SpaceX-Flug Mein Haus, mein Auto, mein Mini-Satellit

Am Montagabend beginnt das Zeitalter der Raumfahrt für jedermann: Eine Rakete auf dem Weg zur Raumstation ISS bringt mehr als hundert winzige Satelliten ins All, jeder hat einen anderen Besitzer. Ein Forscher verwirklicht seine Idee vom perfekten Liebesbeweis.

Von

Ben Bishop

Mein Haus, mein Auto, mein Swimmingpool - so geht der klassische Dreiklang des Rumprotzens. Nun bietet sich für den Angeber von Welt eine weitere Kategorie an: mein Satellit. Am Montagabend beginnt das Zeitalter der Raumfahrt für wirklich jedermann.

Eine "Falcon 9"-Rakete des US-Unternehmens SpaceX bringt bei einem Versorgungsflug zur Internationalen Raumstation (ISS) auch einen Schwarm Mini-Satelliten ins All, genau 104 Stück. Und jeder von ihnen hat einen anderen Besitzer.

Hinter der Aktion steckt ein Team um Zachary Manchester von der Cornell University in Ithaca (US-Bundesstaat New York). Dort hat man auch die Satelliten erdacht: Sie sind jeweils dreieinhalb mal dreieinhalb Zentimeter klein - trotzdem finden darauf Solarpaneele, ein Mini-Computer, ein 10-Milliwatt-Sendemodul und, zumindest bei der Hälfte der Exemplare, ein Sensor Platz. Er misst zum Beispiel die Stärke des Magnetfelds oder die Temperatur und funkt die Ergebnisse zur Erde. Die restlichen Satelliten senden eine vorher festgelegte Kennung als Lebenszeichen.

Früher war Raumfahrt nur etwas für reiche Staaten. Heute ist die Privatisierung des Alls in vollem Gang: Die Amerikaner greifen für Flüge zur ISS auf Unternehmen wie SpaceX und Orbital Sciences zurück. Beim Google-Lunar-X-Prize wollen Privatiers im kommenden Jahr unbemannte Fahrzeuge auf dem Mond absetzen. Unternehmer wie Richard Branson verkaufen - trotz technischer Schwierigkeiten - Reisen für Privatleute an die Grenze zum All. Und Enthusiasten in Kopenhagen basteln an einer Rakete, die Ähnliches erreichen soll - mit Teilen aus dem Baumarkt. Die Mini-Satelliten sind da nur eine logische Fortsetzung.

Kein Weltraumschrott soll zurückbleiben

Funkamateure auf der ganzen Welt können auf der Frequenz 437.24 Megahertz die Ergebnisse erlauschen - genau wie es die Bodenstation von Manchester und die Kollegen an der Cornell University tun. "Das ist auf dem technischen Niveau von 'Sputnik', nur 50 Jahre später", sagt der Forscher scherzhaft. Und zu einem Bruchteil der Kosten.

Bezahlt wurden die je siebeneinhalb Gramm leichten Mini-Satelliten von Raumfahrtenthusiasten auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Dort hatte Manchester vor zweieinhalb Jahren einen Aufruf gepostet. Für nur 300 Dollar konnten Fans den Traum vom eigenen Raumgerät wahr machen. Rund hundert Unterstützer taten dies. Drei von ihnen kommen aus Deutschland, darunter die "Leonardo"-Wissenschaftsredaktion des Radiosenders "WDR 5". Andere gaben kleinere Summen, einfach weil sie das Projekt sympathisch fanden. Innerhalb weniger Tage kamen 74.586 Dollar zusammen.

"Sprites" heißen die Mini-Satelliten. Man kann das als Kobold oder Elfe übersetzen. Es gibt aber auch das gleichnamige Phänomen, bei dem wundersame Lichteffekte durch die Atmosphäre geistern. Und genau das tun die kleinen Raumfahrzeuge ja auch. Alle neunzig Minuten sausen sie einmal um die Erde.

Kaum jemals zuvor sind so kleine Objekte absichtlich im All ausgesetzt worden - abgesehen von einem Experiment, bei dem das US-Militär Anfang der Sechziger mehr als 400 Millionen feinste Kupferdrähte, die sogenannten Westford Needles, in fast 4000 Kilometern Höhe verstreute. Damit sollte die globale Funkkommunikation verbessert werden. Doch stattdessen sorgte die metallene Wolke für haufenweise Weltraummüll - bis heute irrlichtern noch Nadeln durchs All.

)Bei den "Sprites" soll das nun besser laufen. Sie haben nur eine kurze Lebenszeit, sagt Manchester, "irgendwo zwischen zwei und drei Tagen". Dann verglühen die Winzlinge in der Erdatmosphäre.

