"Rosetta"-Mission Forscher fiebern Landung auf Komet entgegen

An diesem Mittwoch will die Esa Raumfahrtgeschichte schreiben: Erstmals soll eine Sonde auf einem Kometen landen. Wie die Mission ablaufen soll - und was alles schiefgehen kann.

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ESA/ ATG medialab

Auf diesen Tag haben die Wissenschaftler von Europas Raumfahrtagentur Esa mehr als zehn Jahre gewartet. Am 2. März 2004 war die Raumsonde "Rosetta" gestartet, und huckepack mit ihr der Lander "Philae". Am Mittwoch nun soll "Philae" auf einem Kometen landen - ein noch nie zuvor durchgeführtes Manöver.

Um 9.35 Uhr deutscher Zeit soll "Rosetta" den kühlschrankgroßen Landeapparat über dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko (kurz "Tschuri") abwerfen - ähnlich wie eine Bombe von einem Flugzeug. "Philae" verfügt über keinen eigenen Antrieb. Allein die Anziehungskraft des Kometen und eine präzise Wahl des Abkopplungszeitpunkts sollen die Landung möglich machen.

Sieben Stunden dauert der 22 Kilometer lange Abstieg zum unförmigen Körper aus Eis und Gestein, der an eine Erdnussschale erinnert. Wird "Philae" das geplante Landegebiet treffen? Bleibt der Lander auf seinen drei Beinen stehen? Oder überschlägt er sich oder rutscht in eine dunkle Spalte?

Diese Fragen plagen fast alle an der Mission beteiligten Forscher - ganz besonders Stephan Ulamec, "Philae"-Projektleiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Das größte Risiko sehe ich in der Landung selbst", sagt Ulamec. Man wisse nicht, wie hart oder weich die Oberfläche des Kometen sei. Gewissheit darüber werde man erst nach der Landung haben.

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Sonde "Philae": Alles klar zur Landung

Die allererste Unsicherheit ist der Landeplatz selbst. Die Agilkia genannte Stelle bietet die wohl besten Voraussetzungen. Sie bekommt viel Sonnenlicht ab, was wichtig ist für die Energieversorgung des Landers mit Solarzellen. Und sie ist vergleichsweise flach und relativ eben. Präzise anfliegen lässt sich der Landeort jedoch nicht, wie Ulamec erklärt. "Wir haben eine Lande-Ellipse mit einem Durchmesser von einem Kilometer, das heißt der Ort der Landung ist ungenau." Und auch der Zeitpunkt sei nicht präzise vorhersagbar.

Am Dienstag wurde "Philae" nach Esa-Angaben wie geplant eingeschaltet. Am Mittwochmorgen gegen 8 Uhr will die Esa den Befehl zum Abkoppeln an "Philaes" Mutterschiff "Rosetta" geben. 28 Minuten dauert die Übertragung bis zur Sonde. Um 9.35 Uhr soll "Philae" ausgeklinkt werden, dann gibt es kein Zurück mehr. Wenn alles gut geht, setzt der Lander gegen 16.30 Uhr mit seinen drei Beinen auf dem Kometen auf. Etwa um 17 Uhr würde das Funksignal mit der Bestätigung die Erde erreichen. Kurz danach soll "Philae" die ersten Panoramafotos des Landeplatzes liefern.

Dass "Philae" den Kometen verfehlt und an ihm vorbeifliegt, hält Ulamec für unwahrscheinlich. "Der Orbiter müsste dann schon eine falsche Ausrichtung oder Position genau in dem Moment des Aussetzens haben." Viel größere Sorgen macht er sich wegen der teils steilen Hänge im anvisierten Areal und den dort herumliegenden Brocken. "Wenn man Pech hat und mit einem Bein genau auf so einem Brocken oder einem Hang landet, kann der Lander umkippen."

Purzelbäume auf dem Kometen?

An einem Hang mit deutlich über 30 Grad Neigung sei es sogar wahrscheinlich, dass "Philae" ins Purzeln komme. Es sei schwer, vorherzusehen, was dann passiere. "Landet er mit den Beinen nach oben und den Antennen nach unten, können wir nicht mit ihm kommunizieren", sagt Ulamec. Das wäre dann auch das Ende der Lander-Mission. "Liegt er durch Zufall auf der Seite, würden wir versuchen, das Signal noch zu empfangen und könnten so einen Teil der Wissenschaft retten."

