Satelliten-Projekt: Europa will das All per Radar überwachen

Aus Bremen berichtet

Weltraumschrott (Computergrafik): Viele tausend Objekte umkreisen die Erde Zur Großansicht
ESA / AFP

Weltraumschrott (Computergrafik): Viele tausend Objekte umkreisen die Erde

Spähsystem für den Orbit: Mit einem ambitionierten Programm will Europa das Weltall kontrollieren. Satelliten sollen vor Weltraumschrott, Sonneneruptionen und kosmischen Geisterfahrern geschützt werden. Doch das Mega-Projekt sorgt für Streit - Spanien und Deutschland wollen die Riesen-Radaranlage bauen.

Ungefähr einmal im Monat landet eine besonders dringende E-Mail im Posteingang von Heiner Klinkrad. Dann warnt das amerikanische Space Surveillance Network den Weltraumschrott-Experten der europäischen Weltraumbehörde Esa davor, dass ein europäischer Satellit von einem fliegenden Stück Müll getroffen werden könnte. Rund 18.000 größere, von Menschen gemachte Objekte rasen derzeit um die Erde. Regelmäßig werden sie einigen der 1000 aktuell funktionsfähigen Satelliten gefährlich. Sogar einen kosmischen Verkehrsunfall hat es bereits gegeben, als im Februar der ausrangierte russische "Kosmos-2251" mit einem "Iridium"-Kommunikationssatelliten kollidierte.

Die Warnungen aus Amerika sollen solche Crashs in Zukunft verhindern. Seit vergangener Woche bekommen die Europäer sogar so präzise Daten geliefert, dass sie mit ihnen direkt ein Ausweichmanöver fliegen können. Vorher mussten sie sich noch um zusätzliche Kursberechnungen kümmern. Aber das ist nun nicht mehr nötig, dank dem US-Militär.

Die Hilfsbereitschaft hat freilich einen pragmatischen Grund: Die Europäer arbeiten derzeit an einem eigenen System zur Lageerfassung im All. Space Situational Awareness, kurz SSA, heißt die Weltraumkontrolle im Fachjargon. Rund 50 Millionen Euro lässt sich die Esa derzeit ein Testprogramm dazu kosten. Am Ende, so der Plan, werden die Europäer nicht nur wissen, was genau hoch am Himmel über ihren Köpfen passiert - sondern sie werden nebenbei auch ihren Marktwert bei Verhandlungen mit den USA steigern.

Wenn die Esa-Mitgliedstaaten in anderthalb Jahren zustimmen, könnte das Beobachtungsnetzwerk bis zum Ende des Jahrzehnts komplett einsatzfähig sein. Die Aufgaben aber sind gewaltig, denn das Spähsystem soll gleich drei Dinge auf einmal tun:

  • Bessere Vorhersagen für Weltraumwetter: Auf diese Weise sollen Satellitenbetreiber zwei bis vier Tage Vorwarnzeit vor gefährlichen Sonneneruptionen bekommen. So können zum Beispiel Teile der sensiblen Apparaturen abgeschaltet werden, die durch Partikelstrahlung, den sogenannten Sonnenwind, beschädigt werden könnten. "Wir müssen unsere Weltraum-Infrastruktur schützen", sagt Esa-Manager Juha-Pekka Luntama, der sich bei der Organisation um den Weltraumwetterbericht kümmert.
  • Überwachung von Weltraummüll: Das System soll gefährliche und teure Kollisionen von Satelliten vermeiden und so milliardenschwere Investments schützen. Im erdnahen Orbit wollen die Europäer noch fünf bis zehn Zentimeter kleine Objekte erspähen. "Wir wollen genauso gut werden wie die Amerikaner", sagt Esa-Experte Heiner Klinkrad. Das neue System soll auch die Verlässlichkeit der Crash-Prognosen verbessern, denn jedes Ausweichmanöver kostet Treibstoff und verringert damit die Lebenszeit von Satelliten.
  • Systematische Überwachung erdnaher Objekte: Bei den sogenannten Near Earth Objects (NEOs) handelt es sich um Asteroiden, Meteoroiden und Kometen, die sich der Erde gefährlich nähern und im schlimmsten Fall auch hier einschlagen könnten. Noch könnte die Menschheit freilich wenig gegen einen Riesenbrocken auf Crashkurs unternehmen.

Besonders die Überwachung des Weltraummülls wäre eine teure Angelegenheit, weil dafür - im Gegensatz zur Beobachtung des Weltraumwetters - wohl neue Gerätschaften gebaut werden müssten. Vor allem wäre eine leistungsfähige Radaranlage für die Überwachung des erdnahen Orbits nötig, wie es sie in Europa bisher noch nicht gibt.

