Satellitenbild der Woche Trügerische Ruhe im hohen Norden

Ostgrönland gehört zu den am dünnsten besiedelten Landstrichen der Welt. Vor der Küste treiben Packeis-Schollen, gleich nebenan türmt sich das Inlandeis bis zu drei Kilometer hoch. Nur ein paar Männer mit ihren Hunden harren aus.

Grönlands Ostküste: Die Zahl der dauerhaften Bewohner liegt bei ungefähr 40.
ESA

Grönlands Ostküste: Die Zahl der dauerhaften Bewohner liegt bei ungefähr 40.


Von Erderwärmung ist in dieser Gegend auf den ersten Blick keine Spur. Zwar sind sich Forscher einig, dass der Klimawandel die Arktis so sehr betrifft wie keine andere Region der Erde, dass das sommerliche Meereis langfristig wohl verschwinden wird und dass gerade Grönlands Eispanzer besonders stark unter der Hitze zu leiden hat. Doch an der Ostküste der riesigen Insel sieht die weiße Unendlichkeit noch gut in Schuss aus - auch wenn dieser Schein trügt.

Kaum Siedlungen gibt es hier, dafür aber das größte Naturreservat der Welt. Der Nordost-Grönland-Nationalpark misst 972.000 Quadratkilometer - das ist beinahe drei Mal so groß wie Deutschland. Die Zahl der dauerhaften Bewohner liegt bei ungefähr 40. Ein guter Teil von ihnen lebt in der Station Daneborg, die auf einer Insel am rechten oberen Bildrand liegt. Hier hat die legendäre Sirius-Patrouille, eine Hundeschlitten-Abteilung der dänischen Armee, ihr Hauptquartier. Die Truppe dient seit Jahrzehnten dazu, die dänische Souveränität in dem besonders schwer zugänglichen Teil Grönlands aufrechtzuerhalten. Der Großteil der Grönländer lebt an der leichter zugänglichen Westküste.

In der Grönlandsee landen viele der Eisschollen, die russische Flüsse in den Arktischen Ozean tragen. Sie sind eindrucksvoll im rechten Bereich dieses Satellitenbildes zu sehen, das aus drei Radaraufnahmen des Esa-Satelliten "Envisat" zusammengesetzt ist.

Die Radaraufnahme, die kein sichtbares Licht zeigt, enthält auch Farben. Dafür sorgen Veränderungen der Oberfläche, die zwischen den drei Aufnahmen aufgetreten sind. Deswegen liegen die farbigen Bereiche vor allem auf dem Meer, wo die Strömung die Eisschollen wieder und wieder verschiebt.

Im linken Bereich des Bildes ist - scheinbar unverändert - das grönländische Inlandeis zu sehen. Wenn es komplett abschmelzen würde, stiege der mittlere Wasserstand der Weltmeere langfristig um etwa sieben Meter. "Wir stellen gerade neue Schätzungen fertig, die einen Meeresspiegelanstieg von bis zu 35 Zentimetern in diesem Jahrhundert voraussehen", sagte der dänische Chef-Glaziologe Andreas Peter Ahlstrøm im Sommer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der grönländische Eisschild, so warnte der Forscher, sei "ein erwachender Riese" - aller scheinbaren Beständigkeit zum Trotz.

chs

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