Satellitenbild der Woche Durchatmen? Kommt darauf an, wo man ist

Verpestete Atemluft macht vielen Menschen zu schaffen. Satellitendaten zeigen, wo auf der Welt die Lage besser wird - und wo nicht.

Stickstoffdioxidkonzentration: Violett markiert Rückgang, gelb-braun Anstieg
NASA/ Jesse Allen/ AURA

Stickstoffdioxidkonzentration: Violett markiert Rückgang, gelb-braun Anstieg


Dass Dieselabgase die Umwelt und die Gesundheit belasten, dürfte spätestens seit der VW-Affäre bekannt sein. Die Wolfsburger Autobauer haben geschummelt, damit die Schadstoffwerte ihrer Modelle besser aussehen als in der Realität. Und das ist durchaus gefährlich: Stickoxide reizen die Schleimhäute der Atemwege und der Augen. Vor allem für Asthmatiker sind sie problematisch. Bei besonders hohen Konzentrationen steigt außerdem das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen wie Schlaganfälle.

Der US-Erdbeobachtungssatellit "Aura" hat seit mehr als zehn Jahren die Luftqualität auf der Erde im Blick. Aus rund 700 Kilometern Höhe misst er dabei unter anderem die Stickstoffdioxid-Emissionen von Autos, Kraftwerken und Industriebetrieben. Dazu dient ein von finnischen und niederländischen Forschern entwickeltes Instrument, das eigentlich für die Messung von Ozon genutzt wird. In hochauflösenden Karten zeigt "Aura", wie die Luftqualität in verschiedenen Teilen der Welt ist.

Die Nasa hat nun verglichen, wie sich die Daten über die Zeit verändern. Forscher um Bryan Duncan vom Goddard Space Flight Center der US-Weltraumbehörde in Greenbelt (US-Bundesstaat Maryland) berichten im Fachmagazin "Journal of Geophysical Research: Atmospheres" von ihren Ergebnissen.

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Bei der Analyse der Jahre 2005 bis 2014 zeigte sich: In den vergangenen zehn Jahren ist die Luft in vielen Teilen der Welt sauberer geworden. Auf den Karten sind all jene Regionen violett markiert, in denen die Konzentration von Stickstoffdioxid in der Luft in dem betreffenden Zeitraum gesunken ist. Gelblich-braun schimmern die Gebiete, in denen sich die Werte verschlechtert haben.

In Europa sieht das Bild vielerorts gut aus, die Belastungen sind mit der Zeit gesunken. Bei der Nasa macht man dafür strengere Regeln verantwortlich. Ein Beispiel sind die in Deutschland eingeführten Umweltzonen.

Sie haben langfristig Erfolge gebracht - auch wenn es gerade bei Stickstoffdioxid auch noch viel zu tun gibt. Das Umweltbundesamt (UBA) hat im Jahr 2015 an rund 60 Prozent aller Messstationen an stark befahrenen Straßen im Jahresdurchschnitt eine Überschreitung des Grenzwerts von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter festgestellt. Die Deutsche Umwelthilfe hat wegen erhöhter Stickstoffdioxidwerte auch Klagen gegen die betroffenen Bundesländer eingereicht. So soll es strengere Luftreinhaltungspläne geben.

Besonders stark gingen die Werte allerdings im Süden Europas zurück, in Madrid (minus 48 Prozent), Lissabon (47 Prozent) und Barcelona (44 Prozent).

Auch in den US-Großstädten konnte man sich vielerorts über bessere Luft freuen. Vorn liegen hier Los Angeles (minus 56 Prozent), Phoenix (54 Prozent) und Atlanta (48 Prozent). New York kann sich immerhin auch noch über einen Rückgang der Stickstoffdioxidbelastung um 45 Prozent freuen.

In manchen ländlicheren Regionen des Landes maß das Instrument auf dem Satelliten aber auch einen leichten Anstieg der Konzentration - zum Beispiel in den Gebieten von North Dakota und Texas, wo Öl und Gas mithilfe von Fracking gewonnen wird.

In China ist das Bild gemischt. Während Städte wie Shanghai (minus 30 Prozent), Hong Kong (28 Prozent) und sogar Peking (10 Prozent) eine gute Entwicklung vorweisen können, gibt es im Nordchinesischen Tiefland auch viele Regionen mit zum Teil deutlich steigenden Emissionen.

Beinahe ausnahmslos schlechter sieht die Lage in Indien aus. In Städten wie Chennai, Bengaluru, und Kolkata stieg die Belastung jeweils um mindestens ein Fünftel. Noch deutlichen nach oben ging es in Pakistan (Lahore: plus 52 Prozent, Islamabad: 46 Prozent) und Bangladesch (Dhaka: plus 79 Prozent).

