Milliardenprojekt Wie Russland sich bei seiner Raumfahrt-Strategie verzockte

Mit dem neuen Weltraumbahnhof Wostotschnij wollte sich Russland unabhängig machen von der Plattform in Kasachstan. Doch das Vorhaben droht zu scheitern. Bemannte Raumschiffe sollen auch künftig von Baikonur abheben.

Roskosmos

Es beginnt mit einem infernalischen Grollen, das Feuer aus den Triebwerken trifft auf die Rampe. Ein paar Sekunden später setzt sich der Hunderte Tonnen schwere Koloss in Bewegung - eine Feuersäule erleuchtet die nächtliche Steppe.

Bereits seit 1967 starten bemannte Sojus-Raumschiffe in Baikonur. Das dortige Kosmodrom bietet eine gute Infrastruktur - hat aber einen Schönheitsfehler: Es liegt nicht in Russland, sondern in Kasachstan. Und das zentralasiatische Land kassiert für die Starts von der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos 115 Millionen Dollar pro Jahr.

Eigentlich wollte sich Russland mit dem neuen Kosmodrom Wostotschnij von Baikonur unabhängig machen. Wostotschnij liegt weit im Osten Russlands nahe der chinesischen Grenze. Doch nun hat Russland die Pläne für den Weltraumbahnhof in Sibirien überraschend revidiert. Die Federazija-Nachfolger der bemannten Sojus-Raumschiffe sollen nun auch in Baikonur abheben. Der Traum vom unabhängigen Zugang zum Weltraum ist damit vorerst geplatzt.

Plattform fehlt

Es ist eine radikale Wende in der russischen Raumfahrt. Ursprünglich war geplant, dass künftig alle russischen Raketenstarts nur noch von russischem Boden aus erfolgen sollen. Genau dafür wird der neue, längst nicht fertiggestellte Weltraumbahnhof Wostotschnij 8000 Kilometer östlich von Moskau gebaut.

Das Kosmodrom war die größte Baustelle Russlands, es gab massive Korruptionsvorwürfe. Bislang soll der Bau umgerechnet bis zu 5,3 Milliarden Euro gekostet haben.

Doch offenbar hat sich Russland mit dem Weltraumbahnhof übernommen. Eine Startrampe für die neue Rakete Sojus-5, die die Federazija-Raumschiffe ins All bringen soll, wird es in Wostotschnij nicht geben. Sie wird aber gebraucht, damit von dort aus auch Menschen ins All fliegen können. Im sibirischen Kosmodrom gibt es bislang nur eine normale Sojus-Plattform für Satellitenstarts.

"Rationelleres Herangehen"

Der Bau einer Startrampe kostet Hunderte Millionen - und Roskosmos hat nun beschlossen, eine schon halbfertige Konstruktion in Baikonur für die Sojus-5 zu nutzen. Die Raumfahrtagentur spart so viel Geld, auch wenn sie weiterhin Startgebühren an Kasachstan bezahlen muss.

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Wostotschnij: Das teure Kosmodrom im Osten Russlands

In Kooperation mit den Kasachen wird eine alte Zenit-Startrampe in Baikonur passend für die Sojus-5 zu Ende gebaut. Wenn alles nach Plan läuft, könnte die neue Mittelklasserakete 2022 erstmals mit einer Federazija-Kapsel hier aufsteigen.

Von finanziellen Nöten will auf russischer Seite niemand sprechen. Der für Raumfahrt zuständige Vizepremier Dimitrij Rogosin nannte als Hauptargument für die Rückkehr nach Baikonur ein "rationelleres Herangehen". Man könne die Infrastruktur in Baikonur nutzen.

Orientierung auf superschwere Rakete

Der russische Raumfahrtexperte Alexander Shelesnjakow sieht die Abkehr von Wostotschnij zwiespältig. Aus ökonomischer Sicht sei die Entscheidung zu rechtfertigen, sagte das Mitglied der Ziolkowski-Raumfahrtakademie. Damit würden Mittel eingespart, die dann für dringendere Entwicklungen eingesetzt werden könnten. Andererseits schade das Hin und Her dem Ruf der russischen Raumfahrt.

