Space Shuttle "Nur Krieg ist riskanter"

Die amerikanische Raumfähre "Atlantis" steht kurz vor dem Start - dem letzten eines Space Shuttles. Für John Logsdon ist das kein Grund zur Trauer: Im Interview spricht der US-Raumfahrtexperte über mangelnde Sicherheit im All, lästert über sparwütige Politiker - und kritisiert Obamas Mars-Pläne.


SPIEGEL ONLINE: Professor Logsdon, nach 30 Jahren, 135 Missionen und mehr als 870 Millionen zurückgelegten Kilometern soll nun endgültig Schluss mit den Shuttle-Flügen sein. Kommt der Abschied zur rechten Zeit?

Logsdon: Nein, er kommt mindestens 20 Jahre zu spät. Ohne Zweifel war der Shuttle ein bemerkenswertes Raumschiff, mit dem großartige Dinge geleistet wurden. Aber er war ein Raumschiff der ersten Generation, das längst hätte ersetzt werden müssen - nicht zuletzt weil es die hohen Erwartungen nie erfüllen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Bei seinem Jungfernflug im Jahr 1981 versprach die Nasa günstige, sichere, routinemäßige Starts ins All.

Logsdon: Ja, aber der Shuttle erwies sich als zu komplex, zu teuer und vor allem zu riskant: Bereits in den ersten Jahren des Programms erkannten die Verantwortlichen, dass sie sich sicherheitstechnisch auf sehr dünnem Eis bewegen. Sie verschlossen aber die Augen. Und schon 1985 gab es Ideen für eine zweite, zuverlässigere Shuttle-Generation. Doch nichts ist passiert.

SPIEGEL ONLINE: Ein Jahr später brach die "Challenger" kurz nach dem Start auseinander. Warum wurde das Programm nicht schon damals eingestellt?

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Space Shuttles: Letzter Vorhang für die Raumfähren
Logsdon: Weil schlichtweg keine Alternative in Sicht war. Die USA wollten es sich aber nicht leisten, in Zeiten des Kalten Krieges viele Jahre keinen eigenen Zugang zum All zu haben. Zudem hätte ein sofortiges Ende des Shuttle-Programms auch das Aus für das Weltraumteleskop "Hubble" und die Jupitersonde "Galileo" bedeutet, deren Entwicklung weit fortgeschritten war, die aber nur mit einem Shuttle gestartet werden konnten.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre Kritik an den Shuttles nicht ein wenig überzogen? Die totale Sicherheit kann es doch gerade in der Raumfahrt nicht geben. Und auch wenn es angesichts der Abstürze von "Challenger" und "Columbia" zynisch klingen mag: Alle anderen 132 Shuttle-Missionen verliefen sicher, und der letzte Flug der "Atlantis" wird wahrscheinlich keine Ausnahme sein.

Logsdon: "Sicher" ist ein relativer Begriff. Shuttle-Flüge, da genügt ein Blick in die Statistik, gehörten zu den riskantesten Dingen, die ein Staat unternehmen konnte - wahrscheinlich nur noch übertroffen von den Plänen, junge Männer zum Sterben in einen Krieg zu schicken. Sicherer hätte man die Shuttles auf jeden Fall machen können. Nur wäre das unverhältnismäßig teuer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Aber immerhin hätte man nach dem "Challenger"-Unglück mit dem Bau eines Nachfolgers beginnen können.

Logsdon: Hätte? Müsste! Dass das nicht passiert ist, ist für mich ein Zeichen eines eklatanten Versagens der politischen Führung. Kaum ein US-Präsident hat sich in den vergangenen Jahrzehnten für ein gutes Raumfahrtprogramm starkgemacht. Alle haben sich mit einem Programm begnügt, das gerade gut genug war. Barack Obama macht da übrigens keine Ausnahme. Leider.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Shuttle-Programm war doch alles andere als billig. Mehr als 120 Milliarden Dollar soll es insgesamt gekostet haben, jeder Flug schlug zuletzt mit gut einer Milliarde Dollar zu Buche. Als die Nasa das Programm Anfang der siebziger Jahre dem Kongress vorstellte, versprach sie Kosten von 50 Millionen Dollar pro Start. Haben die Nasa-Manager damals gelogen?

