Space Shuttle: Der lange Abschied von der "Discovery"

Aus Cape Canaveral berichtet Alexander Stirn

Die dienstälteste Raumfähre der Nasa fliegt ein letztes Mal ins All: In wenigen Stunden soll die "Discovery" zu ihrem finalen Einsatz abheben. Er markiert den Anfang vom Ende einer 30-jährige Ära der Raumfahrt, für viele Karrieren bei der US-Raumfahrtbehörde - und für das Symbol einer ganzen Region.

Space Shuttle: Der letzte Flug der "Discovery" Fotos
REUTERS

Mike Leinbach ist niemand, der gerne Gefühle zeigt - zumindest nicht öffentlich. Seine Stimme klingt emotionsloser als die eines Steuerprüfers, seine Mundwinkel hängen tiefer als die von Angela Merkel.

Dabei hätte Leinbach allen Grund, sentimental zu sein: Seit 27 Jahren arbeitet der Ingenieur nun schon für die US-Raumfahrtbehörde Nasa, sein gesamtes Berufsleben hat er dem Space Shuttle gewidmet. Er hat Sicherheitssysteme ersonnen, er hat Unfälle untersucht, inzwischen steht er als Startdirektor an der Spitze des Shuttle-Programms.

Und genau dieses Projekt muss Mike Leinbach nun abwickeln. Oder, wie er es lieber nennt: zu einem erfolgreichen Ende führen.

Es ist ein Abschied auf Raten. Den Anfang macht die dienstälteste Raumfähre, die "Discovery": Nach monatelangen Verzögerungen und vielen technischen Problemen soll die alte Dame der US-Raumfahrt am Donnerstag um 22.50 Uhr deutscher Zeit zu ihrer 39. und letzten Mission ins All starten. Geht alles nach Plan, werden die andere beiden verbliebenen Raumfähren, die "Endeavour" und die "Atlantis", im April und Juni zu ihren Abschiedstouren aufbrechen. Dann ist Schluss. Nach mehr als 30 Jahren.

Für Emotionen offiziell kein Platz

"Das ist schon hart, besonders für die Ingenieure, die zum Teil mehrere Jahrzehnte an der 'Discovery' gearbeitet haben", sagt Leinbach, und es klingt so, als ob das für ihn nicht gelte. Sein Kollege Mike Moses, der das Missionsteam des anstehenden Flugs leitet, sagt sogar: "Wir haben das Ende des Shuttle-Programms so viele Jahre lang vorbereitet, dass es für mich persönlich keine besondere Bedeutung mehr hat." Die Botschaft ist klar: Die volle Aufmerksamkeit gilt dem nächsten Flug, das Programm soll sauber zu Ende gebracht werden, für Sentimentalitäten ist - zumindest offiziell - kein Platz.

Außerhalb des streng bewachten Geländes des Kennedy Space Centers sieht das ganz anders aus. Die Region an der Ostküste Floridas lebt vom Shuttle, vor allem aber lebt sie mit dem Shuttle: Die Orbiter zieren stolz die örtlichen Autokennzeichen, sie fliegen in Ballonform im Supermarkt, selbst die Klettergerüste im Fast-Food-Restaurant sind den Raumfähren nachempfunden.

Das Interesse am letzten Flug der "Discovery" ist enorm. Mehr als 1100 Journalisten - ein Vielfaches früherer Missionen - haben sich angemeldet, sagt Allard Beutel, Pressechef des Kennedy Space Centers. Alles in allem erwarte die Nasa rund 40.000 Gäste auf dem Startgelände am Banana River; selbst Ticketpreise von bis zu 59 Dollar konnten die Menschen nicht abhalten. Die Hotels entlang der Space Coast, wie sich die Region selbst nennt, sind seit Tagen ausgebucht, die Parkplätze der Mietwagenfirmen am Flughafen von Orlando leergefegt. Lediglich ein paar Minivans warten noch auf Abholer. Es ist ein letztes Aufbäumen, eine bittersüße Abschiedsvorstellung. Bereits im April, drei Wochen nach der geplanten Landung der "Discovery", steht am Kap die nächste Runde der Entlassungen an.

"Discovery" flog die Nasa aus der Krise

Dabei war es ausgerechnet die "Discovery", die der Region und dem gesamten Shuttleprogramm immer wieder neues Leben eingehaucht hat: Als die Raumfähre "Challenger" 1986 kurz nach dem Start explodierte, flogen zwei Jahre lang keine Shuttles. Die "Discovery" brach den Bann. Die gleiche Verantwortung übernahm sie auch 2005, 30 Monate nach dem Absturz der "Columbia".

