Schwächelndes Zentralgestirn Sonnenwind erreicht 50-Jahre-Minimum

Der Sonnenwind hat derzeit die geringste Intensität seit Beginn der Messungen vor 50 Jahren. Die Folge: Der natürliche Schutzgürtel des Sonnensystems wird schwächer, mehr kosmische Strahlung kann eindringen. Forscher beunruhigt das jedoch nicht - im Gegenteil.


Seit einem halben Jahrhundert messen Wissenschaftler den Strom geladener Teilchen, der von unserem Zentralgestirn ausgeht. Der Sonnenwind ist wichtig für das Leben auf der Erde, denn er bildet einen mehrere Milliarden Kilometer breiten natürlichen Schutzgürtel rund um die Sonne - ähnlich der Atmosphäre rund um die Erde. Nun haben Messungen der Sonde "Ulysses" ergeben, dass Sonnenwinde augenblicklich die niedrigste je gemessene Intensität haben. Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Strahlung um 20 Prozent zurückgegangen, schreibt ein Wissenschaftlerteam im Fachblatt "Geophysical Research Letters".

Der Sonnenwind wechselwirkt nicht nur mit den Planeten, er legt auch die Grenze zwischen Sonnensystem und interstellarem Raum fest. An der Grenze, bezeichnet als Heliopause, ist der Sonnenwind nicht mehr stark genug, um die Strahlung anderer Sterne zu verdrängen. Bislang sind erst zwei Sonden in diesen Bereich vorgedrungen: "Voyager 1" und "Voyager 2".

Die niedrige Intensität der Sonnenwinde könne die Heliosphäre reduzieren, jene vom Sonnenwind gebildete Blase, in die interstellare Materie nicht eindringen kann. Dies habe wiederum Auswirkungen auf die Erde und bis ans Ende des Sonnensystems, erklärte Dave McComas vom Southwest Research Institute in San Antonio. Die mehrere Milliarden Kilometer große Heliosphäre schützt die Erde und die anderen Planeten vor der gefährlichen kosmischen Strahlung.

Durch die niedrige Intensität der Sonnenwinde werde die Heliosphäre voraussichtlich in ihrer Ausdehnung und Kraft zurückgehen, sagte der Nasa-Experte Ed Smith. Dadurch könne mehr Strahlung von außen ins Sonnensystem eindringen. Eine Gefahr für die Menschheit sehen die Forscher nicht, das Magnetfeld der Erde schützt ausreichend. Die Wissenschaftler betrachten den schwächelnden Sonnenwind vielmehr als "exzellente Chance", wie Smith sagte, weil man so die kosmische Strahlung besser untersuchen könne.

Der Rückgang der Sonnenwinde könnte nach Erkenntnissen der Forscher durch Änderungen im Magnetfeld der Sonne verursacht sein. Bereits in der Vergangenheit habe es ähnliche Magnetfeldschwankungen gegeben. Normalerweise hat die Sonne Zyklen mit elf Jahren hoher Aktivität und anschließend einem Jahr Pause. Nach den von "Ulysses" gelieferten Daten befindet sie sich derzeit jedoch in einer "verlängerten Phase minimaler Aktivität", die bereits zwei Jahre andauert.

"Ulysses", ein gemeinsames Projekt von Nasa und Esa, war 1990 vom Space Shuttle "Discovery" aus gestartet. Sie war die erste Sonde, welche die Pole der Sonne überflogen hat. Mit dem inzwischen 17 Jahren ist "Ulysses" bereits viermal so lang im Einsatz wie ursprüngliche geplant.

hda/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.