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Kommentar zum SpaceShipTwo-Absturz: Die Lüge vom einfachen Weg ins All

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SpaceShipTwo-Katastrophe: Explosion bei der Raketenzündung Zur Großansicht
REUTERS

SpaceShipTwo-Katastrophe: Explosion bei der Raketenzündung

Seht her, es geht viel billiger ins All. Das war das Mantra privater Raumfahrtunternehmen wie Virgin Galactic. Ihre Hybris lag vor allem in der Außendarstellung. Die Techniker wussten, vor welch gigantischen Aufgaben sie stehen.

Ein toter Pilot, ein schwerverletzter Kollege - der katastrophal gescheiterte Testflug des privaten Raumflugzeugs SpaceShipTwo zeigt klar: Die Eroberung des Weltraums ist noch immer ein brandgefährliches Wagnis. Im tragischsten Sinn des Wortes. Da hilft es nichts, dass telegene Manager wie Virgin-Chef Richard Branson die Risiken gern als Herausforderungen weggelächelt haben. Die müsse man einfach nur beherzt angehen - dann verschwänden sie schon.

Das mag gut klingen, doch es ist Unfug.

"Vergiss die Regeln und lerne stattdessen aus praktischen Erfahrungen" - das schrieb Branson wenige Tage vor der Katastrophe in einem Beitrag im Netz. Und weiter: "Man kann so viel lernen, dadurch dass man nicht weiß, wie man die Sachen 'richtig' macht, und stattdessen lernt, sie auf seine eigene Art und Weise zu machen." Aus heutiger Sicht kann man das nur zynisch nennen. Gelegentlich ist das Einhalten von Regeln dann wohl doch eine gute Idee.

Die beiden Testpiloten an Bord des SpaceShipTwo wussten, wie gefährlich ihr Job war. Und ihre Familien und Freunde wussten das auch. Wer auf einem beachtlichen Haufen von Explosivstoffen sitzt, gibt sich keinen Illusionen hin. Genau wie professionelle Raumfahrer die Risiken ihres Geschäfts kennen - und sie bewusst in Kauf nehmen. Weil das Weltall und der Weg dorthin unbeschreiblich faszinierend sind. Und weil sie mit der Gefahr zu leben gelernt haben.

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Absturz von "SpaceShipTwo": Virgins Raumfähre ist verunglückt
Viele der Menschen, die seit Jahren Reservierungen für Flüge mit dem SpaceShipTwo gebucht haben - Promis genau wie gut betuchte Weltraum-Enthusiasten - teilen die Faszination für das All. Doch das heißt nicht, dass sie auch die korrekte Wahrnehmung der Risiken teilen. Zwischen Imagefilmen und schmucken Computeranimationen vergisst man schnell, dass das Abenteuer sehr ernste Gefahren für Leib und Leben birgt.

Zwei Unglücke in nur einer Woche

Die Hybris der privaten Raumfahrtunternehmen lag bisher vor allem in der Außendarstellung. Die Techniker wussten sehr wohl, vor welch gigantischen Aufgaben sie stehen. So hatte Scaled Composites, der Hersteller des SpaceShipTwo schon lange Schwierigkeiten mit den Antrieben. Nach Jahrelanger Entwicklung wurde erst in diesem Jahr ein komplett neues Design vorgestellt. Deswegen verzögerte sich auch der Erstflug immer wieder - und Virgin-Chef Branson wurde ungeduldig.

Doch für die Öffentlichkeit und für die Politik sollte alles ganz einfach aussehen: Seht her, es geht billiger und besser ins All - also lasst uns mal machen. Das war das Mantra der All-Privatiers. Und viele wollten das auch gern glauben, auch wenn sie es hätten besser wissen müssen. Besonders eindrücklich ist diese Realitätsverleugnung beim Projekt "Mars One". Da haben sich allen Ernstes Zehntausende Menschen für einen Flug zum Mars beworben. Ohne Rückkehrmöglichkeit wohlgemerkt. Dass die Technik nicht da ist, dass die Finanzierung fehlt, dass vor allem die ethischen Fragen vollkommen ungeklärt sind - wen interessiert das schon?

