Sensationelle Zeichnungen Galileis erste Mond-Bilder entdeckt

In New York ist ein Buch mit Zeichnungen von Galileo Galilei aufgetaucht. Die Bilder zeigen die zerklüftete Oberfläche des Mondes, wie der Forscher sie vor fast 400 Jahren als Erster gesehen hat. Experten glauben, dass sie es mit der Urfassung von Galileis berühmtestem Werk zu tun haben.

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Galileo Galilei gilt nicht nur als Vater der mathematisch geprägten Naturwissenschaft, sondern revolutionierte auch die Astronomie. Als einer der ersten Forscher überhaupt benutzte er ein Teleskop - und entdeckte damit unter anderem die vier größten Jupitermonde. Außerdem fand er heraus, dass die Milchstraße nicht aus Nebelschwaden, sondern aus zahlreichen Sternen besteht und dass der Mond eine zerklüftete Oberfläche besitzt.

Mond-Zeichnung im New Yorker Galilei-Buch: Forscher haben die Urfassung der berühmten Illustrationen gefunden
Barbara Herrenkind

Mond-Zeichnung im New Yorker Galilei-Buch: Forscher haben die Urfassung der berühmten Illustrationen gefunden

In seinem berühmten Buch "Sidereus Nuncius" ("Sternenbote") hat Galilei diese Entdeckungen vorgestellt. Das 1610 erschienene Werk gilt nicht nur als Meilenstein in der Festigung des heliozentrischen Weltbilds, da zu Galileis Lebzeiten noch die Idee vorherrschte, die Sonne drehe sich um die Erde. Das Buch enthielt auch Abbildungen des Mondes, die Galilei selbst angefertigt hatte. Sie zeigen, dass der Erdtrabant eine pockennarbige Oberfläche besitzt - was damals neu war und Aristoteles' alter Vorstellung vom Mond als perfekter Kugel widersprach.

550 Exemplare des "Sidereus Nuncius" wurden 1610 gedruckt - mit den Mond-Abbildungen in Form von Kupferstichen. Jetzt aber ist in New York ein Buch aufgetaucht, das anstatt der Stiche Aquarelle enthält - offenbar gemalt von Galilei selbst. Sie deuten darauf hin, dass es sich hier um den ersten Druck des berühmten "Sidereus Nuncius" handelt. Horst Bredekamp, Kunsthistoriker an der Berliner Humboldt-Universität, hat die Zeichnungen gemeinsam mit William Shea von der Universität in Padua analysiert und dort das Ergebnis in einem Vortrag vorgestellt. Das einhellige Urteil der Experten: Die Zeichnungen sind echt.

Ein Buch, zwei Sensationen

Bisher war man davon ausgegangen, dass die Kupferstiche in den erhaltenen Ausgaben des "Sidereus Nuncius" auf sieben Zeichnungen Galileis basieren, die in seinem Nachlass erhalten sind. Die Zeichnungen werden gemeinsam mit dem Originalmanuskript des "Sidereus Nuncius" in der Nationalen Zentralbibliothek von Florenz aufbewahrt.

Als Bredekamp aber vor knapp zwei Jahren den "Sternenboten" aus New York in die Hände bekam, hat er die darin enthaltenen Zeichnungen mit denen aus Florenz und den Kupferstichen verglichen. "Es ist keine Frage, dass die Zeichnungen aus Florenz nichts mit den Stichen zu tun haben", sagt Bredekamp im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das ist die erste Sensation."

Die New Yorker Zeichnungen stimmten dagegen "eins zu eins" mit den Stichen überein. Nun könnte das auch bedeuten, dass die Zeichnungen nur Kopien der Kupferstiche sind. Aufwendige Analysen haben laut Bredekamp aber ergeben, dass die Zeichnungen vor den Stichen angefertigt wurden - "und dies ist die zweite Sensation", wie der Kunsthistoriker meint. "Wir haben nun aller Wahrscheinlichkeit nach die authentischen Vorzeichnungen von Galilei in dem Buch, mit dem er berühmt wurde." Seit hundert Jahren sei nichts Vergleichbares über Galilei aufgetaucht.

Hightech-Untersuchung bestätigte Echtheit

Es bestehe kaum ein Zweifel, dass die Kupferstiche in den heute bekannten Exemplaren des "Sidereus Nuncius" auf den jetzt entdeckten Zeichnungen basieren. Das habe unter anderem eine Fehleranalyse ergeben. "Alle Fehler, die in den anderen Ausgaben verteilt sind, befinden sich versammelt in dem New Yorker Buch", erklärt Bredekamp. "Da Fehler mit der Zeit ausgemerzt werden, ist die Ausgabe mit den meisten Fehlern logischerweise die älteste."

Der New Yorker Antiquitätenhändler Richard Lan hatte das Buch den Forschern zur Verfügung gestellt. "Ich bin zunächst von einer Fälschung ausgegangen", sagt Bredekamp. Im Verlauf der Untersuchungen aber habe sich die Authentizität in Vergleichen mit anderen Zeichnungen Galileis herausgestellt. Hinzu komme eine zweifelsfrei echte Signatur Galileis auf dem Titelblatt.

Um ganz sicher zu gehen, wurde das Buch mit Hightech-Verfahren untersucht. Laut Bredekamp waren unter anderem Experten des Berliner Kupferstich-Kabinetts, des Rathgen-Forschungslabors der Berliner Staatlichen Museen, des Bundesinstituts für Materialkunde und der Technischen Universität Berlin beteiligt. "Das sind weltweit anerkannte Institute, die historische Materialforschung betreiben." Die einwöchige material- und papierkundliche Untersuchung habe die zeitliche Bestimmung bestätigt: Das Buch wurde zwischen 1580 und 1640 gedruckt und bemalt.

"Unerhörte Entdeckung"

Die Chronologie der Entstehung des "Sidereus Nuncius" lief laut Bredekamp wahrscheinlich so ab: Etwa 30 der insgesamt 550 Exemplare hätten keinerlei Illustrationen enthalten. Galilei habe diese Bücher benutzt, um seine Zeichnungen eigenhändig hineinzumalen und so eine maßstabsgetreue Vorlage für die späteren Kupferstiche zu erhalten.

Bredekamp betont die Bedeutung des Buchs für die Forschung: Für die Wissenschafts- und Kunstgeschichte sei es "eine unerhörte Entdeckung". Es beweise, dass Galilei "auf dem Papier gedacht" habe. "Er hat als Zeichner die Vorstellung vom Kosmos revolutioniert."

Galileis Mondbuch wurde schnell zu einem Triumph, der seinen Ruhm begründete und überstrahlte - selbst als er später, von der Inquisition der Ketzerei angeklagt, seinen Glauben an Kopernikus' heliozentrisches Weltbild 1633 widerrief. Die Zeit bis zu seinem Tod am 8. Januar 1642 verbrachte Galilei unter Hausarrest. Erst 1992 - 350 Jahre später - wurde er von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert.



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