Wettkampf um Standort des Weltraum-Radars

Doch wo soll das riesige Gerät stehen? Spanien drängt sich selbst als Standort auf. Erste SSA-Experten sitzen bereits im spanischen Esa-Zetrum in Villafranca bei Madrid. Und in den Esa-Gremien macht Madrid weiter Druck - obwohl dem Land die nötigen Frequenzlizenzen zum Betrieb des Radars und sogar eine kraftvolle Stromversorgung zu seinem Betrieb fehlen sollen, wie Insider lästern. Doch die spanische Regierung möchte gern neben dem chronisch unterfinanzierten EU-Satellitenbildzentrum in Torrejón ein weiteres europäisches Weltraumprojekt vorweisen können - obwohl man mit den Zahlungen an die Esa wegen der Finanzkrise im Rückstand ist.

Doch auch Deutschland hat Interesse angemeldet und ehemalige NVA-Standorte im Osten des Landes für die Demonstrationsanlage angeboten - inklusive der nötigen Frequenzlizenzen. Doch offenbar hat die südländische Konkurrenz derzeit bessere Karten, auch wenn Esa-Mann Luntama auf dem derzeit in Bremen stattfindenden Cospar-Weltraumkongress erklärt: "Der Standort für das Radarsystem ist noch nicht entschieden."

In Wahrheit könnten wichtige Weichen schon gestellt sein: Das spanische Unternehmen Indra Espacio, so steht nun fest, soll für knapp fünf Millionen Euro eine erste Version des Überwachungsradars bauen. Gerade hat die Esa den Vertrag unterschrieben, der immerhin eine Beteiligung des Fraunhofer-Instituts für Hochfrequenzphysik (FHR) vorsieht. Die Forscher in Wachtberg bei Bonn haben viel Erfahrung mit der nötigen Technik. Sie betreiben das leistungsfähige "Tira"-Radar. Mit der 34-Meter-Antenne lassen sich selbst zentimetergenaue Details an Satelliten erkennen. Bei mehreren Beobachtungseinsätzen im Auftrag der japanischen Weltraumagentur Jaxa konnten die FHR-Wissenschaftler beinahe jede Schraube der japanischen Geräte erkennen.

Kritik an direkter Konkurrenz zu den USA

Für ihre bemerkenswert präzisen Bilder brauchen die deutschen Forscher allerdings eine Vorwarnung eines anderen Radarteleskops. Denn sie können sich nur auf einen winzigen Teil des Himmels konzentrieren und Flugkörper dort gezielt verfolgen. Der nicht besonders detaillierte französische Katalog der Weltraumobjekte, erstellt mit dem militärischen "Graves"-Radarverbund, oder aus den USA importierte Daten machen diese Arbeit aber möglich.

Innerhalb von weniger als anderthalb Jahren soll nun das europäische Demonstrationsradar als Datenquelle hinzukommen, später dann eine noch größere, vollwertige Anlage. Doch manche Experten kritisieren das Esa-Vorhaben inzwischen offen - weil es zu viele Dinge erledigen soll, um die sich die USA bereits kümmern. "Europa sollte nicht in direkte Konkurrenz zu den Amerikanern treten, sondern gezielt Teilfunktionen entwickeln, die deren Fähigkeiten sinnvoll ergänzen", sagt Ludger Leushacke vom Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Denkbar sei zum Beispiel eine Konzentration auf satellitengestützte Weltraumüberwachung, die vor allem für den geostationären Orbit in knapp 36.000 Kilometern interessant wäre. Bis zu dieser für Kommunikationssatelliten wichtigen Umlaufbahn reicht das Radar vom Boden nicht.

Kann Europa die Investitionen stemmen?

Europas Weltraumunternehmen würden einen fliegenden Weltraumspäher zwar gerne selbst bauen, doch viele Fachleute halten das schlicht für zu teuer. Denn noch ist längst nicht klar, ob sich Europas schuldengeplagte Staaten die kostspielige Weltraumüberwachung am Ende überhaupt leisten wollen. Experten schätzen, dass allein die geplante Radaranlage 600 Millionen Euro kosten könnte - und das Gesamtprogramm mehr als eine Milliarde. Gut möglich, dass die Esa-Staaten das ambitionierte Vorhaben auf dem entscheidenden Ministertreffen Ende 2011 oder Anfang 2012 massiv eindampfen.

