Sensationeller Meteoritenfund Wie ein Deutscher das Himmelsfeuerwerk entschlüsselte

Ein deutscher Meteoritensucher hat in Dänemark einen sensationellen Fund gemacht: Auf einer Wiese spürte er die Erklärung für ein spektakuläres Himmelsfeuerwerk auf - und fand einen Hinweis auf die absolute Frühzeit des Sonnensystems.

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Meteorschauer (über Jordanien, August 2005): "Ich möchte, dass er einen guten, fairen Finderlohn bekommt."
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Meteorschauer (über Jordanien, August 2005): "Ich möchte, dass er einen guten, fairen Finderlohn bekommt."


Gute Vorbereitung ist entscheidend, wenn man nicht von den Unwägbarkeiten der Welt auf dem falschen Fuß erwischt werden möchte. So oder ähnlich räsonierte man wohl in der dänischen Regierung, als ein Gesetz verabschiedet wurde, das Regeln zum Fund von Meteoriten auf dem Boden des kleinen Königreichs festschrieb. Wer befasst sich von Amts wegen mit den Zeugnissen aus der Ferne des Alls? Wird Finderlohn gezahlt, wenn die Objekte wie vorgeschrieben bei den dänischen Behörden abgegeben werden? Und so weiter.

Das war im Jahr 1989, der letzte Meteorit war in Dänemark im Jahr 1951 gefunden worden; davor wohl auch mal einer im 19. Jahrhundert. Das Gesetz war also gute Vorbereitung für einen Fall, der quasi nie eintritt. Und tatsächlich: Nach der Verabschiedung des elaborierten Regelwerks passierte zwei Jahrzehnte rein gar nichts. Doch Thomas Grau, 36, aus Bernau bei Berlin hat dafür gesorgt, dass sich das änderte. Grau gilt als Deutschlands einziger hauptberuflicher Meteoritensucher - und ist ebenfalls gut vorbereitet: Durch die Auswertung von Filmmaterial, Befragung von Augenzeugen und Computerberechnungen hat er schon drei Meteroritenfälle aufgeklärt und insgesamt 30 Meteoriten aufgespürt.

Mit dem Fund und Verkauf des sogenannten Neuschwanstein-Meteoriten an den Freistaat Bayern hat Grau vor einigen Jahren ein erkleckliches Sümmchen Geld verdient, und - zumindest in Fachkreisen - auch einige Anerkennung. Nun ist er, wie er sagt, "mitten auf der dänischen Insel Lolland" fündig geworden - und hat dort, wie es scheint, ganz besondere Trümmerstücke geborgen.

Grau war, gerade frisch am Knie operiert, insgesamt drei Wochen über die Insel gestapft. Auf der Suche nach einem Meteoriten, dessen spektakulärer Absturz über Nordeuropa Mitte Januar für ein bläulich-grünes Himmelsschauspiel gesorgt hatte. "Eine Überwachungskamera in Südschweden hat den Fall des Meteoriten zufällig gefilmt", beschreibt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE seinen entscheidenden Hinweis.

Gespräche mit Augen- und allem Ohrenzeugen brachten Grau auf die richtige Spur. Auf einer öffentlich zugänglichen Wiese, wo genau mag er nicht verraten, wurde der Steinschnüffler schließlich fündig. Er spürte insgesamt 30 Gramm des Meteoriten auf, zerbröselt in neun schwarze Fragmente. Zusammen sind sie so groß wie ein Tischtennisball. "Sie brauchen das Material nur zwischen den Fingern zu reiben, und sie bekommen viele kleine Brösel", beschreibt Grau seinen Fund.

Viereinhalb Milliarden Jahre alte Verbindungen

"Nach ersten Analysen unter dem Mikroskop handelt es sich um einen sogenannten kohligen Chondriten", erklärt Henning Haak im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Professor hat sein Büro im Geocenter von Kopenhagen und ist als Wissenschaftler am Naturhistorischen Museum Dänemarks unter anderem für die Meteoritensammlung verantwortlich. Er hat den Fund aus Lolland begutachtet und vermutet, dass es sich um einen seltenen sogenannten CM-Chondriten handelt, der unter anderem an seinen Calcium-Aluminium-reichen Einschlüssen (CAIs) erkennbar ist.

Das sind Verbindungen, die viereinhalb Milliarden Jahre alt sind - und damit aus der Geburtsphase des Sonnensystems stammen. In früher gefundenen kohligen Chondriten konnten Forscher auch organische Substanzen, darunter Aminosäuren, nachweisen. Für den auf Lolland gefundenen Meteoriten hat es solche Analysen bisher noch nicht gegeben. Damit er offiziell anerkannt wird, muss der Fund noch zertifiziert und in eine Datenbank eingetragen werden. Dann wird es weitere Analysen von interessierten Laboren aus aller Welt geben, die bei Haak um Material nachsuchen müssen. Allerdings dürften bei einer Gesamtmasse von nur 30 Gramm nur wenige Forscher auf entsprechende Anfragen eine positive Antwort bekommen.

Graus Fund macht vermutlich nur einen geringen Teil der ursprünglichen Meteoritenmasse aus. Bis zu einer Tonne könnte der Ostseemeteorit gewogen haben, bevor er in die Erdatmosphäre eintrat. Doch davon dürfte nicht mehr allzu viel übrig geblieben sein. Meteoritensucher Grau kann sich noch "zwei Dutzend kleinerer Stücke von der Größe, wie ich sie gefunden habe" vorstellen.

Wissenschaftler Haak hofft, dass noch weitere Fragmente auftauchen - in einer Art Wettlauf gegen die Zeit, weil das nunmehr wieder wachsende Gras mögliche Trümmer schon bald überwuchern wird. Außerdem pflügen die Bauern auf Lolland bald ihre noch nicht bestellten Felder - und lassen damit bis dahin noch nicht gefundene Brocken unwiederbringlich im Boden verschwinden.

Ein Problem sind auch Finder, die interessante Objekte nicht abgeben wollen. Denn Meteoritentrümmer sind im Internet eine viel - und vor allem teuer - gehandelte Ware, zum Teil weit wertvoller als Gold. Damit auch andere Fahnder sich an das dänische Gesetz halten und ihre Meteoritentrümmer brav bei den Behörden abgeben, will Forscher Haak bei Thomas Grau einen Präzendenzfall schaffen: "Ich möchte, dass er einen guten, fairen Finderlohn bekommt."



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