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02. Juni 2012, 12:39 Uhr

Satellitenbild der Woche

Schleifspuren in Amerika

Wirbelstürme kommen überraschend - dabei nehmen sie meist einen ähnlichen Kurs: Eine neue Satellitenkarte zeigt alle Tornados der letzten 56 Jahre in den USA. Die Spuren verraten das Entstehungsrezept der Wirbel.

Hamburg - Tornados kündigen sich mit monströsem Lärm an: Zunächst ist ein tiefes Brausen wie bei Wasserfällen zu hören, das stetig lauter wird. Schließlich faucht es donnernd wie ein Güterzug. Krachende Zerstörungen machen den Lärm bald ohrenbetäubend. Die Wirbel schleudern Autos umher wie Gießkannen, zerhäckselten Häuser, fegten ihre Fundamente blank.

Vor allem die USA werden von den säulenartigen Wirbelstürmen geplagt. Eine Satellitenbild-Collage des amerikanischen Wetterdienstes NOAA zeigt nun, welche Wege Tornados in den vergangenen 56 Jahren genommen haben. Je heller die Linien auf dem Bild, desto stärker waren die Stürme. Die heftigsten wirbelten mit 500 km/h. Es wurden Grashalme gefunden, die wie Igelstacheln in Holzwänden steckten. Die Gräser konnten nicht abknicken, weil ihre Aufprall-Geschwindigkeit so hoch war.

Das Bild zeigt, dass die meisten Tornados einen ähnlichen Kurs nehmen, sie ziehen von Südwest nach Nordost. Die vorherrschenden Bahnen verraten das Entstehungsrezept der Wirbel: Sie werden dort geboren, wo feuchtwarme Luft vom Golf von Mexiko aus dem Südosten auf kalte im Nordwesten treffen. An der Kollisionsfront der Luftmassen steigt die warme Brise aus Süden auf, so dass ihre Feuchtigkeit in der Höhe zu Regentropfen kondensiert. Dabei bilden sich mächtige Türme von Gewitterwolken.

Wenn Feuchtigkeit zu Wolkentropfen kondensiert, wird Wärme frei; sie treibt die Luft weiter nach oben - ein mächtiger Sog entsteht. Manche Gewitter drehen sich so stark, dass sie zu Tornados werden. Wie dunkle Geschwüre wachsen Wolken aus der Gewitterfront nach unten. Momente später kann das Wolkengeschwulst zu dem gefürchteten Schlauch werden - sobald er Bodenkontakt hat, ist ein Tornado geboren.

Starke Höhenwinde trieben das fatale Wettergebräu nach Osten. Fast der gesamte Osten des Landes liegt deshalb im Risikogebiet - bis auf eine Ausnahme: Das Satellitenbild zeigt eine schwarze Region, in der in den vergangenen Jahrzehnten kaum Tornados gesichtet wurden. Höhenzüge von North Carolina im Süden bis Maine im Norden blockieren die Ostwinde - Tornados bleiben aus.

Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, die Karte zeige die Sturmwege der letzten 65 Jahre. Tatsächlich handelt es sich um die letzten 56 Jahre. Wir bitten, den Zahlendreher zu entschuldigen.

boj

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