Private können im All alles besser - binnen einer Woche hat diese Strategie in den USA massiven Schaden genommen. Erst am Dienstag explodierte eine unbemannte Antares-Rakete der Firma Orbital Sciences gleich nach dem Start vom Weltraumbahnhof Wallops. Am Freitag zerschellte dann mit dem SpaceShipTwo der Traum vom einfachen Reisen an den Rand zum Weltall auf dem Boden der Mojave-Wüste.

Beide Unglücke werden gründlich untersucht und aufgearbeitet werden. Es werden unbequeme Fragen gestellt werden. Im Fall des SpaceShipTwo zum Beispiel nach einer neuen Triebwerkskonfiguration, die beim Katastrophenflug getestet wurde. Doch klar ist auch: Die Abstürze werden den Trend zur Privatisierung der Raumfahrt nicht stoppen. Schon allein, weil man in den USA keine Alternativen hat.

Mit Sicherheit wird man sich nach dieser rabenschwarzen Woche aber auch an eine unbequeme - und teure - Wahrheit erinnern: Beim Start ins All wird es so etwas wie Routine auf sehr lange Sicht nicht geben.

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1. Deswegen nennt man es
joki81 01.11.2014
Bei der NASA, und auch bei Roskosmos geht man in der Regel äußerst gewissenhaft vor, wenn neue Systeme getestet werden. Daher haben diese staatlichen Weltraumagenturen vergleichsweise wenige Unglücke mit Todesfällen. Wenn dagegen bei einer privaten Firma der Eigentümer drängelt, passiert eben sowas. MarsOne wird sicherlich ein Himmelfahrtskommando werden. Allerdings nicht, weil keine Rückkehr eingeplant ist, sondern weil die Planung nicht wirklich professionell ist. Die Marsmission müsste im Prinzip eine komplett autarke Gesellschaft aufstellen, inklusive lokalem Abbau sämtlicher Rohstoffe, einer chemischen Industrie, und verarbeitenden Manufakturen. Das würde jedoch zuviel Geld kosten, also konzipiert man es stattdessen so, dass die "Big Brother"-Astronauten eben nur so lange leben, bis ihre Ersatzteile verschlissen sind.
2. Lüge?
KJB 01.11.2014
Hat nie jemand gesagt das es einfach ist, auch Branson nicht. Anstatt an 2 Unglücken dieser Woche die Gefahren wieder aufzubauschen und Kritik zu üben sollte man auch im Hinterkopf behalten das die privaten bisher mit relativ wenig Geld viel erreicht haben. Das es Rückschläge gibt ist doch normal, selbst bei der neuentwicklung von im vergleich so etwas simplem wie einem neuen Automodell mit alternativem antrieb sterben testfahrer oder explodieren gastanks. Risiko und Rückschlag sind von vornherein in die Vision einkalkuliert.
3. Es ist gut, zu sehen...
enhardir 01.11.2014
dass die Physik das neoliberale Dogma, dass die Privatwirtschaft alles besser kann als eine staatliche Organisation mal eben einfach so ad absurdum führt.
4. Zwei paar Schuhe
chiefseattle 01.11.2014
Während Branson etwas Neues wagt, bauen die Amerikaner alte Sowjet-Triebwerke in ihre Raketen um Geld zu sparen. Der SpaceShipTwo Absturz gehört zum Wagnis des Neuen, während die Antares-Rakete eher schrottreif war.
5. Illusionen
mps58 01.11.2014
Es ist eine Illusion zu glauben, Spitzentechnologie sei billig zu haben. Dabei ist es völlig egal ob dies in privater oder öffentlicher Hand geschieht. Mit der Weitergabe der Verantwortung an die Privaten wollen sich die Politiker lediglich eine reine Weste erhalten. Auch bei Kostensteigerungen von Verteidigungsprojekten wird ja bequem immer alle Schuld auf die böse Industrie geschoben. Auch die Presse macht es sich hier oft sehr einfach, aber dieser Artikel ist eine lobenswerte Ausnahme. Vielen Dank dafür!
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