Mysteriöses Signal aus dem All Forscher zweifeln an Alien-Hypothese

Ein russisches Teleskop hat ein auffälliges Radiosignal von einem fernen Sonnensystem aufgefangen. Stammt es von Außerirdischen? Astronomen haben erhebliche Zweifel.

Radioteleskop Ratan-600 im Kaukasus
imago/ Russian Look

Radioteleskop Ratan-600 im Kaukasus


Die Nachricht klang spektakulär: "Mysteriöses Radiosignal von sonnenähnlichem Stern registriert", meldete die Webseite "Sciencealert". "Haben Aliens die Erde kontaktiert?", fragte "Daily Mail".

Was war geschehen? Das russische Radio-Teleskop Ratan-600 hatte am 15. Mai 2015 ein ungewöhnliches Signal aufgefangen, das aus der Richtung des sonnenähnlichen Sterns HD 164595 kam. Er ist mehr als 90 Lichtjahre von uns entfernt und man weiß, dass er von einem Planeten umkreist wird. Womöglich gibt es dort sogar ein ganzes Planetensystem.

In einer E-Mail an das Seti-Projekt, das nachaußerirdischem Leben fahndet, haben russische und ein italienischer Forscher die Entdeckung nun in einer kurzen Präsentation beschrieben. Demnach gab es im Rauschen, das Ratan-600 aufgenommen hat, einen auffälligen Ausschlag, der nicht einmal zwei Sekunden dauerte. Die registrierten Radiowellen haben eine Frequenz von 11 Gigahertz. Das ist nicht allzu weit entfernt von den Frequenzen, die Fernsehsatelliten wie Astra nutzen.

"Ich war nicht beeindruckt"

Das Teleskop Ratan-600 steht im nördlichen Kaukasus und hat einen Durchmesser von knapp 600 Metern. Es scannt schon seit 1974 den Himmel ab, wobei kreisförmig angeordnete Platten Funksignale auf Empfänger im Innern des Teleskops reflektieren.

Das mysteriöse Signal aus dem All machte unter Alien-Fans weltweit schnell die Runde, doch inzwischen dämpfen Forscher die Euphorie, dass es von einer fernen Zivilisation stammen könnte. "Ich habe mir die Präsentation angeschaut, ich war nicht beeindruckt", schreibt etwa Eric Korpela, der an der University of California in Berkeley für das Projekt Seti@home arbeitet. Es nutzt die ungenutzte Rechenpower von Computern weltweit, um aufgezeichnete Radiosignale zu durchforsten.

Nur in einem von 39 Scans des Spots am Himmel sei das Signal überhaupt aufgefangen worden, erklärt Korpela. Bei Seti@home habe man Millionen vergleichbarer Signale entdeckt, aber man brauche auf jeden Fall mehrere Messungen, eine einzelne reiche nicht.

Der Astronom weist außerdem darauf hin, dass Ratan-600 einen vergleichsweise großen Frequenzbereich erfasst hat, weshalb verschiedene Ereignisse als Quelle in Frage kommen, etwa ein Ausbruch auf der Sternoberfläche oder ein Event im Hintergrund, das nur scheinbar von HD 164595 ausgeht. Korpela hält es auch für denkbar, dass im Moment der Messung ein Satellit genau durch das kleine Fenster am Himmel gehuscht ist, den das Teleskop beobachtet hat.

Gegen ein Alien-Signal spricht auch der enorme Energiebedarf, den das Erzeugen der Radiowellen in über 90 Lichtjahren Entfernung erfordern würde. Darauf weist Seth Shostak hin, Astronom beim Seti-Projekt.

Gigantischer Energiebedarf

Hätte eine fremde Zivilisation das Funksignal gezielt Richtung Erde geschickt, wäre dafür nach Shostaks Kalkulation eine Leistung von einer Billion Watt nötig. Das entspricht rund der Hälfte der elektrischen Leistung aller Kraftwerke weltweit zusammen. Sollte das Signal gar gleichmäßig in alle Richtungen abgestrahlt worden sein, wäre der Bedarf Hunderte Male größer als alles Sonnenlicht, das die Erde erreicht.

"Beide Szenarien erfordern einen Aufwand weit über dem, den wir Menschen treiben könnten", schreibt Shostak. "Und es wäre auch kaum zu verstehen, warum jemand ausgerechnet unser Sonnensystem mit einem starken Signal ins Visier nehmen sollte."

Nach Bekanntwerden der rätselhaften Messung haben Forscher auch mit einem anderen Radioteleskop, dem Allen Telescope Array (ATA) in Kalifornien, den Stern HD 164595 untersucht, berichtet Shostak. Auffälligkeiten habe man dabei bislang keine entdeckt.

hda

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