Nicht immer sind sinkende Schadstoffwerte übrigens vorbehaltlos ein Grund zur Freude. In den syrischen Städten Damaskus und Aleppo ging die Belastung mit Stickstoffdioxid über die Jahre drastisch nach unten - weil durch den Bürgerkrieg im Land das öffentliche Leben vielfach zusammengebrochen ist und viele Menschen ihre Heimat verlassen haben.

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wo_st 30.01.2016
1. BW selbstgemachte Luftverschmutzung
An der neuralgischen Stelle der höchsten Luftverschmutzung hat die Landesregierung ein großes Ministerium gebaut, damit noch weniger Frischluft zirkulieren kann. Zusätzlich haben die Beamten in BW zugelassen, dass in der Frischluftschneisse für Stuttgart ein Müllheizkraftwerk steht. Also wozu noch Gedanken machen.
Hugo55 30.01.2016
2. Stickoxyde?
Als die Umweltzonen eingeführt wurden, war das Argument die Feinstaubbelastung - und dafür mussten Feinstaubfilter eingebaut werden. Und jetzt freuen sich alle, dass die Stickoxyde weniger geworden sind - Feinstaubfilter eliminieren aber keine Stickoxyde Schlussfolgerung: - die Umweltzonen haben für die Entlastung von Feinstaub nichts gebracht - der Rückgang an den Stickoxyden hätte auch ohne Feinstaubfilter stattgefunden (mehr neuere Diesel KFZ mit Additionsstoffen zur Stickoxydreduzierung)
jsafarovic 30.01.2016
3. Umweltzonen
Die Umweltzonen dürften keinen Einfluß haben. Die stärksten Verbesserungen zeigen sich in Kent, England, dort wurden solche Umweltzonen noch nicht eingeführt. Die Verschärfung der Gesetzgebung hat sicherlich den größten Einfluß!
energieinfo 30.01.2016
4. Feinstaubmessstellen am falschen Platz
In meiner Stadt steht die Feinstaub-Messstelle (die einzige!) an einer städtischen wenig befahrenen aber großen gut belüfteten Straße. Wegen einiger Kaminstinker habe ich inzwischen am Haus eine eigene inoffizielle Feinstaubmesstelle: Dort sind die Werte mindestens vergleichbar wie in der Innenstadt. Je nachdem wie der Wind steht, habe ich Spitzenwerte von 50-200 ug/m³ für einige Minuten. Und manchmal über 2 Tage einen solchen Gestank (PAKs?), dass ich nicht lüften kann aber auch die Luft im Haus schon nach Verbranntem stinkt. Folge des ach so CO2-neutralen Biomassewahns (naja, es ist etwas billiger, billiges Holz zu verschwelen als Gas oder Öl). Leider findet ein Satellit auch nicht so kleine "Dreckszellen". Bei mir war das bis vor 3 Jahren kein Problem: ein oder zwei Tage im Winter, wo man mal 2 Stunden nicht lüften konnte. Inzwischen: Ein Tag die Woche, wo ich lüften kann, wann ich will. Immerhin: Dank Feinstaubsensor und Windrichtungsanzeiger komme ich inzwischen halbwegs klar. Mit dem Tab stehe ich in der Tür und achte auf Windrichtung, Feinstaubwerte und Geruch und kann immer wieder für 1 Minute die Tür aufmachen ...
schumbitrus 30.01.2016
5. Das Delta ist doch nur die halbe Wahrheit ..
Wenn man die Grenzwerte reihenweise überschreitet und die Kfz-Lobby gerade die Abgas-Grenzwerte noch weiter hoch manipuliert, dann sind die vielen Blau-Werte in der Karte doch offensichtlich trügerisch: Auch trotz der gemessenen Verbesserung bleiben vielfach die Werte im roten Bereich. Ich kann mich des Eindrucks kaum erwehren, dass hier eine "ist-doch-trotz-Abgas-Skandal-alles-ok"-Stimmung verbreitet werden soll. Nicht nur, dass VW die betrogenen europäischen Kunden mit einem feuchten Händedruck abspeist - sie können die Werte natürlich auch mit dem Filter nicht einhalten. Die Strategie geht nun dahin, das weicheste Opfer maximal zu belasten: Stadtbewohner, die die zu hohen Abgase zu ertragen haben, müssen nun eben noch höhere Abgasmengen ertragen. Als folgerichtige Konsequenz aus dem Skandal erwarte ich eigentlich, dass betrügerische Dieselpanzer aus den Innenstädten verbannt werden. Statt dessen macht die Politik den Bückling vor den Lobbyisten der Industrie und verrät die Gesundheit der Menschen, indem Grenzwerte willkürlich angehoben werden. Und "Artikel" wie dieser verbreiten dann unterstützend das Bauchgefühl, dass in Europa alles auf einen guten Wege sei.
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