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Raumfahrer Sigmund Jähn: "Wer Angst hat, ist im falschen Beruf"

Ein Interview von Christoph Seidler

Raumfahrer aus der DDR: Der Kosmonaut Sigmund Jähn Fotos
DPA

Was erwartet Alexander Gerst, wenn er am Mittwoch ins All startet? Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, weiß es. Er verrät, wie sich eine harte Landung anfühlt - und wie es mit der Raumstation ISS weitergehen könnte.

Sechs Monate Schwerelosigkeit stehen dem deutschen Astronauten Alexander Gerst bevor. Mit einer "Sojus"-Rakete hebt der Esa-Raumfahrer am Mittwochabend vom Weltraumbahnhof Baikonur ins All ab, zusammen mit seinen Kollegen Maxim Surajew (Russland) und Reid Wiseman (USA). Für 166 Tage soll Gerst dann an Bord der Internationalen Raumstation bleiben. Für ihn stehen rund 100 Experimente auf dem Bordstundenplan.

Dazu gehören zum Beispiel materialwissenschaftliche Versuche mit einem neuen Schmelzofen ("Elektromagnetischer Levitator"), aber auch Tests in den Gebieten Physik, Medizin und Astrobiologie. Gersts Rakete wird vom selben Startplatz abheben wie im Jahr 1961 der Kosmonaut Jurij Gagarin, der erste Mensch im All.

In der kasachischen Steppe war vor beinahe 36 Jahren auch der erste Deutsche in den Orbit gestartet: Sigmund Jähn, Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, der erste und einzige Kosmonaut der DDR. Er ist auch jetzt wieder beim Start dabei.

Zur Person
Sigmund Jähn, 77, war der erste Deutsche im All. Als Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee der DDR flog er im Spätsommer 1978 zur sowjetischen Raumstation "Saljut 6". Die Mission dauerte 7 Tage, 20 Stunden und 49 Minuten. Nach seiner Rückkehr wurde Jähn in den DDR-Medien gefeiert und von der NVA zum Generalmajor befördert. Nach der Wende arbeitete er als Berater für DLR und Esa.
SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt es sich an, wenn Tausende Tonnen Treibstoff zünden und eine "Sojus"-Rakete abhebt?

Jähn: Das ist aufregend, man startet ja nicht jeden Tag mit einer Rakete. Wer da behauptet, dass der Puls nicht schneller wird, der lügt. Die körperliche Beanspruchung hält sich aber in Grenzen - obwohl die Raumfahrer mit dem Vierfachen der Erdbeschleunigung belastet werden. Für mich als Jagdflieger war das kein Problem. Und für junge, gesunde Menschen wie Alexander Gerst sollte das auch in Ordnung sein.

SPIEGEL ONLINE: Denkt man beim Start über die Risiken der Mission nach?

Jähn: Das ist zu spät, das muss man vorher bedenken. Wenn man in der Rakete sitzt, kann man sich keine philosophischen Gedanken mehr machen. Und wer zu viel Angst hat, ist als Astronaut sowieso im falschen Beruf.

SPIEGEL ONLINE: Die russische Raketentechnik hat sich seit Ihrem Flug kaum weiterentwickelt. Ist das nicht ein Problem?

Jähn: Die Sojus ist eine der sichersten Raketen, die es gibt. Jede Unregelmäßigkeit der bisherigen Flüge ist ausgewertet worden - und hat dafür gesorgt, dass die Rakete ständig weiterentwickelt wurde. Ich würde mir also keine Sorgen machen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ziel war die kleine sowjetische Station "Saljut 6", Gerst fliegt zur deutlich größeren Internationalen Raumstation - aber das Problem ist gleich: Man ist mit anderen Menschen auf sehr engem Raum eingesperrt. Nervt das?

Jähn: Als Raumfahrer will man vor allem eines: fliegen. Da relativieren sich alle anderen Probleme wie die Enge. Ich habe jedenfalls keine negativen Erinnerungen.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Landung am Ende ihres Fluges 1978 gab es Probleme. Der Fallschirm löste sich zu spät, die Kapsel überschlug sich mehrfach in der Steppe, sie wurden verletzt. Kann so etwas auch heute noch passieren?

