da es sich jeweils um weit entfernte oder abstrakte Bedrohungen handelt.

Lottokönige sind alltäglich

Mit Dingen aus dem Alltag tun sich die Menschen dagegen leichter. So hoffen Millionen, beim Lottospielen reich zu werden, auch wenn die Wahrscheinlichkeit für sechs Richtige bei etwa 1:13.000.000 liegt. Dieselben Menschen aber würden sich kaum über einen Asteroiden sorgen, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:50.000 die Erde treffen könnte - obwohl das 260-mal wahrscheinlicher wäre als ein Sechser im Lotto. Nur: Lottokönige kennt jeder aus der Zeitung, Asteroiden-Einschläge nicht.

Deshalb sitzt Risikoforscher Slovic nun neben Russel "Rusty" Schweickart, Edward Lu und Steven Chesley auf dem Podium in San Francisco. Der US-Astronaut Schweickart kämpft seit Jahren für einen Schutz vor Geschossen aus dem All. Lu, ebenfalls Nasa-Astronaut, hat als Wissenschaftler im November 2005 für Schlagzeilen gesorgt, als er im Fachblatt "Nature" vorschlug, Asteroiden mit Hilfe eines unbemannten Raumschiffs vom Kollisionskurs auf die Erde abzubringen. Steven Chesley arbeitet beim Near Earth Object Program der Nasa - jener Einrichtung, die potentiell gefährliche Asteroiden ausfindig machen soll.

Schweickart, Lu und Chesley sind davon überzeugt, dass nicht nur die Suche nach möglicherweise gefährlichen Asteroiden intensiviert werden muss. Sie fordern auch ein großangelegtes Programm für Gegenmaßnahmen, sollte tatsächlich eines Tages ein Asteroid von bedeutender Größe auf Kollisionskurs mit der Erde entdeckt werden.

Im Jahr 2036 droht Kollision

Im Dezember 2004 schien es so weit zu sein: Wissenschaftler hatten den Asteroiden 2004 MN4 ausfindig gemacht, der später in "99942 Apophis" umbenannt wurde - nach dem altägyptischen Gott für Chaos und Finsternis. Die Wahrscheinlichkeit für einen Treffer wurde mit bis zu 2,7 Prozent angegeben. Nur wenige Tage später allerdings erfolgte die Entwarnung: Die Chance, dass Apophis irgendwann die Erde trifft, erscheint aus heutiger Sicht gering.

Allerdings ist eine Kollision auch nicht ausgeschlossen: Der Asteroid könnte bei seinem engen Vorbeiflug an der Erde im April 2029 so abgelenkt werden, dass er sieben Jahre später einschlägt. Die Wahrscheinlichkeit hierfür liegt unterschiedlichen Berechnungen zufolge zwischen 1:5500 und 1:30.000. "Das klingt zwar nach wenig", sagt Schweickart, "aber angesichts der katastrophalen Folgen eines Einschlags stellt sich die Frage, ob wir selbst mit einer so kleinen Chance leben wollen." Sollte der etwa 300 Meter große Apophis die Erde treffen, würde er Berechnungen der Nasa zufolge eine Sprengkraft von knapp 1500 Megatonnen TNT entwickeln - rund 100.000-mal mehr als die Hiroshima-Bombe.

Sogar das Einschlagsgebiet haben die Nasa-Experten schon berechnet: Schweickart zeigt eine Weltkarte mit einer knallroten geschwungenen Linie, die von Kasachstan über den Pazifik durch Mittelamerika verläuft und kurz vor Nordwestafrika endet. Irgendwo auf dieser Linie würde Apophis niedergehen, wenn die Schwerkraft der Erde ihn im April 2029 auf die falsche Bahn lenkt.

Forderung nach Rettungsmission

Um das zu verhindern, fordert Schweickart die Planung einer Rettungsmission. Schon für 300 Millionen Dollar - Peanuts im Vergleich zu manch anderem Raumfahrtprogramm - sei so etwas zu haben. Aus Gründen der Erprobung solle eine solche Mission sofort gestartet werden. "Man will sicher nicht, dass es beim ersten Versuch gleich ums Ganze geht", sagt Nasa-Astronaut Ed Lu, während er seine Idee für ein Abschlepp-Raumschiff vorstellt.

Künftig könnten auch noch weitere potentielle Killer-Asteroiden identifiziert werden. Die International Astronomical Union etwa hat im vergangenen Jahr eine Task Force gegründet, um die geschätzten 1100 Kometen und Asteroiden mit einem Durchmesser von mindestens 800 Metern ausfindig zu machen, die im inneren Sonnensystem herumschwirren. Die Nasa hat noch ehrgeizigere Ziele: "Wir wollen 90 Prozent aller potentiell gefährlichen Asteroiden mit einem Durchmesser von mehr als 140 Metern finden", sagt Chesley.

Künftig, darin sind sich die drei Nasa-Forscher einig, werden bei weitem mehr potentielle Killer gemeldet als bisher - und die entsprechenden Daten werden dank der automatisierten Suche ohne Verzögerung im Internet landen. "Wir halten nichts geheim", sagt Chesley.

Das kann freilich dazu führen, dass die Menschen die Bedrohung durch Asteroiden und Kometen als immer realer empfinden oder gar in Panik geraten. Vielleicht aber wird es auch einen Abstumpfungseffekt geben. Schweickart hält das für hinnehmbar: "Falls es dazu kommt, können wir nichts daran ändern."

Schließlich gehe es darum, der Menschheit die Alternativen deutlich zu machen. "Wir könnten uns natürlich entscheiden, nichts zu tun und einen Treffer hinzunehmen", sagt der altgediente Nasa-Mann dem Publikum in San Francisco. "Aber was ist, wenn sich kurz vor dem Einschlag herausstellt, dass der Asteroid Kalifornien treffen wird?"



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.