Sparprogramm: Glos kassiert deutsche Mondmission

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Mond bleibt fernes Ziel (hier im US-Staat Washington, Januar 2008): Mission zurückgestellt

Eine deutsche Forschungsmission zum Mond wird es vorerst nicht geben. In den Etatplanungen der Bundesregierung ist dafür kein Geld vorgesehen. Die Mission dürfte nicht zuletzt an politischen Ränkespielen gescheitert sein.

Berlin - Es wäre ein Atlas der besonderen Art geworden: Eine dreidimensionale, farbige Karte der Mondoberfläche mit einer nie gekannten Auflösung, aufgenommen aus gerade einmal 50 Kilometern Höhe. Die dafür nötige HRSC-L-Kamera wäre nur eines von rund einem Dutzend Experimenten gewesen, die mit dem "Lunaren Erkundungsorbiter" ("Leo") ab 2012 für vier Jahre den Mond umkreist hätten. Es ging darum, eine fast paradoxe Situation aufzulösen: Mittlerweise weiß die Menschheit mehr über den Mars als über den Mond, von dessen Oberfläche gerade einmal ein Fünftel vernünftig kartiert ist.

Vor knapp anderthalb Jahren angekündigt, sollte die deutsche Forschungsmission zum Erdtrabanten ein überzeugender Beweis für die Leistungsfähigkeit der deutschen Raumfahrtindustrie werden. Die eine halbe Tonne schwere Hauptsonde und ein rund 150 Kilogramm schwerer Subsatellit wären technologisch höchst anspruchsvoll gewesen. "Auch nach den Mondlandungen im Rahmen des amerikanischen Apollo-Programms wissen wir nur sehr wenig über die Beschaffenheit des Mondes", hatte Walter Döllinger, Direktor für Raumfahrtprogramme beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE für die Mission geworben.

Aus der Politik hatte das DLR damals durchaus positive Signale erhalten. Sogar eine Landung auf dem Mond war zeitweise debattiert worden. Doch nun wird klar: Die deutsche Mondsonde wird vorerst nicht abheben. Der Adler ist auf dem Boden der finanzpolitischen Realität gelandet. "'Leo' wurde vor dem Hintergrund der Haushaltskonsolidierung zurückgestellt", sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums SPIEGEL ONLINE am Samstag. Auch das DLR bestätigte das Aus.

Rund 350 Millionen sollte die Mission kosten, verteilt über einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren. Das war der Regierung offenbar zu viel Geld. Die "Braunschweiger Zeitung" schreibt, Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) habe zwar die "Leo"-Mittel in den Haushaltsverhandlungen angemeldet. Im gerade beschlossenen Haushaltsentwurf und der mittelfristigen Finanzplanung der Regierung habe er sich aber nicht durchsetzen können.

Das Paradoxe daran: Die Budgets für das DLR und das Nationale Weltraumprogramm steigen im kommenden Jahr sogar merklich an: Beim DLR sind im Jahr 2009 308 Millionen Euro verfügbar (2008: 235 Millionen Euro), für das Nationale Weltraumprogramm gibt es 229 Millionen Euro (2008: 191 Millionen Euro). Experten sagen, dass mit diesen Mitteln der Einstieg in das "Leo"-Programm durchaus möglich gewesen wäre - den politischen Willen vorausgesetzt.

Doch die Weichen wurden offenbar anders gestellt; es lässt sich nur spekulieren, warum. Fließen sollen die zusätzlichen Mittel in den Ausbau eines Leistungszentrums "Automation und Robotik" am DLR-Standort Oberpfaffenhofen. "Bayern profitiert", frohlockt die CSU auf ihrer Webseite - möglicherweise auf Kosten der Mondmission. Die FDP-Forschungsexpertin Ulrike Flach wetterte im Gespräch mit der "Braunschweiger Zeitung", CSU-Mann Glos habe in den Etatverhandlungen im Kabinett nicht hinter dem Vorhaben gestanden: "Er macht mit den Raumfahrtgeldern lieber bayerische Landespolitik, statt seiner Aufgabe als Technologieminister nachzukommen."

Ein Szenario, das durchaus überzeugend klingt: Das Finanzministerium suchte Haushaltsposten zum Streichen, das Wirtschaftsministerium war froh, einen Posten zum Streichen zu haben, über den man sich nicht allzu sehr aufregte - et voilà.

Die deutschen Planetenforscher sind nach der Entscheidung desillusioniert: "Das wäre eine Leuchtturmmission gewesen", beklagte der Berliner Planetenforscher Gerhard Neukum im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir hätten alle anderen Nationen, die sich derzeit auf den Weg zum Mond machen, technologisch geschlagen."

Gebaut werden sollte die Sonde bei EADS-Astrium, die Technologiefirma OHB sollte wichtige Teile zuliefern. Deutschland wäre mit "Leo" ohnehin ein Spätstarter auf dem Weg zum Mond gewesen, für den sich unter anderem Missionen Japan, China und den USA interessieren - aber immerhin.

Auch Harald Hiesinger von der Universität Münster, der wie Neukum mit einem Experiment auf "Leo" vertreten gewesen wäre, ist stocksauer: "Ich mache mir Sorgen um das Fortbestehen unseres Institutes", beklagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zwei Jahre lang hätten seine Mitarbeiter das an der Konzeption von "Leo" mitgearbeitet, "fast komplett auf eigene Kosten". Er sehe die Entscheidung "mehr als kritisch"; immerhin habe sich das DLR aber sehr um das Projekt bemüht.

Für die Zukunft, so sagt Hiesinger, fehlten allerdings die Perspektiven: "Es ist ein Problem, dass das DLR keinen Plan B in der Tasche hat. Auch dort ist man Opfer einer phantasie- und konzeptlosen Wissenschaftspolitik."

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