50. Todestag von Sergej Koroljow Russlands letztes Raumfahrtgenie

Sergej Koroljow war der Chefkonstrukteur der sowjetischen Raumfahrt. Mit dem Satelliten "Sputnik" und Jurij Gagarins Flug ins Weltall schrieb er Weltgeschichte. Weltweit bekannt wurde er allerdings erst nach seinem Tod vor 50 Jahren.

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Das Fliegen war sein Element. Der 1907 geborene Sergej Pawlowitsch Koroljow war begeisterter Segelflieger und entwickelte selbst Flugzeuge. Später baute er Raketen, der Satellit "Sputnik" und Jurij Gagarin starteten damit ins All. Sein "Sojus"-Raumschiff, das er einst für bemannte Flüge zum Mond konzipiert hat, und seine gleichnamige Trägerrakete sind bis heute das Herzstück der Raumfahrt Russlands.

Vor genau 50 Jahren, am 14. Januar 1966, starb Koroljow. Sein Tod kam früh und unerwartet, er wurde nur 59 Jahre alt. Mit ihm verlor die sowjetische Raumfahrt ihren Übervater. Den Namen dieses außergewöhnlichen Mannes erfuhren das Sowjetvolk und die Welt allerdings erst mit der Todesanzeige. Vorher hieß er aus Geheimhaltungsgründen nur "der Chefkonstrukteur". Selbst für den Nobelpreis wurde seine Identität nicht gelüftet.

Tragik und Triumph

Kaum eine Biografie spiegelt die Tragik und den Triumph der UdSSR so deutlich wider wie die Koroljows. Der "Vater der modernen sowjetischen Raumfahrt", wie er immer wieder genannt wird, entkam nur knapp dem Tod in Stalins Gulag und machte dennoch sein Land zur führenden Weltraumnation. 1938 hatte ihn ein karrieresüchtiger Ingenieur denunziert. Stalins Geheimdienstchef Jeshow ließ ihn verhaften, foltern und als "Volksschädling" für zehn Jahre zur Zwangsarbeit nach Sibirien verbannen.

Aus dem Lager im sogenannten Kolyma-Trakt wandte sich Koroljow mehrfach an den Obersten Gerichtshof und auch an Stalin persönlich. Er beteuerte seine Unschuld und bat, seinen Fall erneut zu verhandeln. Er schrieb: "Ich bitte Sie, mir Gelegenheit zu geben, meine Arbeit an Raketenflugzeugen zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der UdSSR fortzusetzen."

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Sowjetische Raumfahrttechnik: Von Koroljows Gnaden
Im Herbst 1940 holte der berühmte Flugzeugkonstrukteur Andrej Tupolew, damals selbst ein Gefangener, Koroljow nach Moskau in das Besondere Technische Büro (OTB), das zu den NKWD-Speziallagern gehörte. Er entwickelte hier Zusatzraketen für Kampfflugzeuge. Ab 1944 arbeiteten Koroljow und weitere namhafte Spezialisten an den Grundlagen für eine Interkontinentalrakete. Damals studierte er auch erstmals Teile von Hitlers "Wunderwaffe" V2, die von der vorrückenden Roten Armee in Polen erbeutet worden waren.

Bewährte Raketentechnik

Ein Jahr später sammelte Koroljow selbst im Nachkriegsdeutschland alles ein, was er von der V2-Produktion finden konnte. Bereits im Oktober 1948 startete die UdSSR erfolgreich ihre R-1, den Nachbau der V2. Und 1953 begann Koroljow mit der Entwicklung der R-7, einer Trägerrakete für Atomsprengköpfe.

Die zivilen Varianten der legendären "Semjorka" haben seit 1957 nicht nur die Sputniks sowie Mond-, Mars- und Venussonden, sondern auch die über 120 sowjetischen und russischen Kosmonauten sowie viele ausländische Astronauten, darunter sechs deutsche, ins All getragen. Bis heute versorgen die "Sojus"-Raumschiffe und deren Frachtversion "Progress" zuverlässig die Internationale Raumstation ISS mit Menschen und Material.

Wernher von Braun kontert mit Mondlandung

Koroljow, der erst 1957 voll rehabilitiert wurde, hat den Jungfernflug seines "Sojus"-Raumschiffs nicht mehr miterlebt. Er starb 1966, zwei Tage nach seinem 59. Geburtstag, nach einer Krebsoperation. Mit dem "Sputnik" und dem Flug Gagarins hat er aber die erfolgsverwöhnten USA extrem herausgefordert.

Neue Basis für Raketenstarts
Die konterten mit Wernher von Braun, der einst in Deutschland die V2 entwickelt hatte. Im Juli 1969 landete Armstrong auf dem Mond. Eigentlich wollten die Sowjets dort bereits 1968 Alexej Leonow absetzen. Doch der Plan scheiterte an Koroljows Tod. Seinem Nachfolger Wassili Mischin gelang es nicht, die Trägerrakete N-1 zum Fliegen zu bringen.

Als großer Antipode von Brauns, dem er nie begegnet ist, dessen Arbeiten er aber aus den Geheimdienstakten gut kannte, litt Koroljow sehr unter der Anonymität, die er mit allen führenden Raumfahrtexperten seines Landes teilte. Besonders bedrückte es ihn, als Parteichef Nikita Chruschtschow auf die Anfrage des Stockholmer Nobelpreiskomitees, wer denn der Schöpfer des "Sputnik" sei, antwortete: "Das ganze sowjetische Volk!" Dennoch arbeitete er als guter Patriot verbissen weiter und schickte vier Jahre später mit Gagarin den ersten Menschen in den Weltraum.

Warten auf ein neues Raumschiff

Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Koroljows ist die Lücke, die er hinterlassen hat, immer noch nicht geschlossen. Der geniale Wissenschaftler, Konstrukteur und Organisator fehlt dem Land, das derzeit wieder das Niveau der Sowjetzeit zu erreichen sucht, an allen Ecken und Enden. Keiner seiner Nachfolger war in der Lage, ihn auch nur annähernd zu ersetzen. Jahrzehntelang dämmerte die einstige Vorzeigebranche vor sich hin. Jetzt soll sie ein Staatskonzern namens GK Roskosmos aus der Rolle als "kosmischer Lohnkutscher" herausholen, wieder international wettbewerbsfähig machen und an die Weltspitze zurückführen.

Ein neues, zeitgemäßes Raumschiff, das wahrscheinlich Gagarins Namen erhält, ist als "Sojus"-Nachfolger in der Entwicklung. Wie die neue Trägerrakete "Angara" steht es aber frühestens Anfang des nächsten Jahrzehnts zur Verfügung. Bis dahin muss die alte von Koroljow entwickelte Kapsel, die seit 1967 Dienst tut und deren 6. Generation im Sommer an den Start geht, noch durchhalten.

Korrektur: Die Rakete V1 wurde nicht von Wernher von Braun entwickelt, wie es im Text fälschlicherweise hieß, sondern nur die V2.

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