Von Benjamin Bidder, Moskau
Wenn alles wie geplant läuft, dann wird sich Alexander Smolejewski, 32, am 9. Februar 2011 bereit machen für die letzte Etappe seiner Mission. Smolejewski, braunes Haar, untersetzte Statur, wird eine tiefgekühlte Broccolicremesuppe und Gehacktes in die Mikrowelle schieben, eine letzte Stärkung, bevor er sich in den 30 Kilogramm schweren Raumanzug wuchtet. Dann tritt er aus der Landekapsel heraus - auf den sandigen Boden des Mars.
Smolejewski, ein Militärarzt der kosmischen Streitkräfte Russlands, nimmt am längsten Isolationsexperiment in der Geschichte der Weltraumwissenschaft teil: Am Donnerstag lässt er sich gemeinsam mit zwei weiteren Probanden aus Russland und je einem Italiener, Chinesen und Franzosen am Moskauer Institut für Biomedizinische Probleme (IMBP) in den Nachbau einer Raumfähre einschließen. "Mars500" heißt das Projekt. In Echtzeit soll die Crew einen Flug zum Mars proben. 520 Tage, so lang würde nach heutigem Stand der Antriebstechnik eine Mission zum Roten Planeten ungefähr dauern: 250 Tage für den Hinflug, 240 Tage für den Rückweg und 30 Tage für einen Aufenthalt auf der Marsoberfläche.
Selbst die unwirtliche Umgebung auf dem Mars wurde in Moskau nachmodelliert: In einem Container, mit Sand, Steinen und billigen Lichterketten, die den Sternenhimmel imitieren sollen.
Einer der Teilnehmer, der Kosmonautentrainer Alexej Sitjow aus St. Petersburg, tauscht gar nur wenige Wochen nach seiner Hochzeit das Ehebett gegen eine Pritsche in der kosmischen Männer-WG ein - und verschiebt die Flitterwochen auf 2011.
Was für Sitjow und seine Gattin Jekaterina die erste Belastungsprobe ihrer junge Ehe wird, gilt als Meilenstein auf dem Weg zu bemannten Missionen in den interplanetaren Weltraum. Forscher erhoffen sich von dem 15-Millionen-Dollar-Projekt der europäischen Weltraumagentur Esa und Roskosmos Erkenntnisse für einen richtigen Marsflug - und sprechen gar schon von einem "Geschichte machenden Experiment".
Drei Quadratmeter pro Kajüte
"Botschka", Tonne, nennen die Männer am IMBP das beengte Röhrensystem, das sie 520 Tage miteinander teilen müssen: schmale Wohnmodule, vergleichbar mit jenen von der Internationalen Raumstation ISS. Drei Quadratmeter umfassen die sechs Kajüten der Männer, mit hellem Holz verkleidete Verschläge, ausgestattet mit einer schmalen Pritsche. Die Wände zieren Poster sowjetischer Raumfahrerlegenden, von einem Plakat lächelt Juri Gagarin, der vor 49 Jahren als erster Mensch die Erde umkreiste.
Am schlimmsten sei die Monotonie gewesen, berichten Teilnehmer einer Vorlaufstudie über 105 Tage im vergangenen Jahr. "Ich weiß seitdem Kleinigkeiten zu schätzen - den blauen Himmel oder das Zwitschern der Vögel", sagt Oliver Knickel, als Deutscher damals von der Esa entsandt. Immerhin ist die "Tonne" für "Mars500" inzwischen umgerüstet worden: Es gibt jetzt eine Dusche. Knickel und seine Kollegen hatten Körperhygiene noch mit nassen Tüchern betreiben müssen.
Dieses Mal wollten die Deutschen wieder gern einen Astronauten für "Mars500" stellen, wurden aber innerhalb der Esa von den Italienern ausgebremst. Die einflussreiche Esa-Direktorin Simonette Di Pippo, in der Raumfahrtagentur zuständig für bemannte Missionen, drückte ihren Landsmann Diego Urbina durch. Das sei eine "zu hundert Prozent politische Entscheidung gewesen", wundern sich russische Projektteilnehmer.
Zwar sind die Männer um Bordarzt Smolejewski am Moskauer Boden weder kosmischer Strahlung noch der Schwerelosigkeit ausgesetzt. Dennoch soll das Experiment Erkenntnisse liefern, wie der Mensch auf die extremen Belastungen eines Langzeitflugs reagiert, vor allem auf die lange Isolation.
Tatsächlich stellt der Mensch selbst auf einsamen Langzeitmissionen ein unkalkulierbares Risiko dar. So lieferte sich 1967 der Kommandeur der US-Mission "Apollo 7", statt Befehlen aus Houston Folge zu leisten, heftige Wortgefechte mit Mission Control, weil er "noch nichts gegessen" und "einen Schnupfen" habe. Die aufmüpfige Crew entfernte sämtliche Messsensoren, die der medizinischen Überwachung dienten.
"Gewisse Persönlichkeitsveränderungen"
1988 stellten die Kosmonauten Musa Maradow und Gennadi Titow nach mehr als einem Jahr auf der Raumstation "Mir" - russisch für "Frieden" - zwar einen neuen Dauerrekord im All auf, brachen aber ganz unfriedlich wegen Zwistigkeiten jede Kommunikation untereinander ab. Das Bodenpersonal diagnostizierte besorgt "gewisse Persönlichkeitsveränderungen" bei den Männern im Orbit. Erst die Ehefrauen brachten die Männer wieder zur Besinnung, nachdem sie Titow und Musadow per Funk in ein Kreuzverhör verwickelten.
In der Neujahrsnacht 2000 kam es gar zu Handgreiflichkeiten bei einem Isolationstest im Moskauer Institut für Biomedizinische Probleme, in dem nun auch der Flug zum Mars simuliert wird. Zwei Russen droschen aufeinander ein, ein dritter wurde zudringlich. Der Mann wollte eine Kanadierin gegen ihren Willen küssen, suchte den Übergriff mit "interkulturellen Differenzen" zu rechtfertigen.
In der Moskauer "Tonne" stehen die Männer deshalb unter Dauerbeobachtung. Mehr als 40 Kameras überwachen das Leben in dem Pseudo-Raumschiff, ausgenommen nur Toiletten und die Mini-Dusche. Rund um die Uhr steht ein Team aus russischen Psychologen bereit - auch, um im schlimmsten Fall eingreifen zu können. Abgebrochen werden soll das Experiment jedoch noch im absoluten Notfall. Wird ein Crewmitglied krank oder verletzt, soll Bordarzt Smolejewski zunächst selbst die Versorgung übernehmen, mit telemedizinischer Hilfe vom "Boden".
Sogar den Muskelschwund einer langen Reise in der Schwerelosigkeit wird die Crew simulieren: Bevor der Landungstrupp sich aufmacht zur Marsoberfläche werden Smolejewski und zwei weitere Männer 30 Tage lang das Bett, oder besser gesagt, Spezialwannen mit leichter Neigung hüten, damit mehr Blut in den Kopf fließt, als die Gravitation sonst auf der Erde erlaubt.
"Ich beschäftige mich jetzt schon seit 12 Jahren mit kosmischer Medizin", sagt Bordarzt Smolejewski. "Für mich ist das die Gelegenheit, vieles von dem, was ich gelernt habe, am eigenen Körper zu erfahren." Langweilig werde ihm wohl unterwegs nicht werden. Sein neuer Mitbewohner Wang Jue will dafür sorgen. "Der Chinese hat schon versprochen, er werde die Zeit an Bord zu nutzen wissen", berichtet Smolejewski. "Er will uns allen Chinesisch beibringen."
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