Satellitennavigation Russische Ambitionen setzen "Galileo" unter Druck

Das europäische Navigationssystem "Galileo" kommt nicht voran, manche vergleichen es schon mit dem kriselnden Flugzeugbauer Airbus. Russland arbeitet mit Hochdruck an seiner eigenen GPS-Alternative - und könnte den Europäern so die Schau stehlen.

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An Geld scheint kein Mangel zu herrschen in Moskau. Das Geschäft mit Öl und Gas brummt, und so hat die einstige Großmacht auch keine Schwierigkeiten, dreistellige Millionenbeträge in den Ausbau eines eigenen Navigationssystems zu stecken. Die Aufwendungen für den Satellitenverbund Glonass, der als Alternative zum amerikanischen Global Positioning System (GPS) und zum europäischen Pendant "Gallileo" gedacht ist, steigen rasant. Gab die russische Raumfahrtagentur 2006 noch 181 Millionen US-Dollar für das Globalnaja Nawigazionnaja Sputnikowaja Sistema (Glonass) aus, so sollen es 2007 schon 380 Millionen sein.

Die Anfänge von Glonass reichen wie bei GPS auch in die Tage des Kalten Krieges zurück. Die Militärs der USA und der Sowjetunion brauchten Navigationssysteme, die weltweit zuverlässig arbeiteten. Der erste sowjetische Satellit wurden 1982 gestartet, offiziell in Betrieb ging Glonass 1993.

Wohl auch, um langfristig nicht von den USA abhängig zu sein, dem Betreiber der GPS-Satelliten, will Russland sein System nun möglichst bald so weit ausbauen, dass es zumindest im eigenen Riesenreich funktioniert. Zugleich hat Russland bereits beschlossen, das bislang auf Militärs beschränkte System Glonass auch für zivile Nutzer zu öffnen.

2005 hatte Präsident Wladimir Putin der Weltraumagentur Roskosmos aufgetragen, dass Glonass bis 2008 funktionieren müsse. Derzeit sind immer nur einige der rund ein Dutzend Satelliten gleichzeitig eingeschaltet, was eine zuverlässige Navigation erschwert, denn ein Empfänger benötigt den gleichzeitigen Empfang der Funksignale von mindestens drei Satelliten, um die eigene Position berechnen zu können. Vier sind nötig, um auch die vertikale Position zu bestimmen.

Europa in der Bredouille

Vor wenigen Tagen nun kündigte Sergej Iwanow an, seit Februar stellvertretender Ministerpräsident und zuvor lange Jahre Verteidigungsminister Russlands, dass Glonass bereits in diesem Jahr starten werde. Er zweifle nicht daran, dass Roskosmos dann 18 Navigationssatelliten im All haben werde. Bis Ende 2009 sollen es 24 Satelliten sein - dies würde reichen, um den ganzen Erdball abzudecken.

Wenn der Aufbau von Glonass wie geplant läuft, wird es dem europäischen Projekt "Galileo" die Schau stehlen. Ursprünglich schon 2008 sollten die 30 europäischen "Galileo"-Satelliten ihre Ortungssignale zum Boden funken - und damit eine ernsthafte Alternative zu den amerikanischen GPS-Satelliten bieten. Doch die Realität sieht anders aus.

Einen ernüchternden Lagebericht lieferte der neue Galileo-Verwaltungschef Pedro Pedreira im März auf dem "Munich Satellite Navigation Summit". "Frühestens 2012 wird Galileo in den Regelbetrieb gehen", sagte Pereira dem SPIEGEL.

Damit bestätigte er Befürchtungen, die seit Monaten durch die Branche geistern: Das europäische Prestigeprojekt gerät ebenso in Schwierigkeiten wie zuvor der Airbus A380 - zerrieben zwischen Selbstbedienungsmentalität und Kleinstaaterei. Im Konsortium blockieren sich die Staaten gegenseitig, jeder ist nur auf seinen Vorteil bedacht.

Nebeneinander mehrerer Systeme kein Nachteil

Die nationalen Egoismen könnten sich bitter rächen. Je länger das europäische Tauziehen dauert, desto mehr schmilzt der technologische Vorsprung dahin. So modernisieren die USA derzeit ihre in die Jahre gekommenen GPS-Satelliten. Und neben Russland baut auch China ein eigenes System auf. Die Volksrepublik hat bereits satellitentaugliche Atomuhren in der Schweiz geordert - bei Temex, derselben Firma, die auch "Galileo" beliefern soll.

Das mögliche Ergebnis in ein paar Jahren, ein Nebeneinander mehrerer Satellitennavigationssysteme, könnte den Nutzern sogar Vorteile bringen. Denn die Empfangsgeräte könnten prinzipiell so modifiziert werden, dass sie die Signale amerikanischer, russischer und europäischer Satelliten parallel empfangen können. Vor allem in bergigem Gelände oder engen Straßenschluchten würde somit eine Navigation erst möglich, denn den Empfängern stünden viel mehr Satelliten zur Verfügung. Darauf weisen auch die Experten von Roskosmos immer wieder hin.

Grundsätzlich geht es Russen wie Europäern bei ihren Systemen aber um Unabhängigkeit von den USA. Sie fürchten, dass die Amerikaner im Krisenfall ihre GPS-Signale verschlüsseln oder ganz abschalten, um militärischen Gegnern die Orientierung zu erschweren. Präsident Putin steht voll und ganz hinter der russischen GPS-Variante: "Das System muss fehlerfrei arbeiten, besser als GPS sein und billiger, so dass Kunden sich für Glonass entscheiden", sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax. Seinen Ministern erklärte er: "Sie wissen, wie sehr mir Glonass am Herzen liegt."

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