Salzsee-Theorie Gefährliche Gase sollen Mega-Artensterben ausgelöst haben

Riesige Salzseen könnten einer neuen Theorie zufolge das größte Massensterben der Erdgeschichte vor rund 250 Millionen Jahren ausgelöst haben. Damals starben etwa 95 Prozent aller Arten aus. Forscher warnen jetzt, dass die gleichen Prozesse noch heute ablaufen.


Leipzig/Heidelberg - Wie es zum großen Sterben kam, darüber wird erbittert gestritten. Doch dass vor etwa 250 Millionen Jahren, an der Grenze zwischen der Erdzeitaltern Perm und Trias, rund 95 Prozent aller Arten auf der Erde ausstarben, gilt als gesichert. Die Ereignisse waren damit das größte bekannte Massensterben auf der Erde; in den Meeren fiel der Artenrückgang noch heftiger aus als an Land.

Verschiedene Ursachen sind dafür bisher debattiert worden, zum Teil auch in Kombination:

Nun stellt ein internationales Forscherteam in der Zeitschrift "Proceedings of the Russian Academy of Sciences" eine weitere Theorie vor. Demnach könnten riesige Salzseen für das globale Sterben in der Urzeit verantwortlich sein - oder besser gesagt Stoffe, die aus der salzigen Brühe in die Atmosphäre aufstiegen. Konkret geht es um Halogen-Kohlenwasserstoffe wie Chloroform, Trichlorethan, Trichlorethen und Tetrachlorethen.

Die Forscher hatten in Südrussland und Südafrika nachweisen können, dass Mikroben in heutigen Salzseen auf natürliche Weise Halogen-Kohlenwasserstoffe produzieren. Das Problem: Die Substanzen können Pflanzen schädigen und die Ozonschicht schädigen.

Die Wissenschaftler aus Russland, Österreich, Südafrika und Deutschland übertrugen ihre Erkenntnisse auf das Zechsteinmeer. Das war ein flaches Randmeer, das im späten Perm vor etwa 250 Millionen Jahren eine Größe erreicht hatte, die mit 600.000 Quadratkilometern ungefähr der des heutigen Frankreich entsprach. Das Gebiet lag zu dieser Zeit auf 30 Grad Nord, also auf Höhe der heutigen Sahara. Weil das Wasser des Zechsteinmeers unter massiver Sonneneinstrahlung nach und nach verdunstete, stieg die Salzkonzentration immer stärker an. Von Wind angewehtes Material lagerte sich auf den Salzflächen ab.

Im Untergrund verrichteten, so vermuten es jedenfalls die Forscher, die Bakterien ihr gefährliches Werk: 1,3 Millionen Tonnen Trichlorethen, 1,3 Millionen Tonnen Tetrachlorethen, 1,1 Millionen Tonnen Chloroform und 0,05 Millionen Tonnen Trichlorethan seien pro Jahr auf diese Weise allein im Gebiet des Zechsteinmeeres entstanden - und es habe noch weitere ähnliche Randmeere auf der Erde gegeben. Basis für die Kalkulationen sind die in Südrussland beobachteten Emissionen.

"Komplizierte Wirkungskette" sorgte für das Massensterben

"Das, was heute passiert, ist auch damals passiert", erklärt der mittlerweile pensionierte Mitautor Ludwig Weißflog, der am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gearbeitet hat, SPIEGEL ONLINE. "Unsere Berechnungen zeigen, dass die Luftschadstoffe aus großen Salzseen wie dem Zechsteinmeer katastrophale Auswirkungen gehabt haben müssen." Im Rahmen einer "komplizierten Wirkungskette" hätten sie für das Massensterben gesorgt. Zum einen hätten die Substanzen die Pflanzen schwer geschädigt und für die Ausbreitung von Wüsten gesorgt. Die Folge sei der Verlust der Lebensgrundlagen vieler Arten gewesen. Außerdem hätten die Halogen-Kohlenwasserstoffe die Ozonschicht schwer geschädigt und so für erhöhte Erbgutschäden bei den verbliebenen Arten gesorgt.

Die Forscher wissen nicht, ob das neue Modell als singuläre Erklärung für das große Massensterben herhalten kann. Ob die Ausdünstungen aus den Salzseen allein verantwortlich seien oder ob es eine Kombination verschiedener Faktoren gewesen sei, bliebe weiterhin offen. Auch Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge oder Methanhydrate könnten eine Rolle gespielt haben.

Fest stehe aber, dass die Auswirkungen von Salzseen bisher unterschätzt worden seien. Erst nachdem sie vollständig ausgetrocknet seien, habe sich die Umwelt wieder erholen können.

chs/AP/ddp/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.