Längst nicht jeder Staat dürfte dann traurig sein. Vor allem Deutschland und Frankreich wären auf eine europäische Lösung wohl gar nicht angewiesen. Beide Länder könnten bereits jetzt viel erreichen, sagen Experten - zumindest wenn sie kooperieren. Durch die Kombination ihrer Anlagen hätten Paris und Berlin schon heute ein gutes Bild vom Geschehen im All. Andere europäische Partner könnten hingegen wenig beitragen.

Außerdem würden in solch einem Szenario keine Datenschutzprobleme auftreten, wie sie mancher Insider bei einer gesamteuropäischen Lösung befürchtet. Denn die Bahndaten sind sensibel, in den Überwachungskatalogen finden sich auch Satelliten, die es offiziell gar nicht gibt. Wer ihre Bahnen kennt, kann auch ihren Startort berechnen - und sie nötigenfalls sehr genau unter die Lupe nehmen.

Solch sensible Informationen wird nicht jeder ohne weiteres teilen wollen. Längst interessieren sich auch die Militärs für die All-Überwachung. Sie arbeiten am europäischen SSA-System mit. "Wir müssen im eigenen Interesse ein Weltraum-Lagebewusstsein entwickeln", erklärte der deutsche Brigadegeneral Richard Schelleis vor einigen Wochen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Bundeswehr betreibt in Uedem mittlerweile ein eigenes Weltraumlagezentrum, das momentan auf international zugelieferte Daten zurückgreift.

Neben einer europäischen Lösung oder einer Kooperation im kleinen Kreis gibt es freilich noch einen weiteren Ansatz, wie Forscher Leushacke erklärt: "Das wird auf Dauer eine internationale Aufgabe werden, um die sich die Menschheit als Ganzes kümmern muss."

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Na klar
donbernd 21.07.2010
Ist schon klar EU .... solche Summen um 'Schrott' zu überwachen und Dreiecke mit 40-50 Meter Kantenlänge sind Sumpfgas und Wetterballons , natürlich ist die Erde auch weiterhin eine Scheibe und wir sollten besser alle aufpassen das wir bei einer Reise nicht runterfallen
2. "Europa will das Weltall kontrollieren"
mavoe 21.07.2010
Zitat von sysopMit einem ambitionierten Programm will Europa das Weltall kontrollieren.*Teure Satelliten sollen vor zerstörerischem Weltraumschrott, Sonneneruptionen und kosmischen Geisterfahrern geschützt werden. Doch das Mega-Projekt sorgt für Streit - und hat eine ungewisse Zukunft. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,707638,00.html
hmm, "kosmische Geisterfahrer"... vielleicht sollte man zusätzlich interferometrische Gammareflektoren einsetzen um irgendwelche Gammablitze aus quasarischen Entfernungen zu verhindern...
3. Irgendwie hab ich das Gefühl,
frank_lloyd_right 21.07.2010
daraus wird so viel wie aus dem europäischen GSM-System.
4. Für jedes idiotische Projekt..
Roueca 21.07.2010
... ist Geld in Unmengen vorhanden, jedoch nicht für die Menschen in diesem Land. Es gibt genügend Baustellen in D, jedoch schert das weder Merkel noch Westerwelle, man kann die Menschen ja anzapfen und ihr sauer verdientes Geld abkassieren. Man sollte die ganze EU mitsamt unserer Chaotenregierung ins Weltall schiessen ohne Rückfahrkarte!
5. ab ins all...
zynik 21.07.2010
Zitat von sysopMit einem ambitionierten Programm will Europa das Weltall kontrollieren.*Teure Satelliten sollen vor zerstörerischem Weltraumschrott, Sonneneruptionen und kosmischen Geisterfahrern geschützt werden. Doch das Mega-Projekt sorgt für Streit - und hat eine ungewisse Zukunft. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,707638,00.html
Hmm, war die Eroberung des Weltalls nicht auch fester Bestandteil der Reagonomics? Der Spaß hiess damals eben SDI. Der Hintergrund ist wahrscheinlich ähnlich. Erzähl dem Pöbel irgendwas vom Weltraum, damit er sich weniger kritisch mit dem Zustand der guten alten Erde auseinandersetzt. Man stelle sich vor, Weltraumschrott würde einen Satelliten zerstören und damit zeitweise ein Stück der TV-Betäubungsmaschine oder des Klingeltonwahnsinns zum erliegen bringen. Ein herrlicher Traum... "Europa will das Weltall kontrollieren" klingt übrigens ähnlich albern wie "USA will Gott kontrollieren".
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