"Die 'Discovery' ist eine phantastische Maschine, sie hat uns nie im Stich gelassen", sagt Nasa-Manager Leinbach. "Sie fliegt enorm gut, mit äußerst wenigen Problemen im Orbit." In der Tat war es dieses Mal nicht der Orbiter, der ein ums andere Mal für eine Startverschiebung gesorgt hatte, sondern der orangebraune Haupttank. Ursprünglich hätte die "Discovery" bereits Anfang November starten sollen, dann trat Wasserstoff aus dem Tank aus, schließlich entdeckten Techniker an seiner Außenhaut einen kleinen Riss.

Beim genaueren Nachschauen tauchten immer mehr Risse auf. Der komplette Shuttle musste zurück in den Hangar gefahren werden. Erst kurz nach Weihnachten konnten die Ingenieure den Auslöser des Schadens ermitteln. Offensichtlich hatte es Schwierigkeiten bei der Produktion und Verarbeitung einer Aluminiumlegierung gegeben, die in der Außenhülle des Tanks eingesetzt wird. "Es war eines der am schwersten zu knackenden Probleme in der Geschichte des Shuttle-Programms", sagt Leinbach. "Aber jetzt sollte alles fehlerfrei funktionieren."

Aluminiumlegierung macht Ärger

Die neuerlichen Probleme zeigen aber auch, dass es gut ist, das Shuttle-Programm nach 30 Jahren endlich zu beenden: Die gleiche Aluminiumlegierung war bereits in den Außentanks früherer Flüge verbaut worden. "Wir können nicht ausschließen, dass es schon damals zu Schäden gekommen ist, nur hat sie niemand bemerkt", sagt Bill Ondocsin, Tank-Ingenieur am Marshall Space Flight Center der Nasa in Huntsville (US-Bundesstaat Alabama).

Es ist ein allzu vertrautes Szenario. Sowohl die "Challenger" als auch die "Columbia" sind abgestürzt, weil die Nasa-Manager seit langem bestehende Probleme nicht erkannt oder als nicht schwerwiegend eingeschätzt hatten. Immerhin: Dieses Mal hat man das Problem bemerkt und entsprechend gehandelt. Ondocsin nimmt ein grün gestrichenes Metallstück in die Hand - eine Rippe, die den Außentank in Form hält. Ihr oberer Teil kommt dabei indirekt mit minus 180 Grad Celsius kaltem, flüssigem Sauerstoff in Berührung, der untere Abschnitt bleibt ungekühlt.

Normalerweise sollte das Metall die enormen Kräfte, die dabei entstehen, abfangen. "Das fehlerhafte Aluminium ist aber wie Keramik gebrochen", sagt Ondocsin. Da kein neuer Tank mehr produziert werden kann, müssen Metallstreifen auf beiden Seiten der Rippen für die nötige Festigkeit sorgen. Exakt 99 Verstrebungen mussten die Ingenieure modifizieren, mit jeder waren sie fünfeinhalb Stunden beschäftigt. "Wir haben uns Zeit genommen, wir haben das Problem angepackt, jetzt starten wir wieder", sagt Leinbach. Fehler finden, Fehler beheben und fehlerfrei fliegen ist längst zum unfreiwilligen Mantra des Shuttle-Programms geworden.

Irgendwelche Sorgen? Leinbach schüttelt kaum sichtbar den Kopf. "Wir werden den Tank zwar sehr genau beobachten, gehen das Ganze aber so an wie jede andere Mission auch." Alltagsgeschäft eben. "Interessant wird es eher am Tag der Landung", sagt Leinbach und stockt kurz. "Dann werden wir wohl doch den einen oder anderen sehen, der an der Landebahn eine Träne verdrückt."

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1. Start heute Abend
klausd_ 24.02.2011
Und heute Abend ab 20:15 gibt es einen Deutschen Livestream zum Start auf www.spacelivecast.de!
2. Bin live dabei
SG1-RL 24.02.2011
Ich mache mich in ca. 20 min auf den Weg nach Titusville, was ungefaehr eine halbe Autostunde von Orlando entfernt um den Shuttlestart live mitzuerleben. Beste Gruesse aus Orlando
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