Satelliten-Schrott: Trümmerforscher warnen vor Crash-Serie im All

Von Christoph Seidler

Weltaumschrott (Daten von 1996): Großer Knall in 800 Kilometern Höhe Zur Großansicht
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Weltaumschrott (Daten von 1996): Großer Knall in 800 Kilometern Höhe

Erstmals sind zwei Nachrichtensatelliten zusammengekracht - und Experten verfolgen nun die Trümmerwolken im All. Für die Raumstation ISS besteht ihren Berechnungen zufolge kaum Gefahr - wohl aber für andere Satelliten in der Bahn der Bruchstücke.

Heiner Klinkrad ist alles andere als verwundert. Er befasst sich bei der Europäischen Weltraumagentur Esa in Darmstadt mit den Gefahren durch Weltraumschrott - und hat einen Zusammenstoß wie den aktuellen zwischen einem US-amerikanischen und einem russischen Satelliten schon beinahe erwartet: "Wissenschaftler gehen davon aus, dass so etwas statistisch gesehen alle zehn Jahre ansteht", sagt Klinkrad im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nun ist es also passiert, zum ersten Mal sind zwei große Nachrichtensatelliten im All kollidiert. Und die Folgen des Zusammenstoßes werden erst langsam klar.

Zum großen Knall war es in knapp 800 Kilometern Höhe über dem Norden Sibiriens gekommen. Der seit zehn Jahren außer Betrieb befindliche russische Nachrichtensatellit "Cosmos 2251" war einem Satelliten der US-Kommunikationsfirma "Iridium" zusammengestoßen - eine Tonne ausgesonderter Weltraumschrott krachte auf den Satelliten "Iridium-33", eine halbe Tonne Hightech. Nach der Kollision bildete sich ein weites Trümmerfeld, das nun durchs All pulsiert: "Es gibt eine Trümmerwolke, die expandiert und sich wieder zusammenzieht", sagt Klinkrad.

Weltraumschrott ist bereits jetzt ein ernsthaftes Problem: Bei Flügen der US-Raumfähren gilt er als größte Gefahr, weitaus gefährlicher als Start und Landung selbst. Zu Beginn dieses Jahres jagten bereits rund 17.000 vom Menschen hergestellte Trümmerteile um die Erde, die mindestens zehn Zentimeter groß sind. Sie werden durch ein vom US-Militär betriebenes Überwachungssystem erfasst, das nun auch die neuen Trümmer entdeckt und verfolgt hat. Mehrere zehntausend kleinere Teile sind zu klein, um sie dauerhaft zu verfolgen - aber groß genug, um bei Kollisionen Schäden an Satelliten und anderen Raumfahrzeugen anzurichten.

Trümmerteile von Raketenstufen, Abdeckkappen, Sprengbolzen, Farbpartikel, Spannbänder, Schrauben und Schraubendreher, Tropfen von Kühlflüssigkeit - es ist ein gigantischer Müllberg, der derzeit um die Erde fliegt. Die Nasa erklärte nach dem Crash, man gehe nach ersten Radar-Untersuchungen von rund 600 neuen Trümmerteilen aus. Es werde aber noch etwa zwei Tage dauern, bevor man das genaue Ausmaß abschätzen könne. Esa-Experte Klinkrad sagt, er könne sich gut vorstellen, dass die Zahl der Trümmer sogar noch höher liege. Entscheidend sei, ob die beiden Satelliten zentral zusammengestoßen seien oder sich nur gestreift hätten.

Ein kritischer Punkt, der noch zu klären ist. Denn davon hängt ab, welche langfristigen Folgen der Zusammenstoß im All haben wird. "Für die Internationale Raumstation ISS besteht keinerlei Gefahr", versicherte Alexander Worobjow, der Sprecher der russischen Weltraumbehörde Roskosmos bereits. Eine naheliegende Annahme, denn die Umlaufbahn der Station liegt mit 400 Kilometern Höhe weit entfernt. Die "Washington Post" zitiert aus einem Nasa-Dokument, wonach das Risiko für die ISS nur leicht gestiegen ist.

Doch inwieweit kommerzielle oder militärische Satelliten in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, muss erst noch geklärt werden. Die Esa hat zum Beispiel ihre Satelliten "ERS-2" und "Envisat" besonders im Blick, die deutlich näher an der Kollisionsstelle ihre Bahnen ziehen. "Wir sind dabei, die Gefahr für diese Satelliten zu analysieren", sagt Heiner Klinkrad. Und die Nasa sorgt sich um ihr "Hubble"-Teleskop, das allerdings um einiges weiter von der nun gefährlicher gewordenen Region in 800 Kilometern Höhe entfernt ist. Es kreist in knapp 600 Kilometern Höhe um die Erde.

Doch klar ist: Mit jedem Vorfall dieser Art steigt das allgemeine Kollisionsrisiko. "Jedes Kilogramm Masse, das man im Orbit belässt, kann eine Lawine von weiteren Zusammenstößen auslösen", warnt Klinkrad. Das dazu passende Horror-Szenario hat der Nasa-Berater Donald Kessler bereits entwickelt: Die Menge von Weltraumschrott im Erdorbit steigt weiter stark an. Durch einen Schneeballeffekt nimmt die Zahl der Kollisionen so stark zu, dass alle Satelliten akut gefährdet sind - und nach und nach ausfallen. Auch menschliche Vorstöße ins All sind dann zu gefährlich.

Um dieses Szenario, "Kessler-Syndrom" genannt, zu vermeiden, fordern Weltraumexperten schon seit einiger Zeit, müssten zumindest alle neuen Satelliten mit der Fähigkeit zum kontrollierten Absturz auf der Erde versehen werden. Die Kollision vom Dienstag hat eindrücklich gezeigt, wie ernst solche Forderungen zu nehmen sind.

Mit Material von dpa und AP

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