Die Politik von Roskosmos zeichne sich in letzter Zeit durch "mangelnde Konsequenz und Wankelmütigkeit" aus, meinte Shelesnjakow. Die neue Rampe in Baikonur sei ohnehin nur eine Übergangslösung. Russland müsse auf das ursprüngliche Wostotschnij -Projekt so oder so zurückkommen, wenn es seine Idee vom unabhängigen Startplatz auf eigenem Gebiet umsetzen wolle - und das werde seinen Preis haben.

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Offiziell hält Russland übrigens weiter an Wostotschnij als Weltraumbahnhof für bemannte Missionen fest. Allerdings unter verändertem Zeitplan. Auf Beschluss Putins werde der Bau einer superschweren Trägerrakete forciert, verkündete Vizepremier Rogosin jüngst auf dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg. "Wir orientieren die bemannten Programme also auf die superschwere Rakete in Wostotschnij um." Ein Startdatum nannte Rogosin nicht, es dürfte aber kaum vor dem Jahr 2030 liegen.

Und noch etwas ändert sich am Kosmodrom in Sibirien. Die Militärs steigen ein. Das neue Kosmodrom werde künftig gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium genutzt, wie Roskosmos-Chef Igor Komarow mitteilte. Ursprünglich war Wostotschnij als Russlands erster ziviler Weltraumbahnhof angekündigt worden.

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Die erste Startrampe in Sibirien hatte 2016 das Zivilunternehmen Spezstroj errichtet. Eine Rampe für die schweren Angara-Raketen soll höchstwahrscheinlich ab Herbst von einer Organisation des Verteidigungsministeriums gebaut werden, sagte Komarow. Sie soll umgerechnet knapp eine Milliarde Euro kosten. Wenn alles gut geht, soll sie 2021 fertig sein.

Gestartet ist in Wostotschnij bislang nur eine einzige Sojus-Rakete. Sie hat im April 2016 drei kleinere Satelliten befördert. Für Ende 2017 ist ein weiterer unbemannter Start vorgesehen, 2018 sollen es dann fünf sein.

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goliath1980 07.06.2017
1. Es gibt noch einen Raketen-Start-Platz...
...für Sojus-Raketen,nur der Vollständigkeit halber! Und zwar neben der ESA- Ariane- Startanlage in Kourou, Französisch-Guyana.
123Valentino 07.06.2017
2. Liegt das ...
im Bau befindliche Kosmodrom zu weit nördlich. Ich habe gelesen , näher dem Äquator benötigt man weniger Energie um eine Nutzlast ins All zu bringen?
kernspalter 07.06.2017
3. Starts in Äquatornähe sind effizienter.
Zitat von 123Valentinoim Bau befindliche Kosmodrom zu weit nördlich. Ich habe gelesen , näher dem Äquator benötigt man weniger Energie um eine Nutzlast ins All zu bringen?
Zu Ihrer Frage: Am Äquator bewegt sich die noch nicht gestartete Rakete mit ca. 40000 km / 86400 s = 463 m/s aufgrund der Erdrotation. Diese Bewegung nimmt die startende Rakete zwangsläufig mit ohne dafür Treibstoff zu benötigen. Je näher Sie den Startort an einen der Pole verlegen, desto kleiner wird diese Anfangsgeschwindigkeit.
multi_io 07.06.2017
4.
Zitat von 123Valentinoim Bau befindliche Kosmodrom zu weit nördlich. Ich habe gelesen , näher dem Äquator benötigt man weniger Energie um eine Nutzlast ins All zu bringen?
Ja, und das ist denen jetzt erst aufgefallen!
Polonium4U 07.06.2017
5.
@kernspalter: Da gibts noch den Aspekt der Inklination. Desto näher am Äquator, desto mehr Orbits mit unterschiedlichen Neigungen können energiesparend angeflogen werden. Inklinationsänderungen erfordern sehr viel Treibstoff. Insbesondere für geostationäre Orbits die quasi in der Äquatorialebene liegen (z.B. für Fernsehsatelliten) ist das von Vorteil. Dennoch können diese Orbits mit den verfügbaren Trägern von Vostochniy angeflogen werden, die Nutzlast ist jedoch kleiner als von Baikonur aus.
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