Jähn: Eine harte Landung kann immer wieder mal vorkommen. Bei uns war klar, dass zur Landung starker Wind herrschen würde. Trotzdem entschieden sich die Verantwortlichen, dass wir nicht noch einen Tag länger im All bleiben sollten. Bei der Landung hat der Kommandant dann den Schalter für das Abtrennen des Fallschirms verfehlt. Wir wurden vom Wind erfasst und haben uns am Boden mehrfach überschlagen. Mit so etwas muss man leben.

SPIEGEL ONLINE: Raumfahrt ist immer ein politisches Geschäft. Das war auch bei Ihrem Flug schon so. Heute überschattet die Ukraine-Krise die Kooperation bei der Internationalen Raumstation. Erwarten sie da ernsthafte Probleme?

Jähn: Die Leute, die da Probleme machen, sind entweder bösartig oder unvernünftig. Sehen Sie sich hier in Baikonur doch um: Hier sind Amerikaner, Russen, Europäer. Es wäre ein Unding, wenn ein Politiker verfügen könnte, dass das alles aufhört. Für die Raumfahrer spielt es keine Rolle, aus welchem Land sie kommen. Sie haben eine gemeinsame Mission.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Russen die Beförderung von Amerikanern und Europäern komplett einstellen?

Jähn: Das werden sie nicht tun. Denn dazu müssten sie die Verträge brechen und die in Jahrzehnten aufgebauten Hoffnungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit aufgeben. Das wird nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: Könnte Russland die ISS womöglich allein betreiben - ohne die Einnahmen durch die zahlenden Mitfluggäste?

Jähn: Theoretisch könnte man den amerikanischen Teil vielleicht Stück für Stück abkoppeln. Aber darüber will ich gar nicht nachdenken. Das wäre ein Rückfall in die kosmische Steinzeit.

Das Interview führte Christoph Seidler

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insgesamt 57 Beiträge
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    Seite 1    
1.
brainstorm 27.05.2014
Ich bin dafür, dass man so schnell wie möglich die Kooperation mit den rechtsradikalen Ultranationalisten im Kreml beendet. Die freie Welt muss relativ zeitnah ihr vollkommen eigenes, von den Diktaturen unabhängiges Programm ins Leben rufen. Eventuell lässt sich der gernegroß Putin damit sogar in einen neue Wettlauf um die Vorherrschaft im All verwickeln, welches dann die UDSSR 2.0 finanziell erneut ruiniert.
2. optional
thomas.b 27.05.2014
Sigmund Jähn, Held meiner Jugend. Und er hat Recht: Die Raumfahrer demonstrieren Weltpolitik, indem sie gemeinsam für die Sache arbeiten. Daran können sich Politiker und Funktionäre gern ein Beispiel nehmen.
3. Lebt der Mann vom Soli
michael.gosch 27.05.2014
Zitat von brainstormIch bin dafür, dass man so schnell wie möglich die Kooperation mit den rechtsradikalen Ultranationalisten im Kreml beendet. Die freie Welt muss relativ zeitnah ihr vollkommen eigenes, von den Diktaturen unabhängiges Programm ins Leben rufen. Eventuell lässt sich der gernegroß Putin damit sogar in einen neue Wettlauf um die Vorherrschaft im All verwickeln, welches dann die UDSSR 2.0 finanziell erneut ruiniert.
4. Kosmonaut Alexander Gerst...
spon_1177036 27.05.2014
...so muss das heissen, wie auch Kosmonaut Sigmund Jähn. So, jetzt redigieren wir noch mal den Artikel schön, auch die Bildunterschriften, da war es auch falsch.
5. Der Jähn?
Das Grauen 27.05.2014
Ist der jetzt nicht Taxifahrer? Das war doch vor'n paar Jahren im Fernsehn.
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