Logsdon: Ich würde nicht von Lügen sprechen. Sie waren in ihren Annahmen einfach extrem optimistisch. Gleichzeitig waren sie aber auch verzweifelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Logsdon: Diese Menschen hatten gerade das "Apollo"-Programm abgeschlossen und waren überzeugt, dass es für sie keine Grenzen gibt. Sie sahen aber auch die Gefahr, ohne den Shuttle ihrer Arbeit beraubt zu werden. Da neigt man schon mal zur Übertreibung. Das Tragische daran: Die immens hohen Unterhaltskosten für den Space Shuttle haben es der Nasa 30 Jahre lang praktisch unmöglich gemacht, andere Aktivitäten in der bemannten Raumfahrt zu starten.

SPIEGEL ONLINE: Das Geld steht jetzt wieder zur Verfügung. Kommt der große Befreiungsschlag?

Logsdon: Schön wär's. In mehr als 40 Jahren habe ich das amerikanische Raumfahrtprogramm noch nie so durcheinander und so ungewiss erlebt wie in diesen Tagen.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Obama hat doch klare Ziele: 2025 soll es zu einem Asteroiden gehen, zehn Jahre später zum Mars.

Logsdon: Einen Asteroiden als nächstes Ziel auszugeben, war in meinen Augen ein Fehler - und zwar ein politischer Fehler. Obama hätte den Mond als Nahziel nie aufgeben dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Kann es wirklich eine Herausforderung sein, mehr als 40 Jahre nach "Apollo" nochmals zum Mond zu fliegen?

Logsdon: Einmal davon abgesehen, dass die Nasa noch keine Vorstellung hat, wie sie überhaupt zu einem Asteroiden kommen soll, ist ein zwei Meilen großer, kaum sichtbarer Felsbrocken einfach nicht attraktiv. Er erregt keine Aufmerksamkeit, keine Begeisterung. Bei einem handfesten, deutlich sichtbaren Ziel wie dem Mond wäre das ganz anders.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre aber ein rein symbolisches Projekt. Sollten stattdessen nicht neue wissenschaftliche Erkenntnisse und der Aufbruch zu unbekannten Welten im Mittelpunkt der Raumfahrt stehen?

Logsdon: Natürlich wäre es toll und wissenschaftlich interessant, auf einem Asteroiden zu stehen. Aber das fesselt nicht die Massen und schon gar nicht die Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Eine Mondmission sollte also nur deshalb auf die Agenda rücken, weil die Chancen größer sind, dass der Kongress sie finanziell unterstützt?

Logsdon: Sicher ist das natürlich auch nicht. Eines sollten wir aus dem Shuttle-Programm und all seinen Problemen aber gelernt haben: Es reicht nicht, nur über Raumfahrt zu reden. Die Politik muss endlich auch das nötige Geld dafür herausrücken.

Das Interview führte Alexander Stirn

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
hinderschannes 07.07.2011
1. Kein Geld...
füe sinnlose Raumfahrtabenteuer und sinnlose Untergrundbahnhöfen. Berliner Stadtschloss dito. So lange Menschen im Winter frieren müssen und weniger als 15 Euro/h verdienen - niemals.
mimas101 07.07.2011
2. Warum legen
nicht alle Nationen zusammen und starten eine Mars-Mission? Das was in die Militär-Budgets geht kann man auch ins Sonnensystem investieren. Irgendwann wird mal die Situation kommen wo wir Rohstoffe von anderen Planeten benötigen werden damit hier die neueste 3-Monats-Generation an LCD-TVs hergestellt werden kann.
HappyLuckyStrike 07.07.2011
3. Lächerlich.
Zitat von hinderschannesfüe sinnlose Raumfahrtabenteuer und sinnlose Untergrundbahnhöfen. Berliner Stadtschloss dito. So lange Menschen im Winter frieren müssen und weniger als 15 Euro/h verdienen - niemals.
Irgendwer muß in dieser finsteren Bude mal das Fenster öffnen.
Frederik72 07.07.2011
4. ...
Zitat von hinderschannesfüe sinnlose Raumfahrtabenteuer und sinnlose Untergrundbahnhöfen. Berliner Stadtschloss dito. So lange Menschen im Winter frieren müssen und weniger als 15 Euro/h verdienen - niemals.
Wenn sie das so sehen, hätten die Menschen die Erde nie vollständig besiedelt, sondern würden immer noch irgendwo in der Steppe Afrikas leben und wären vielleicht sogar ausgestorben. Ob das nicht besser gewesen wäre steht wo anders geschrieben.
Layer_8 07.07.2011
5. Ja...
Zitat von HappyLuckyStrikeIrgendwer muß in dieser finsteren Bude mal das Fenster öffnen.
...immer die gleichen Nörgler und Miesepeter. Wenns nach denen gegangen wäre, würden wir noch im Mittelalter leben.
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