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28. November 2011, 15:41 Uhr

Russische Raumfahrtpannen

Medwedew sucht nach Schuldigen

Die Probleme des russischen Weltraumprogramms reißen nicht ab: Die Marssonde "Phobos Grunt" ist wohl verloren, zuvor hatte es mehrere Satellitenfehlstarts gegeben. Präsident Medwedew kündigt nun personelle Konsequenzen an.

Nach der beispiellosen Pannenserie der vergangenen Monate hat in der russischen Raumfahrt die Zeit der Abrechnung begonnen. Präsident Dmitrij Medwedew nutzte am Wochenende eine Begegnung mit Regionaljournalisten im Moskauer Vorort Gorki, um harte personelle Konsequenzen anzukündigen.

Die Schuldigen für die jüngsten Fehlschläge müssten materiell, disziplinarisch oder sogar strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, sagte er. Allerdings schlage er nicht vor, "sie an die Wand zu stellen, wie bei Josef Wissarionowitsch", fügte er der Nachrichtenagentur RIA Nowosti zufolge in einer Anspielung auf Stalin hinzu.

Medwedew befürchtet, dass das Renommee der ohnehin angeschlagenen Wirtschaft des Landes durch die Fehlstarts zusätzlich beschädigt werden könnte. Die Misserfolge beeinträchtigten stark die Konkurrenzfähigkeit Russlands, betonte er. Devise müsse sein, russische Erzeugnisse "durch Qualitätsbeispiele" auch auf dem internationalen Markt zu etablieren.

Ausgerechnet im 50. Jahr des historischen Flugs von Juri Gagarin, der am 12. April 1961 als erster Mensch ins All reiste, ist es zu einer ungewöhnlichen Häufung von Pannen bei der an sich zuverlässigen russischen Raumfahrttechnik gekommen.

Vergangene Woche hat sich auch Roskosmos gemeinsam mit Spitzenvertretern der Branche auf die Suche nach den Ursachen für die Fehlschläge gemacht. Agenturchef Wladimir Popowkin hat vor allem die heikle Personalsituation kritisiert: Sie sei durch die Überalterung von Wissenschaftlern und Technikern, den Weggang hochqualifizierter Spezialisten und den sinkenden Zufluss von Absolventen der Hoch- und Fachschulen gekennzeichnet. "Wir können zu jeder Minute wissenschaftliche Schulen verlieren, die in der mehr als 50-jährigen Geschichte der nationalen Raumfahrt aufgebaut worden sind", warnte Popowkin.

Als erste Gegenmaßnahme legte er ein sogenanntes Komplexprogramm vor, mit dem das Prestige der Mitarbeiter der Branche erhöht, neue materielle Anreize für Qualitätsarbeit geschaffen und die Ausbildung von Fachkräften gefördert werden sollen.

Wenigstens konnte die russische Raumfahrt beweisen, dass ihr auch noch etwas gelingen kann: Am Montag um 12.25 Uhr Moskauer Zeit (9.25 Uhr MEZ) startete eine "Sojus"-Rakete vom nordrussischen Militärkosmodrom Plessezk und brachte einen "Glonass"-Satelliten ins All. Das Navigationssystem verfügt damit derzeit über 31 Einheiten, von denen allerdings nur 23 aktiv sind. Der Rest befindet sich in der Einsatzvorbereitung oder Wartung. Für den Regelbetrieb sind mindestens 24 Satelliten erforderlich.

cib/dapd

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