Internationale Raumstation Geldnot zwingt Russland zum Sparen bei ISS-Besatzung

Statt drei nur noch zwei Kosmonauten - Russland baut seine Präsenz auf der Internationalen Raumstation ISS ab. Die überraschende Maßnahme stößt bei den Betroffenen auf großes Unverständnis.

Kosmonauten Alexej Owtschinin (M.) und Oleg Skripotschka (r.) mit US-Kollegen Jeff Williams
AFP

Kosmonauten Alexej Owtschinin (M.) und Oleg Skripotschka (r.) mit US-Kollegen Jeff Williams


Der Ölpreis ist im Keller, hinzu kommen die westlichen Sanktionen. Kaum verwunderlich, dass der russische Staat an allen Ecken und Enden sparen muss. Nun trifft es auch die Internationale Raumstation ISS. Ab März kommenden Jahres sollen nicht mehr drei Russen dort arbeiten, sondern nur noch zwei.

"Das ist keine gute Nachricht", sagte Alexej Owtschinin, der erst am 7. September mit seinem Landmann Oleg Skripotschka und seinem US-Kollegen Jeff Williams von der ISS zur Erde zurückgekehrt ist, auf einer Pressekonferenz im Sternenstädtchen bei Moskau, wo Russland traditionell seine Kosmonauten ausbildet. "Als wir davon erfuhren, waren wir, ehrlich gesagt, traurig."

Es bestehe eine direkte Abhängigkeit zwischen der Zahl der Besatzungsmitglieder und der wissenschaftlichen Experimente, die an Bord durchgeführt werden. Die Kürzung sei deshalb nicht richtig. Zudem tue es ihm um die jungen Kollegen leid, die hart trainiert hätten und nun erst später fliegen können.

Skripotschka erinnerte daran, dass die Arbeitszeit an Bord aus zwei großen Teilen bestehe: Aus der Bedienung der Bordsysteme und ihrer Wartung sowie aus den Experimenten. Mit der Reduzierung der Besatzung verringere sich die Arbeit mit den Experimenten "um die Hälfte und möglicherweise auch noch mehr".

Der Staatskonzern GK Roskosmos begründet die in der russischen Raumfahrt einmalige Aktion mit nötigen Einsparungen und erklärt, man wolle das Bewusstsein für die Effektivitätssteigerung des wissenschaftlichen Programms stärken. So könne auch die Zahl der Frachtraumschiffe, die Russland mit Nachschub zur ISS schickt, von jährlich vier auf drei verringert werden. Kosmosveteran Sergej Krikaljow, bei Roskosmos für die bemannte Raumfahrt zuständig, meinte gar, das russische Segment sei derzeit überbesetzt.

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Wostotschnij: Kosmodrom im Osten Russlands

Die Hiobsbotschaft vom Personalabbau sorgt für viel Irritation. Ändern konnte das auch nicht, dass die Kürzung angeblich nur rund ein Jahr bis zum Start des Mehrzwecklabormoduls "Nauka" ("Wissenschaft") voraussichtlich Ende 2017 zur ISS dauern soll.

Ein Blick auf die bisherige Startplanung für 2017 zeigt, dass beim März-Start von "Sojus" MS-04 dann ein Russe zu viel an Bord wäre. Fliegen sollten eigentlich Alexander Missurkin, der Weltraumneuling Nikolai Tichonow, sowie als dritter im Bunde der US-Astronaut Mark Vande Hei. Sie sollten die 51. ISS-Stammbesatzung bilden. Laut der neuen Planung müsste wohl der Neuling Tichonow am Boden bleiben.

Bei der Besatzung, die im Mai 2017 zur ISS fliegen soll, gäbe es dieses Problem nicht. Denn es sind neben dem Russen Fjodor Jurtschichin der US-Amerikaner Jack Fischer und der Italiener Paolo Nespoli. Auf die Frage, wie es nun weitergehe, überraschte Roskosmos-Sprecher Michail Fadejew mit der Antwort: "Die Mannschaften sind bisher noch nicht zusammengestellt."

