Ruß in der Stratosphäre Weltraumtourismus wird Klima verändern

Ab dem Jahr 2012 sollen Privatleute an Rand des Alls fliegen können - für rund 200.000 Dollar. Nun warnen Geoforscher vor den Auswirkungen des Weltraumtourismus auf die Stratosphäre: Der Ruß der Raketentriebwerke wird das Klima weltweit beeinflussen.

Virgin Galactic / dapd

Es läuft gut für Virgin Galactic. Das Raumschiff "SpaceShipTwo" hat die Testflüge bislang mit Bravour absolviert. Und am Freitag wurde die Startbahn in New Mexico eingeweiht. Ab 2012 sollen Touristen vom Spaceport ins All starten können - für mindestens 200.000 Dollar.

Das Mutterschiff "WhiteKnightTwo" wird das Raketenflugzeug huckepack in 16 Kilometer Höhe bringen. Dann zündet das Triebwerk von "SpaceShipTwo" und lässt das Raumschiff bis in eine Höhe von mehr als hundert Kilometern aufsteigen. Für wenige Minuten werden die Weltraumtouristen Schwerelosigkeit erleben, bevor das Raumschiff im Gleitflug zurückkehrt zum Spaceport.

Dass bei einem solchen Flug eine Menge Treibstoff verbrannt werden muss, überrascht kaum. Virgin Galactic sieht sich im Vergleich zur sonstigen Raumfahrt aber beinahe schon als Ökoanbieter. Der CO2-Ausstoß je Weltraumtouristen liege bei 0,8 Tonnen, heißt es in der Umweltrubrik der Firmenwebseite. Das sei weniger als die Emission bei einem One-Way-Flug von London nach New York. 70 Prozent des Ausstoßes stammten vom Mutterschiff "WhiteKnightTwo". Das Virgin-Galactic-System sei ein radikaler Bruch mit der traditionellen Raumfahrttechnologie, es sei "sauberer, billiger und sicherer". Der Hybrid-Raketenmotor verbrenne harmlosen, ungiftigen Treibstoff.

Lachgas und Kohlenwasserstoffe

Eine Studie von drei amerikanischen Wissenschaftlern kommt nun zu dem Ergebnis, dass die Flüge mit "SpaceShipTwo" eine erstaunlich große Wirkung auf das Klima der Erde haben dürften. Michael Mills vom National Center for Atmospheric Research in Boulder (Colorado) und seine Kollegen sind dabei von 1000 Raketenstarts pro Jahr ausgegangen. Die größte Klimawirkung geht dabei nicht vom CO2 aus, sondern von dem Ruß, der von den Triebwerken unweigerlich mit ausgestoßen wird.

"SpaceShipTwo" nutzt zum Antrieb feste, gummiartige Kohlenwasserstoffe. Als Sauerstofflieferant (Oxidator) in der dünnen Atmosphäre dient Lachgas (N2O). Ruß besteht hauptsächlich aus Kohlenstoff und entsteht als unerwünschtes Nebenprodukt in Verbrennungsmotoren.

"Die Reaktion des Klimasystems auf die relativ kleine Ruß-Menge ist überraschend", sagt Mills. Die Berechnungen mit einem Klimamodell zeigten, wie sensibel die Erde für jene Partikel sei, die von Raketen in großen Höhen ausgestoßen würden. Auch wenn die Raketen nur in New Mexico starten sollen, so werde dies globale Auswirkungen haben, schreiben die Forscher in einem Artikel, der im Fachblatt "Geophysical Research Letters" erscheinen soll.

Die Folgen der Rußemissionen sind abhängig von der geografischen Breite und Länge: Während die Temperaturen örtlich um bis zu 0,7 Grad sinken, steigen sie in der Antarktis um bis zu 0,8 Grad, ergaben die Simulationen. Auch die Ozonschicht werde verändert, berichten die Forscher. Am Äquator sinke die Konzentration um ein Prozent, an den Polen steige sie um sechs Prozent.

Die starken Auswirkungen der vergleichsweise geringen Rußmengen erklären die Wissenschaftler mit den großen Höhen. Raketen seien die einzigen Quellen vom Menschen verursachter Emissionen oberhalb von 20 Kilometern Höhe. In der Stratosphäre in etwa 40 Kilometern Höhe würden sich die Rußpartikel ansammeln und dort über Jahre verbleiben. Ruß in den unteren Atmosphärenschichten fällt hingegen relativ schnell zum Boden oder wird vom Regen ausgewaschen.

Die Rußpartikel in der Stratosphäre absorbieren Sonnenstrahlen, die ansonsten tiefere Schichten und die Erdoberfläche erreichen würden. Dies verändert wiederum die komplexen Zirkulationsvorgänge in der Luftschicht und somit auch das Klima. "Studien zu den Klimafolgen von Raketenstarts müssen auch den Rußausstoß berücksichtigen", forderte Mitautor Martin Ross, "ansonsten ignorieren sie den wichtigsten Teil der Klimafolgen".

hda



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.