Wegen der geringen Anziehungskraft des Kometen haben die Esa-Ingenieure den Lander mit Bohrern, Harpunen und einer kleinen Düse bestückt. Denn es besteht durchaus die Gefahr, das "Philae" von der Kometenoberfläche zurück ins All springt wie ein Ball. Sobald die Sensoren Bodenkontakt melden, schrauben sich Bohrer an den drei Beinen in den Kometenboden.

Zusätzlich werden zwei Harpunen in den Kometen geschossen. Sie sollen sich in festem Eis verankern, mit dem die Forscher zumindest in einigen Metern Tiefe rechnen. Und schließlich gibt es die Kaltgasdüse auf der Oberseite des Landers, die ihn nach der Landung gegen den Kometen drückt, damit er stehen bleibt.

3D-Modell der Raumsonde

Nach der Landung kann dann die eigentliche Forschung beginnen. Mit zehn Instrumenten soll der Komet untersucht werden. Die Wissenschaftler wollen unter anderem Bodenproben analysieren, die chemische Zusammensetzung ermitteln und das Magnetfeld vermessen. "Auf dem Kometen erwartet uns eine völlig unbekannte Umgebung", sagt Andrea Accomazzo, "Rosetta"-Flugdirektor bei der Esa.

Die Wissenschaftler wollen mehr erfahren über die Anfänge des Sonnensystems, aus dessen Frühzeit die Kometen stammen. Sie bestehen aus Material, das vor 4,6 Milliarden Jahren entstanden ist, und könnten auch die Frage nach dem Ursprung des Lebens beantworten helfen.

1,3 Milliarden Euro hat die "Rosetta"-Mission gekostet, die Landung ist zweifellos der risikoreichste Teil der Mission. Gelingt das Manöver, würden die Esa-Forscher Raumfahrtgeschichte schreiben.

"Philae" soll mindestens eine Woche den Kometen erforschen und Daten zur Erde funken. Insgeheim hoffen die Esa-Forscher, dass der Apparat aber über Monate funktioniert und auf dem Kometen stehend der Sonne immer näher kommt. Die Wärmeisolierung würde einen Betrieb bis zum März 2015 ermöglichen. "Dann könnte es sein, dass der Lander überhitzt", sagt DLR-Experte Ulamec.

Für ihn und seine Kollegen heißt es nun aber erst einmal Daumendrücken. "Ob wir auf einem Hang landen oder auf einem flachen Gebiet - das ist ein wenig Glück, da können wir nichts mehr tun." Man habe das Beste getan, um einen guten Landeplatz zu wählen, der relativ sicher sei. "Jetzt muss es einfach klappen."

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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
artusdanielhoerfeld 11.11.2014
1. Was für ein Bohei!
Selbst wenn alles klappt, landen Hightech-Geräte auf einem Haufen Dreck und alle sind so schlau wie zuvor...
cindy2009 11.11.2014
2. Immer wieder
Zitat von artusdanielhoerfeldSelbst wenn alles klappt, landen Hightech-Geräte auf einem Haufen Dreck und alle sind so schlau wie zuvor...
Schön, das sei nun geschrieben. Ich beglückwünsche Sie, diesmal waren Sie erster. Und ich bin mir sicher, dass einige Leute sehr viel schlauer sein werden.
Boesor 11.11.2014
3.
Zitat von artusdanielhoerfeldSelbst wenn alles klappt, landen Hightech-Geräte auf einem Haufen Dreck und alle sind so schlau wie zuvor...
Sie sind dann so schlau wie zuvor, die Forscher werden die eine oder andere Erkentniss daraus ziehen.
ein-berliner 11.11.2014
4. Sehr hochtrabend
Es wird keine Geschichte geschrieben, nur wieder einmal sehr sehr viel Geld verschwendet. Wo ist denn der Sprecher mit der Glorie: "Ein kleiner Schritt...."
zehwa 11.11.2014
5. Zeit;)
Zitat von artusdanielhoerfeldSelbst wenn alles klappt, landen Hightech-Geräte auf einem Haufen Dreck und alle sind so schlau wie zuvor...
Auch hier wird erklaert, warum am Ende des Bohei viele schlauer sein werden: http://www.zeit.de/2014/46/rosetta-komet-raumsonde-esa
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