Hinter der Maßnahme stehen aber wohl mehr als nur kurzfristige Sparzwänge. Womöglich handelt es sich um eine Präventivmaßnahme mit Blick auf die Wiederaufnahme bemannter ISS-Flüge durch die Amerikaner. Derzeit ist das Jahr 2018 angepeilt.

Wichtige Einnahmequelle entfällt nach 2018

Die Nasa hat dazu bereits angekündigt, für die Zeit danach keine Mitflugplätze mehr in den "Sojus"-Raumschiffen zu kaufen. Damit entfällt für die permanent klamme russische Raumfahrt eine wichtige Einnahmequelle nach 2018. Die Nasa hat für die letzten sechs Flüge ihrer Astronauten bis 2018 immerhin 490 Millionen Dollar bezahlt.

Roskosmos muss deshalb dafür schnell Ersatz beschaffen. Wäre das womöglich eine Chance für die Europäische Weltraumorganisation Esa, günstig mehr Astronauten ins All zu schicken? Er habe bisher kein offizielles Angebot von Roskosmos gesehen, in dem der Esa vorgeschlagen wird, einen solchen Platz zu erwerben, so der offizielle Vertreter der Europäer in Moskau, René Pischel.

Gleichzeitig sprach sich Pischel im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ria Nowosti für die Beibehaltung der bisherigen sechsköpfigen Stammbesatzung der ISS aus. "Wir sind der Ansicht, dass die bestehende Mannschaft aus sechs Mitgliedern die optimale Besetzung für die Bedienung der Station und die Durchführung der wissenschaftlichen Experimente ist."

Die US-Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa will die Pläne der Russen erst einmal prüfen. Sie nehme zugleich eine Bewertung dieses Vorschlags im Hinblick auf die Risiken für die Station und die Besatzung vor, sagte ihr Sprecher Kenneth Todd. Danach werde man eine Entscheidung treffen, ob diese Pläne sinnvoll oder schlecht seien, und wie man dem Partner notfalls helfen könne.

Parallel dazu schwebt das Damoklesschwert weiterer finanzieller Kürzungen über der GK Roskosmos. In Russlands föderalem Raumfahrtprogramm für die Jahre 2016 bis 2025, das erst im März beschlossen wurde, sind umgerechnet 3,5 Milliarden Euro für die ISS vorgesehen. Das ist schon knapp eine halbe Milliarde Euro weniger als ursprünglich geplant. Wegen der anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Situation des Landes sind inzwischen weitere Kürzungen um 15 Prozent avisiert.

