Spektakuläre Bilder Hubble öffnet sein neues Auge

Schon die ersten Fotos der neuen Hubble-Kamera versetzen Forscher in Verzückung: Das vor wenigen Wochen am Weltraumteleskop montierte Instrument liefert atemberaubende Einblicke ins Universum.


Wenn die beteiligten Astronomen die Fotos der neuen Hubble-Kamera beschreiben sollen, geraten sie ins Schwärmen: "Sie gehören zu den besten Bildern des fernen Universums, die Menschen je gesehen haben", begeistert sich Holland Ford von der Johns Hopkins University, unter dessen Leitung das Instrument von den Ausmaßen einer Telefonzelle konstruiert wurde.

Die 76 Millionen Dollar teure Advanced Camera for Surveys, die Astronauten während der letzten Wartungsmission Anfang März am Weltraumteleskop montiert hatten, durfte ihre Fähigkeiten an vier eindrucksvollen Motiven unter Beweis stellen. Die Fotos, von der US-Raumfahrtbehörde Nasa am Dienstagabend auf einer Pressekonferenz präsentiert, zeigen spektakuläre Galaxienkollisionen und Nebelgebiete in selten gesehener Farbenpracht.

Schwanz aus Sternen: Die Kaulquappen-Galaxie (UGC 10214) im Sternbild Drache ist durch die Kollision mit einem kleineren Begleiter aus den Fugen geraten, der als blauer Fleck am oberen linken Rand der Spirale zu erkennen ist. Der kosmische Zweikampf in rund 420 Millionen Lichtjahren Entfernung spielt sich vor einem spektakulären Hintergrund aus weiteren 6000 Galaxien ab - doppelt so viele wie auf der legendären "Deep Field"-Aufnahme, die Hubble 1995 mit altem Instrumentarium anfertigte. Ungeheuer aus Gas und Staub: Der Nebel NGC 2264 im Sternbild Einhorn präsentiert sich als gigantische Säule mit leuchtend rotem Rand. Das monströse Gebilde wurde von der Strahlung junger und heißer Sterne über Millionen von Jahren aus interstellaren Gasmassen herausgemeißelt. Wie der berühmte Adlernebel ist auch NGC 2264 eine Sterngeburtsstätte: In seinen dichtesten Regionen, die der Strahlung am längsten standhalten, können sich Sonnen und Planeten zusammenballen.
Farbenprächtiger Kindergarten: Der 5500 Lichtjahre entfernte Omeganebel im Sternbild Schütze wird von der ultravioletten Strahlung massiver Jungsonnen, die rechts oberhalb des Bildausschnittes liegen, festlich ausgeleuchtet. Die Farbenvielfalt entsteht durch Licht verschiedener Wellenlängen, das von angeregten Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- und Schwefelatomen abgegeben wird. Einige dichtere Stellen trotzen dem Strahlengewitter der heißen Sterne, darunter ein Gebilde am linken Bildrand, das in seiner Form an den berühmten Pferdekopfnebel erinnert. Kosmischer Paartanz in 300 Millionen Lichtjahren Entfernung: Das seltsame Duett NGC 4676 im Sternbild Haar der Berenike besteht aus zwei Spiralgalaxien, die sich ineinander verfangen haben und in ferner Zukunft verschmelzen werden. Die enge Begegnung hat die Aktivität der beiden Partner, die wegen ihrer langen Schwänze aus Sternen und Gas auch "Die Mäuse" genannt werden, kräftig angeheizt: Die blauen Regionen bestehen aus neu gebildeten Sternen, deren Geburt durch die Wechselwirkung begünstigt wurde.


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Die neue Kamera besitzt ein doppelt so großes Sichtfeld wie das bisherige Hauptinstrument von Hubble, die Wide Field Planetary Camera 2, und übertrifft sie auch deutlich in puncto Auflösung und Empfindlichkeit. Diese Qualitäten werden etwa an der nun veröffentlichten Aufnahme der merkwürdig verzerrten Kaulquappen-Galaxie UGC 10214 deutlich: Obwohl das Bild nur ein Zwölftel der Zeit belichtet wurde, die das Teleskop 1995 noch für seinen berühmten "Deep Field"-Blick in die Tiefen des Universums benötigte, sind hinter dem Hauptmotiv noch Tausende von fernen Galaxien zu erkennen.

Mit dem Riesenauge des fliegenden Observatoriums wollen die Astronomen die bislang leuchtschwächsten Objekte festhalten und so tiefer ins Weltall vordringen als je zuvor. Die Forscher erhoffen sich neue Aufschlüsse über die kosmische Kindheit: "Wir werden in der Lage sein", so Ford, "in die zwielichtige Phase des Universums vorzustoßen, in der die ersten Galaxien begannen, aus der Dunkelheit hervorzutreten."

Martin Paetsch



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