Und doch ist der Schwarm der Selbstmach-Satelliten mehr als eine kurzfristige Spinnerei: "Dieses Projekt ist Teil einer längerfristigen Vision. Wir wollen zeigen, dass die Technik funktioniert", so Manchester. Sein Plan: Schon bald könnten fliegende Teams von kleinen Billig-Satelliten zum Beispiel Daten des Erdmagnetfelds in bisher ungekannter Präzision sammeln. Sogar zur Erkundung anderer Planeten dürften sich "Sprites" eignen, verspricht er. Wenn beim Jungfernflug alles klappt.

Per Sprungfeder in den Orbit

Beim Start am Montagabend machen die fliegenden Winzlinge nur einen geringen Teil der Fracht aus. Die "Dragon"-Kapsel an der Spitze der "Falcon 9" bringt zwei Tonnen Versorgungsgüter und Experimentiermaterial zur Internationalen Raumstation, dazu gehört nach Problemen mit den bisherigen Modellen auch ein reparierter Raumanzug.

Schon rund eine Viertelstunde nach dem Abheben werden aber erst einmal die Mini-Satelliten in 325 Kilometern Höhe ausgesetzt, zunächst in einer Art Verpackung namens "Kicksat". In diesem Satelliten von der Größe eines Schuhkartons sind die "Sprites" gestapelt wie Schokotäfelchen in einer Box mit Naschereien. Erst gut zwei Wochen nach dem Start werden die Mini-Satelliten über einen Feder-Mechanismus in den Orbit geschnipst - damit es kein Risiko für den ISS-Betrieb gibt.

Fragt man Zachary Manchester, was der Transport der Mini-Satelliten ins All eigentlich gekostet hat, dann muss er lachen: nichts. Grund ist das sogenannte Elana-Förderprogramm der Weltraumbehörde Nasa. Damit werden US-Unis unterstützt, die Kleinsatelliten ins All schicken wollen. Offiziell sind die "Sprites" ein Uni-Projekt, sagt Manchester: "Das ist meine Doktorarbeit." Doch "Kicksat" ist noch mehr - und zwar eine Liebeserklärung an seine Frau: Auf dem Transportbehälter sind die Namen der Unterstützer eingraviert. Und ganz unten steht: "Zac liebt Becky".

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
zila 14.04.2014
1. Weltraumschrott
Jede Menge Wegwerfsatelliten ohne wissenschaftlichen Nutzwert in einem Orbit, niedrig genug damit sie eine Gefahr fuer andere Fahrzeuge darstellen, hoch genug um nie zu vergluehen. Was ein Geniestreich! Irgendwann wird man die bemannte Raumfahrt wohl einstellen koennen bei all dem Muell im All.
benutzer8472 14.04.2014
2.
Zitat von zilaJede Menge Wegwerfsatelliten ohne wissenschaftlichen Nutzwert in einem Orbit, niedrig genug damit sie eine Gefahr fuer andere Fahrzeuge darstellen, hoch genug um nie zu vergluehen. Was ein Geniestreich! Irgendwann wird man die bemannte Raumfahrt wohl einstellen koennen bei all dem Muell im All.
Zitat aus dem Artikel: "Bei den "Sprites" soll das nun besser laufen. Sie haben nur eine kurze Lebenszeit, sagt Manchester, "irgendwo zwischen zwei und drei Tagen". Dann verglühen die Winzlinge in der Erdatmosphäre."
maxossi 14.04.2014
3. Botschaft im Weltraum
Eine ähnliche Möglichkeit eine besondere Botschaft ins All zu schicken gibt es schon bald durch ein junges Studententeam aus Dresden. Auf einer Höhenforschungsrakete des DLR startet ihr wissenschaftliches Experiment MOXA und bietet die Möglichkeit Nachrichten in die Schwerelosigkeit mitzunehmen. Noch gibt es freie "Plätze", die Nachricht kann unter http://www.rexus-moxa.de/index.php/ymis abgeschickt werden!
maxossi 14.04.2014
4. Botschaft im Weltraum
Eine ähnliche Möglichkeit eine besondere Botschaft ins All zu schicken gibt es schon bald durch ein junges Studententeam aus Dresden. Auf einer Höhenforschungsrakete des DLR startet ihr wissenschaftliches Experiment MOXA und bietet die Möglichkeit Nachrichten in die Schwerelosigkeit mitzunehmen. Noch gibt es freie "Plätze", die Nachricht kann unter http://www.rexus-moxa.de/index.php/ymis abgeschickt werden!
reever_de 14.04.2014
5. Wie jetzt?
Ich dachte immer dort "oben" sind schon zehn- und hunderttausende von Klein- und Kleinsttrümmern und anderem Weltraumschrott verstreut? Müssen dann noch hunderte neu aus Spaß zugefügt werden?
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