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hansulrich47 21.09.2016
1. Ist das schlimm?
Wir machen uns in Deutschland die Hose, wenn Kohle, Öl und Gas zur Stromerzeugung verbrannt werden, wegen der CO2-Belastung. Was sinnlos bei jedem Raketenstart an Treibstoff verbrannt wird, wird dagegen gefeiert. Die Jungs in der Raumstation finden sich toll, aber was machen die denn, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft? Das diffuse Gerede von Experimenten in der Schwerelosigkeit ist doch ohne substanziellen Hintergrund. Das steckt nichts dahinter. Teflon ist ja auch kein 'Abfall' der Weltraum"forschung". (Auch wenn's immer wieder Leute gibt, die auf das Gerede reinfallen.) Es fällt nichts wichtiges weg, wenn die Raumstation komplett leer bleibt.
Kunibaer 21.09.2016
2.
Zitat von hansulrich47Wir machen uns in Deutschland die Hose, wenn Kohle, Öl und Gas zur Stromerzeugung verbrannt werden, wegen der CO2-Belastung. Was sinnlos bei jedem Raketenstart an Treibstoff verbrannt wird, wird dagegen gefeiert. Die Jungs in der Raumstation finden sich toll, aber was machen die denn, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft? Das diffuse Gerede von Experimenten in der Schwerelosigkeit ist doch ohne substanziellen Hintergrund. Das steckt nichts dahinter. Teflon ist ja auch kein 'Abfall' der Weltraum"forschung". (Auch wenn's immer wieder Leute gibt, die auf das Gerede reinfallen.) Es fällt nichts wichtiges weg, wenn die Raumstation komplett leer bleibt.
Man könnte jetzt mit den immer gleichen Argumenten auf die immer gleichen Rückschrittler antworten... Ach... Warum eigentlich nicht? "Was machst Du denn da mit dem runden Holzstück, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft?" "Was machst Du denn da mit den beiden Steinen, die Du gegeneinander schlägst, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft?" "Was machst Du denn da mit dem Boot auf dem Wasser, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft?" "Was machst Du denn da mit den Schimmelpilzen, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft?" "Was machst Du denn da mit dieser komischen Dampfmaschine, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft?" "Was machst Du denn da mit dem Ding, in das Du reinsprichst und am anderen Ende jemand undeutliches Rauschen hört, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft?" Und so weiter...
bronstin 21.09.2016
3.
Zitat von hansulrich47Wir machen uns in Deutschland die Hose, wenn Kohle, Öl und Gas zur Stromerzeugung verbrannt werden, wegen der CO2-Belastung. Was sinnlos bei jedem Raketenstart an Treibstoff verbrannt wird, wird dagegen gefeiert. Die Jungs in der Raumstation finden sich toll, aber was machen die denn, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft? Das diffuse Gerede von Experimenten in der Schwerelosigkeit ist doch ohne substanziellen Hintergrund. Das steckt nichts dahinter. Teflon ist ja auch kein 'Abfall' der Weltraum"forschung". (Auch wenn's immer wieder Leute gibt, die auf das Gerede reinfallen.) Es fällt nichts wichtiges weg, wenn die Raumstation komplett leer bleibt.
Bei Ihrem Nicht-Wissen sollten Sie sich vielleicht erstmal belesen bevor Sie hier rummosern. Offenbar herrscht bei Ihnen ja Schwerelosigkeit, so das Sie Ihren Keller ohne Probleme zur Verfügung stellen können...
abergdolt 21.09.2016
4. @hansulrich42
Ich denke, dass auch in der Vergangenheit etliche Projekte so bewertet wurden. Projekte, die die Eisenbahn, die Entdeckung von Amerika oder das Pennicilin hervorgebracht haben. Und die Raumfahrt? Lassen wir uns überraschen! Und wenn es nur der bessere Blick auf die Verletzlichkeit unseres blauen Paradieses ist...
Eduschu 21.09.2016
5.
Zitat von hansulrich47Wir machen uns in Deutschland die Hose, wenn Kohle, Öl und Gas zur Stromerzeugung verbrannt werden, wegen der CO2-Belastung. Was sinnlos bei jedem Raketenstart an Treibstoff verbrannt wird, wird dagegen gefeiert. Die Jungs in der Raumstation finden sich toll, aber was machen die denn, was der Menschheit auch nur irgendwie weiterhilft? Das diffuse Gerede von Experimenten in der Schwerelosigkeit ist doch ohne substanziellen Hintergrund. Das steckt nichts dahinter. Teflon ist ja auch kein 'Abfall' der Weltraum"forschung". (Auch wenn's immer wieder Leute gibt, die auf das Gerede reinfallen.) Es fällt nichts wichtiges weg, wenn die Raumstation komplett leer bleibt.
Natürlich ist das schlimm. Alleine die Erkenntnisse, die aus einem längeren Aufenthalt in der Schwerelosigkeit gewonnen werden, sind unbezahlbar. Was glauben Sie, wo die Menschheit ihre Rohstoffe gewinnen wird, wenn die irdischen erschöpft sind? Und wer den Abbau überwachen wird.
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