Scheinheiliger Ökoritter Bush kürzt Mittel für Klimaforschung

Zum G-8-Gipfel in Heiligendamm präsentiert sich Bush als Kämpfer gegen die Erderwärmung. Doch zu Hause torpediert seine Regierung die Klimaforschung. Ein vertraulicher Bericht für das Weiße Haus zeigt: Das dafür wichtigste Satellitenprogramm soll radikal zusammengestrichen werden.


Der Nachrichtenagentur AP liegt ein vertraulicher Bericht an das Weiße Haus vor. Darin warnen US-Wissenschaftler, sie würden demnächst einen Großteil ihrer Fähigkeiten zur Erforschung des Klimawandels vom Weltraum aus verlieren.

Grüner Vorstoß ins Blaue hinein: US-Präsident George W. Bush
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Grüner Vorstoß ins Blaue hinein: US-Präsident George W. Bush

Sechs Forschungssatelliten sollten in den kommenden Jahren ins All geschossen werden, um veraltete Vorgänger dort zu ersetzen. Die Orbiter gehören zum seit 1994 aufgebauten National Polar-orbiting Operational Environmental Satellite System ( NPOESS).

Wegen technischer Probleme und eines rasanten Anstiegs der ursprünglich auf 6,5 Milliarden Dollar (4,8 Milliarden Euro) veranschlagten Kosten habe das Verteidigungsministerium nun aber entschieden, nur vier Satelliten in den Orbit zu schicken. Schwerer wiegt ein Einschnitt, der auch die verbliebenen Forschungssatelliten betrifft: Der Schwerpunkt solle nun auf Instrumenten liegen, die der Wettervorhersage dienen. Die meisten Instrumente, die für das Sammeln von langfristigen Klimadaten nötig sind, wurden gestrichen.

"Leider bringt der jüngste Verlust von Klimasensoren das gesamte Klimaprogramm in ernste Gefahr", warnen Wissenschaftler der Nasa und der Atmosphären- und Ozeanbehörde NOAA in dem Schreiben mit dem Absendedatum 11. Dezember. So werde es Lücken beispielsweise bei der Erforschung von Eiskappen, Gletschergrößen, Verdunstung und atmosphärischem Kohlendioxid geben, heißt es weiter. Das Pentagon sowie Nasa und NOAA würden dem Schreiben zufolge für den Großteil ihrer Klimadaten auf europäische Satelliten angewiesen sein.

"Wir sind dabei zu erblinden"

Jack Marburger, Wissenschaftsberater im Weißen Haus und zugleich Adressat des vertraulichen Berichts, sagte, die Situation bereite im Sorgen. Es hätten sich Probleme ergeben und man könne nicht alle Instrumente in die Satelliten einbauen. Jetzt stehe man vor der Frage: "Wie können wir den Schwung in diesem wichtigen Forschungsgebiet beibehalten?" Eine Antwort auf diese Frage hat Marburger zumindest derzeit nicht.

Die Initiative Climate Science Watch, welche die Aktivitäten der US-Regierung in Sachen Klimaschutz kritisch beobachtet, hat den 76-seitigen, ans Weiße Haus gerichteten Bericht auf ihrer Webseite veröffentlicht ( Pdf). Der Gründer der Initiative, Rick Piltz, hält die derzeitige Situation für eine ernsthafte Krise: "Wir sind dabei zu erblinden, was unsere Fähigkeiten betrifft, die Erde zu beobachten", sagte er.

Auch von der renommierten Wissenschaftlervereinigung American Association for the Advancement of Science (AAAS) kam Kritik an dem Plänen der US-Regierung. Ein Zusammenstreichen des Satellitenprogramms werde große Lücken in den Informationen zu Folge haben, die Satelliten kontinuierlich über die Erde sammeln. Ähnlich äußerte sich auch die National Academy of Sciences.

Budgetprobleme angeblich hausgemacht

Verärgert sind Wissenschaftler darüber, dass von acht geplanten Sensoren zur Klimaforschung nur einer tatsächlich wie geplant in die Satelliten eingebaut werden soll. Im April hatten sich Nasa und NOAA zumindest über den Einbau eines Ozonsensors geeinigt. Bei sieben anderen Messgeräten ist jedoch fraglich, ob sie überhaupt zum Einsatz kommen werden. Falls doch, dann sollen sie in ihrem Funktionsumfang im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen jedoch deutlich beschränkt werden.

Abgeordnete fordern wegen der aus dem Ruder gelaufenen Kosten im Klima-Satellitenprogramm sogar den Rücktritt von NOAA-Chef Conrad Lautenbacher. "Wir haben hier ein Programm, das rund sechs Milliarden über Budget liegt - ohne Hoffnung auf Besserung", sagte Alisha Prather, Sprecherin des House Committee on Science and Technology, der Wissenschaftsausschuss des US-Kongresses.

Jerry Mahlman, ehemaliger NOAA-Forscher, hält die Budgetprobleme beim Satellitenprojekt für hausgemacht. Er habe Kollegen bereits 1995 vor Schwierigkeiten gewarnt. Das ganze Projekt gleiche einem vorhersehbaren Crash.

cis/hda/AP

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